Im Prozess um die getötete Greta (3)

Ehemalige Freundin der Erzieherin packt aus: Sie log für Aufmerksamkeit

Sandra M. soll die dreijährige Greta in einer Viersener Kita getötet haben.
© Privat

02. Dezember 2020 - 18:33 Uhr

Von Rebekka Kaiser

Vor dem Landgericht Mönchengladbach läuft der Mordprozess gegen die Erzieherin Sandra M. Sie soll die dreijährige Greta in einer Viersener Kita umgebracht haben. Am dritten Verhandlungstag geht es vor allem um eins: die Glaubwürdigkeit der Angeklagten. Und die scheint zu zerbrechen. Denn Zeugen aus ihrem Familien- und Freundeskreis belasten die 25 Jahre alte Angeklagte, zeichnen das Bild einer Frau, die in ihrer "eigenen Welt" lebt. Und spektakuläre Geschichten erfand, um sich die Aufmerksamkeit ihrer Mitmenschen zu sichern.

Mutter der toten Greta (3) im Gerichtssaal

Mit geröteten Augen, gesenktem Haupt und einem seelischen Beistand aus der JVA an ihrer Seite – so verfolgt Sandra M. am Montag die Verhandlung. Seit Monaten sitzt die 25-Jährige in U-Haft, sie wirkt vor Gericht wie ein junges, zerbrechliches Mädchen. Auf der anderen Seite des Saals sitzt die Mutter der toten Greta (3) – also jenem Mädchen, deren Brustkorb die Kita-Erzieherin Sandra M. bis zum Atemstillstand zugedrückt haben soll. Sie blickt die Angeklagte immer wieder an, während diese spricht. Es wirkt fast, als wolle sie begreifen, was Sandra M. für ein Mensch ist.

Sandra M. erklärte, sexuell missbraucht worden zu sein

Diese Frage treibt auch die Kammer merklich um. So kommt Richter Lothar Beckers immer wieder auf einen Vorfall zu sprechen, der Sandra M.s junges Leben stark beeinflusst haben soll: der angebliche sexuelle Missbrauch durch ihren Onkel. Die 25-Jährige hatte am zweiten Verhandlungstag überraschend geschildert, dass ihr Onkel versucht habe, sich an ihr zu vergehen. Am dritten Verhandlungstag soll sich Sandra M. nun abermals zu dem Vorfall äußern. Ihre Verteidiger lassen das zu – genau das könnte sich im weiteren Verfahren aber als Fehler erweisen.

Die Kita-Erzieherin wird vom Richter aufgefordert, noch mal zu schildern, was 2010 angeblich auf einem Hotelzimmer irgendwo in Deutschland geschah. Wie ihr Onkel über sie herfiel, als die Tante kurz Zigaretten holen war, wie sie ins Bad floh, sich dort einschloss und wartete, bis die Tante zurückkam. Richter Lothar Beckers fragt immer wieder nach Einzelheiten dieses Tages, fordert damit, dass die Angeklagte sich festlegt. Am Schluss scheint er skeptisch. "Sagen Sie mal, ist das alles wirklich so passiert?", fragt er Sandra M. unumwunden. Sie beharrt auf ihrer Aussage: "Ja!" Doch kurz darauf erscheinen vier Zeugen aus Sandra M.s Familien- und Bekanntenkreis, die ihre Glaubwürdigkeit deutlich in Zweifel ziehen und das Bild von einer Frau skizzieren, die offenbar gerne mit abenteuerlichen Geschichten aufwartet.

