Kein Verlass mehr auf die Schutzmacht Moskau

Geplatzte Großmachtsträume? Ex-Sowjetstaaten wenden sich von Putin ab

ARMENIA, YEREVAN - NOVEMBER 23, 2022: Russia's President Vladimir Putin (L) and Armenia's President Nikol Pashinyan shake hands as they meet after a meeting of the CSTO (Collective Security Treaty Organisation) Collective Security Council at the Dvin
Präsident Putin und der armenische Premierminister Pashinyan treffen sich in Eriwan - doch der Empfang ist frostig.
DF, action press, ActionPress

Putin wollte mit dem Überfall auf die Ukraine seine Macht und seinen Einfluss vergrößern. Ein Sieg über das Nachbarland, die Wiedereingliederung in den russischen Machtbereich, hätte er gut verkaufen können. Die Idee: 100 Jahre nach Gründung der Sowjetunion (30. Dezember 1922) bringt er Russland zu alter Glorie zurück. Doch daraus wird wohl eher nichts. Der Krieg in der Ukraine läuft verheerend und sogar alte Verbündete wenden sich von dem russischen Machthaber ab.

Nähe zu Moskau Konzept für Zukunft?

15 Staaten gehören einst zur Sowjetunion. Darunter einige, die heute Teil der EU sind (Estland, Lettland, Litauen) und solche, die sich schon seit Jahren ‘gen Westen orientierten (Ukraine, Moldau, Georgien). Nun stellen sich auch die letzten verbliebenen Staaten die Frage, ob die Nähe zu Moskau noch ein Konzept für die Zukunft ist. Denn Putin schafft es nicht, die schwelenden Konflikte zu beruhigen. Moskau als Schutzmacht? Für einige Regierungen in den Ex-Sowjetrepubliken sieht das nicht mehr so aus.

Das zeigt sich vor allem in Konfliktregionen, die ehemals zur Sowjetunion gehörten. Besonders deutlich: Der Streit um die Region Berg-Karabach zwischen Armenien und Aserbaidschan. Zwar sieht sich Putin weiter als Vermittler zwischen den verfeindeten Ex-Sowjetrepubliken. Doch auch nach der Entsendung von 2.000 russischen „Friedenssoldaten“ kommt der Grenzstreit nicht zur Ruhe. Armenien kritisierte fehlendes Engagement Russlands, das beide Kriegsparteien mit Waffen ausrüstet. Demonstrativ empfing Regierungschef Nikol Paschinjan in Eriwan sogar eine US-Delegation, die Armenien Hilfe anbot. Ein Affront für Russland, das stets Militärbasen der USA oder anderer Nato-Mitglieder in seinem Interessenbereich verhindern wollte.

Einmarsch in Ukraine löste Ängste aus

Auch symbolisch koppeln sich einige Staaten von Russland ab: Der tadschikische Präsident Emomali Rachmon ging Putin im Oktober auf offener Bühne an, dass Moskau kleinere Länder wie schon zu sowjetischen Zeiten übergehe. Bei einem anderen Gipfel in Usbekistan ließen Staatenlenker Putin bei bilateralen Treffen warten - dabei kommt der Kremlchef als Machtdemonstration sonst selbst oft zu spät.

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Kasachstans gerade im Amt bestätigter Staatschef Tokajew erweist sich heute zwar dankbar gegenüber Moskau. Aber zum Krieg in der Ukraine findet er distanzierende Worte. Der Einmarsch dort löste auch in Kasachstan Ängste aus, Russland könnte sich die Ex-Sowjetrepublik ganz oder in Teilen ebenfalls mit Gewalt zurückholen wollen. So gesehen dürften die militärischen Niederlagen Russlands in der Ukraine die Nachbarn eher beruhigen - schaden dem Image Moskaus aber zusätzlich.

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"Politischer Einfluss Russlands wird überbewertet"

Der Krieg in der Ukraine sei nur ein Beispiel dafür, wie Russland versuche, sein „Quasi-Imperium“ zu erhalten, sagt der russische Analyst Igor Grezki. „Der politische Einfluss Russlands wird aber überbewertet.“

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Echte Integration der ehemaligen Sowjetstaaten sehen Experten zur Zeit nicht. Der einzige Staat, der nach wie vor treu zu Putin steht, ist Belarus unter Machthaber Alexander Lukaschenko. Doch auch dahinter könnte eher Kalkül stecken als Bruderliebe: Lukaschenko will vor allem verhindern, dass Russland Belarus einfach schluckt. Die Annexion ukrainischer Gebiete durch Russland habe bei vielen postsowjetischen Anführern Unbehagen ausgelöst und dem Zusammenhalt in der Region einen schweren Schlag versetzt, sagt der belarussische Politologe Waleri Karbalewitsch.

Ex-Sowjetstaaten sind alarmiert

Zwar habe Russland auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die neu entstandenen Republiken weiter wirtschaftlich - etwa mit günstigen Energiepreisen – unterstützt, um die Beziehungen zu erhalten, meint Karbalewitsch. Allerdings seien viele nach Putins Äußerungen über einen „ungerechten“ Zerfall der Sowjetunion alarmiert. Er erwartet deshalb, dass Russlands Einfluss im postsowjetischen Raum weiter sinkt.

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Der Gewinner könnte ausgerechnet China sein. Wie andere Experten sieht Karbalewitsch bereits deutliche Signale der zentralasiatischen Republiken, sich stärker nach Osten zu orientieren. Die Großmacht könnte die Rolle des Garanten für Sicherheit und territoriale Unversehrtheit in der Region übernehmen. Für Putin, bei dem mancher selbst schon eine große Abhängigkeit von China sieht, wären das keine guten Nachrichten. (eon/dpa)

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