Lange Schlangen an Impfstellen

Fürs Corona-Boostern braucht's Geduld - ein Erfahrungsbericht

Zentrale Impfstelle der Städteregion Aachen: Die Aachen Arkaden.
Zentrale Impfstelle der Städteregion Aachen: Die Aachen Arkaden.
© RTL

03. Dezember 2021 - 15:50 Uhr

Corona-Impfung oder Justin Bieber?

von Marius Olion

Eigentlich wollte ich mir am Mittwoch, dem 1. Dezember, vor der Arbeit noch kurz eine Booster-Impfung holen. Als ich wieder zu Hause war, hatte ich einen wieder vollen Tank und Aachener Printen im Gepäck, allerdings keinen Impfstoff im Arm. Denn "mal eben kurz" war wohl etwas optimistisch, es braucht vor allem Zeit und Durchhaltevermögen. Die Schlangen an den Impfstellen in ganz Deutschland gleichen teilweise denen vor einer Arena, bevor Justin Bieber sein Deutschland-Konzert gibt – Camper inklusive. Ein Erfahrungsbericht.

Lese-Tipp: Alle aktuellen Informationen zum Coronavirus finden Sie in unserem Live-Ticker auf RTL.de

Lange Schlange - Fluch und Segen

Meine ersten beiden Impfungen gegen das Coronavirus liefen im Sommer reibungslos. Im Kölner Impfzentrum war alles perfekt organisiert, mit Termin ging's zügig. Ein knappes halbes Jahr später sieht's anders aus. Die Impfzentren sind weitestgehend außer Betrieb, dabei wären sie genau jetzt extrem wichtig. Dass ich mich boostern lassen möchte, steht für mich außer Frage. Und erfreulich ist ja auch, dass es offenbar viele so sehen. Dafür spricht die lange Warteschlange, die mich an diesem Tag erwartete. Aber die ist Fluch und Segen zugleich – denn, was ein gutes Zeichen ist, kann auch sehr abschreckend sein. Vor allem für Menschen, die von der Impfung nicht vollends überzeugt sind.

Lese-Tipp: Booster-Impfung erst nach sechs Monaten - oder doch lieber früher?

Konzertschlangen-Atmosphäre beim Impfen

Ich machte mich am Mittwoch auf den Weg in die Aachen Arkaden, ein ehemaliges Einkaufszentrum in meiner Geburtsstadt Aachen, in dem jetzt eine zentrale Impfstelle eingerichtet wurde. In der Region kommen Impfbusse und andere Stellen hinzu. "Wir bauen unser Angebot, das ja ursprünglich nur zweitrangig nach den Ärzten sein sollte, täglich aus. Aktuell impfen wir 1.000 in den Arkaden, 400 dezentral vor Ort und 350 in den Bussen", teilt mir ein Sprecher der Städteregion Aachen auf Anfrage mit.

Ich wollte einer dieser 1.000 sein. Als ich aber um kurz nach 8 Uhr am Morgen durch die Tür des ehemaligen Einkaufszentrums in die lange Mall trat, hatte ich den Eindruck, dass bereits zu der frühen Zeit Tausend Menschen vor mir standen. Wie viele es tatsächlich waren, weiß ich nicht. Auch ob alle am Ende des Tages tatsächlich ihre Impfung erhalten haben, kann ich nicht sagen.

Einige, recht weit vorne in der Reihe, saßen auf Campingstühlen. Konzertschlangen-Atmosphäre. Sie waren wohl etwas besser vorbereitet als ich, der sich spontan dazu entschlossen hat, sich die Impfung an diesem Tag holen zu wollen – an einem Tag, an dem die Öffnungszeiten ausgeweitet wurden. Ebenso spontan drehte ich mich aber auch wieder um. "Dann halt woanders", dachte ich mir. Spoiler: Falsch gedacht!

Lese-Tipp: Wo und wie komme ich jetzt an eine Booster-Impfung?

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

Sind terminlose Impfungen mit langen Wartezeiten zielführend`?

Ich habe den Eindruck, die Kommunen tun ihr Möglichstes, um jedem die Impfung zu ermöglichen. Irgendwie müssen sie jetzt Fehlentscheidungen der Politik ausbaden und korrigieren, an diesem Wochenende ist sogar ein Impfmarathon geplant, 60 Stunden lang wird in den besagten Aachen Arkaden rund um die Uhr geimpft. Wow! Egal ob Erst-, Zweit-, oder Drittimpfung – hier wird kein Unterschied gemacht und jede verabreichte Spritze ist eine Richtung Pandemie-Ende.