Heldengeschichten, die keine waren

Als Erste sagt Sina L. (25) aus, sie war sieben Jahre lang eng mit Sandra M. befreundet. Beide lernten sich in einer Fachhochschule kennen. Sina L. sagt, Sandra M. sei lange Zeit eine gute Freundin gewesen, immer hilfsbereit und nett. Allerdings sei ihr früh aufgefallen, dass Sandra M. immer mal wieder Unwahrheiten erzählen und übertreiben würde. So beschreibt sie eine junge Frau, die einen Hang zum Erzählen von spektakulären Geschichten hat, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

Ein Beispiel: Sandra M. hat offenbar mehreren Menschen aus ihrem Umfeld erzählt, einer Frau bei einem Überfall im Wald rettend zur Seite gesprungen zu sein. Daraufhin sei Frau die geflohen und vom Angreifer mit einem Messer im Gesicht verletzt worden. Eine Heldengeschichte mit tragischem Höhepunkt. Angeblich schickte Sandra M. ihren Freunden sogar ein Foto von ihrem Gesicht mit Wunden. Doch diese Erzählung von Sandra M. entpuppte sich offenbar als eine Mär. Der Vorfall soll sich nie ereignet und Sandra M. die Verletzungen selber beigebracht haben.

Sandra M. wurde wütend, wenn man ihr nicht glaubte

Viersen: Bemalte Steine liegen nach Gretas (3) Tod vor dem Eingang der Kindertagesstätte
Bemalte Steine liegen nach Gretas (3) Tod vor dem Eingang der Kindertagesstätte in Viersen.
© dpa, Sascha Rixkens, mg

Die Zeugin Sina L. nennt dem Gericht weitere Ereignisse, bei denen sie den Eindruck hatte, dass Sandra M. lügt. "Sie hat sich entweder als Heldin oder als Opfer dargestellt", fasst Sina L. zusammen. Glaubt man der Zeugin, dann folgten die Geschichten der Kita-Erzieherin immer demselben Muster. So habe Sandra M. auch erzählt, wie sie einem kleinen Jungen in einer Kita half, als dieser angeblich einen epileptischen Anfall erlitten habe. Angeblich habe sie das so gut gekonnt, weil sie ja als Kind selbst unter Epilepsie gelitten habe. Bestätigt ist bislang nicht, dass Sandra M. unter dieser Krankheit litt. Manchmal, sagt Sina L., habe sie ihre Freundin damit direkt konfrontiert, wenn ihr etwas nicht plausibel vorgekommen sei. Daraufhin sei Sandra M. oftmals "wütend" geworden.

Zweifel an Glaubwürdigkeit der Angeklagten

Viele Zeugen äußern sich auch positiv über Sandra M., beschreiben sie als lieb, nett und hilfsbereit. Doch trotz allem wird deutlich: Sandra M. erfand offenbar gerne Notlügen, um sich den Alltag zu erleichtern oder gar Geschichten, um im Mittelpunkt zu stehen. Vor dem Hintergrund der Anklage wiegen diese Schilderungen schwer, die Glaubwürdigkeit der Zeugin scheint zerbrochen. Ihr Verteidiger Felix Menke wehrt ab: "Ich weiß nicht, ob man hier so große Schlüsse auf die Glaubwürdigkeit meiner Mandantin ziehen kann. (…) Das sind ja nur Momente, der Mensch soll angeblich zweimal am Tag lügen. Ob man dann daraus ziehen kann, dass man auch in der Vergangenheit gelogen hat, auch heute lügt – das sehe ich nicht so."

Anklage: Sandra M. tötete Greta in der Viersener Kita

Am nächsten Verhandlungstag werden voraussichtlich Erzieherinnen aussagen, die mit Sandra M. in der Vergangenheit zusammengearbeitet haben. Die Staatsanwaltschaft wirft Sandra M. vor, die drei Jahre alte Greta während ihrer Aufsicht in der Kita getötet und in acht weiteren Fällen Kleinkinder auf ihrer Arbeit misshandelt zu haben.

Sina L. ist inzwischen nicht mehr mit der Angeklagten Sandra M. befreundet. Aus der U-Haft hat die 25-jährige Kita-Erzieherin ihr aber einen Brief geschrieben. Sina L. will ihn unbeantwortet lassen.

Hinweis in eigener Sache: In unserer RTL aktuell-Sendung vom 19.11.2020 haben über die mutmaßliche Ermordung der kleinen Greta ein Familienzentrum der Stadt Tönisvorst eingeblendet. Wir stellen richtig, dass die Angeklagte in keiner Einrichtung der Stadt Tönisvorst tätig war. Wir bitten, dieses Versehen zu entschuldigen.