Doch dafür muss man an vielen Impfstellen, so auch am Mittwoch in den Aachen Arkaden, viel Zeit mitbringen. Vielerorts werden die Impfungen ohne vorherige Terminvergabe durchgeführt. Ob das so förderlich ist? Ich stellte mir vor, wie wohl ein bislang Ungeimpfter diese lange Schlange wahrgenommen hätte. Wenn man sich gerade nach Monaten doch noch dazu entschieden hat, sich und andere vor schweren Verläufen schützen zu wollen – ist man dann wirklich so bereit für die Impfung, dass man stundenlang warten möchte oder überlegt man es sich dann doch nochmal anders?

"Wir glauben nicht, dass es eine Frage der Wartezeit ist und wollen diese Menschen auch nicht stigmatisieren", sagt die Städteregion Aachen dazu. Und verweist darauf, dass es ja auch Stellen gibt, die man mit Termin besuchen kann. An der zentralen Impfstelle in den Aachen Arkaden bleibe man aber bei den terminlosen Impfungen.

Lese-Tipp: Diskussion um Corona-Booster – Welche Kreuzimpfung wirkt am besten?

Nächster Versuch: Impfbusse

Gerade bei den Aachen Arkaden umgekehrt, nehme ich mir noch eine Packung Aachener Printen zum Essen mit – vielleicht muss ich am Impfbus ja auch etwas Wartezeit überbrücken. Jeden Tag stehen die Busse an anderen Stellen in der Region. So kann fast jedem ein naher Zugang zur Impfung geschaffen werden – naja, außer es regnet. Ich schaue nach, wo die Impfbusse an diesem Mittwoch stehen sollten. Das Ergebnis: Nirgendwo. Wegen des Wetters fiel die Aktion aus. Also lieber Corona kriegen als nass werden?

"Das Ende der Busse wurde nur um ein paar Tage vorgezogen. Der Betrieb mit dem Vorzelt war wegen des Sturms nicht mehr möglich", teilt ein Sprecher der Städteregion mit. Na gut, bringt ja auch nichts, wenn man sich vor Corona schützen möchte, dafür aber von einem Zelt erschlagen wird… die Busse gibt's nun also gar nicht mehr. Dann woanders? Spoiler: Falsch gedacht!

Lese-Tipp: Arzt klärt auf – Diese Impfreaktionen und Nebenwirkungen können bei der Booster-Impfung auftreten

Auch bürokratischer Aufwand verhindert schnelle Impfungen

Ich fuhr zu einer Impfstelle, von der man mir erzählte, es würde dort schnell gehen. Und tatsächlich: Ich bin der Einzige dort. Warum? Weil dort mittwochs nicht geimpft wird. Okay, mein Fehler. Dann halt woanders… erneuter Spoiler: Falsch gedacht! Denn: Inzwischen war so viel Zeit vergangen, dass es für den Tag nicht mehr lohnte, woanders hinzufahren. Denn einfach so hin, Spritze holen und wieder weg, das wird nirgendwo funktionieren. Das wird schon allein vom bürokratischen Aufwand verhindert. Immerhin konnte ich auf dem Rückweg noch relativ günstig tanken – bin schließlich auch einige Kilometer gefahren, um die Impfung am Ende doch nicht zu bekommen. Das Ergebnis meiner Booster-Suche: Aachener Printen, Tankfüllung, aber keine Impfung.

Lese-Tipp: Kommentar zur Corona-Krise – Danke für gar nichts, ihr Staatsversager!

Bitte nicht aufgeben!

Man muss fairerweise sagen, es gibt noch viele weitere Stellen, die ich hätte anfahren können – wenn ich endlos Zeit gehabt hätte. Möglicherweise habe ich mich an diesem Tag, zu diesen Zeiten für die falschen Orte entschieden. Ob es an anderen Stellen besser gelaufen wäre, kann ich nicht sagen.

Ich mache mir zwei Tage später erneut ein Bild von dem Ansturm in den Aachen Arkaden, der zentralen Impfstelle der Städteregion Aachen. Und siehe da: Die Warteschlange ist nur noch etwa ein Fünftel so lang wie noch am Mittwoch. Mit Campingstühlen sehe ich auch niemanden mehr, vielleicht verteilt es sich durch den 60-stündigen-Impfmarathon am Wochenende einfach besser.

Ich konnte mich allerdings bereits einen Tag zuvor an einer anderen Stelle impfen lassen und kann nur dazu ermutigen, sich nicht von Warteschlangen abschrecken zu lassen und es immer wieder zu probieren, zu unterschiedlichen Zeiten, an unterschiedlichen Orten. Irgendwann hat man Glück. Ich habe für meine Impfung zwar auch gut zwei Stunden gebraucht, aber was sind zwei Stunden, um seine Gesundheit und die der Mitmenschen schützen zu können?