„Der Satz 'Die Zeit heilt alle Wunden' gilt für sie nicht"

Das kaputte Leben von Eltern von Entführungsopfern

Maddie McCanns Eltern 2014 - Was macht ein solches Trauma mit den Betroffenen?
© Imago Entertainment, Carlos Manuel Martins / Global Images

06. Juni 2020 - 10:04 Uhr

Neuer Verdächtiger im Fall Maddie McCann

Seit 13 Jahren wird die damals dreijährige Madeleine "Maddie" McCann vermisst. Seitdem gab es viele verschiedene Spuren und Verdachtsmomente, doch keiner brachte die Aufklärung des Falls. Nun gibt es einen neuen Verdächtigen, den 43-jährigen Deutschen Christian B. Was macht es mit Eltern, wenn nach so langer Zeit neue Hoffnung aufkommt? Kann man das Trauma und die Ungewissheit überhaupt überwinden, wenn das eigene Kind plötzlich spurlos verschwindet? Wie lebt man weiter, wenn über allem immer die quälende Frage steht: Lebt mein Kind vielleicht noch oder wurde es ermordet? Wir haben mit einem Experten gesprochen.

"Eltern werden die Hoffnung niemals aufgeben"

Was macht das mit Eltern, wenn nach einer so langen Zeit eine neue Spur auftaucht und Hoffnung besteht, dass der Fall endlich aufgeklärt wird? Das haben wir Michael Kopper, Traumatherapeut mit einer Praxis für Psychotraumatologie in Köln gefragt. Einerseits, so der Experte, weckten die neuen Entwicklungen natürlich Hoffnung. Andererseits lösen sie bei Eltern eine Unruhe aus. "Die Eltern von Entführungsopfern suchen händeringend nach einem guten Ende, einem guten Ausgang", so Kopper im Gespräch mit RTL. "Der beste Ausgang ist, dass sie das Kind wieder wohlbehalten in die Arme schließen können." Diese Hoffnung, erklärt er uns, geben Eltern niemals auf. Dies sei auch wichtig für den Bewältigungsprozess. Statt passiv auf Antworten zu warten, ermöglichen neue Entwicklungen es, aktiv etwas zu tun. Zu hoffen und – unterstützt durch die Polizei – nach dem Kind zu suchen.

Eine Entführung selbst bedeutet für Eltern einen riesigen Kontrollverlust. Doch auch mit den oftmals anschließenden medienwirksamen Ermittlungen wird ihnen Kontrolle entzogen – auch wenn so natürlich wichtige Hinweise gesammelt werden, die zur Aufklärung beitragen können. "Die Medien sind in solchen Fällen unberechenbar, man möchte die Informationsflut unter der eigenen Kontrolle wissen", so Kopper. Dies sei der häufigste Grund, warum Eltern von Entführungsopfern sich irgendwann zurückziehen und nicht mehr in den Vordergrund möchten – wie es derzeit auch bei Maddies Eltern der Fall ist.

Im Video: Wie gehen die Eltern mit dem Durchbruch um?

„Der Satz 'Die Zeit heilt alle Wunden' gilt für sie nicht"

Was am schlimmsten bei Entführungsfällen ist, ist die Ungewissheit: "Ein Ende ist eigentlich immer gut, die Eltern wollen einfach Klarheit. Das ist das einzige, was jetzt hilfreich ist", erklärt Kopper. Dies gelte auch, wenn am Ende die schreckliche Erkenntnis steht, dass das eigene Kind nicht mehr lebt. Dann gebe es die Möglichkeit, das Thema zu beerdigen, ein wenig ins Loslassen zu kommen. "Das ist vorher nicht möglich, wenn es immer wieder Richtungswechsel und neue Informationen gibt."

Aber wie kann man überhaupt weitermachen? Lässt der Schmerz irgendwann so weit nach, dass ein halbwegs normales Leben möglich ist? "Für Menschen, die traumatisiert sind, gilt der Satz 'Die Zeit heilt alle Wunden' nicht", so Kopper. "Noch Jahrzehnte nach dem Ereignis können sie die psychische Verletzung spüren." Man könne diese zwar eine Zeit lang verdrängen, aber nur heilen, wenn eine erfolgreiche Verarbeitung stattgefunden hat.

Es gibt verschiedene Verarbeitungstypen

"Das Trauma ist immer da auf einer Ebene", erklärt Kopper. Dennoch sei es individuell unterschiedlich, wie Eltern damit umgehen oder mit welchen Techniken im Rahmen einer Therapie mit der Verarbeitung begonnen werden könne. Dabei unterscheide man zwischen drei verschiedenen Verarbeitungstypen:

  1. Die Risikogruppe, die spätestens 8 Wochen nach dem anfänglichen Schock Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung zeigt (Flashbacks, Albträume, Vermeidungsverhalten, Gefühlskälte, psychosomatische Beschwerden), die ohne Behandlung Jahre anhalten
  2. Die Selbstheiler, die es irgendwie schaffen, mit dem Trauma umzugehen, die zur Ruhe kommen, oft erneut ein Kind bekommen und zur Normalität finden.
  3. Die Wechsler, ein Mischtyp zwischen der Risikogruppe und den Selbstheilern. Wenn die Rahmenbedingungen günstig seien, könne es zur Selbstheilung kommen, wenn nicht, kippten die Wechsler in die Risikogruppe

"Eine Therapie hilft der Gruppe der Wechsler und der Risikogruppe oft am meisten. Die Selbstheiler schaffen es mitunter auch ohne Therapie aus eigener Kraft, einen gesunden Umgang mit den Erlebnissen (also nicht mit dem Trauma, da sie ja keins mehr haben) umzugehen."

Trennungen und Suchterkrankungen bei Betroffenen häufig

Doch so einfach ist die Verarbeitung natürlich nicht. Der Verlust, die Ungewissheit, das führe bei vielen zu Schlaflosigkeit, einer anhaltenden inneren Nervosität, Depressionen. Viele Elternpaare halten das nicht auf Dauer aus, es kommt zu Trennungen. Aber auch Suchterkrankungen treten oft auf. "Es kommt bei vielen vor, dass sie nicht mehr an den Verlust erinnert werden wollen und deshalb Substanzen gebrauchen oder missbrauchen", bestätigt der Trauma-Experte. "Das Ziel ist immer die Betäubung der Gefühle." Auch der Suizid, mit dem Ziel endlich zur Ruhe zu kommen und das Leid zu beenden, kann bei Eltern, die den Verlust oder die Ungewissheit nicht verkraften, eine Folge sein.

Eine Therapie soll im Prinzip genau das Gegenteil erreichen. "Jede Psychotherapie zielt auf die Entwicklung emotionaler Intelligenz ab, darauf, mit Gefühlen gesundheitsfördernd umgehen zu können", so Kopper. So sollen Betroffene lernen, von einer distanzierten Perspektive auf die Ereignisse und Gefühle zu blicken. "Wenn man an das Thema im Detail denken kann, ohne daran hängen zu bleiben oder dabei massive Unruhe zu empfinden, kann man am ehesten davon sprechen, dass es verarbeitet wurde."

Da jedoch oftmals Klarheit oder ein Schlussstrich fehlen, ist es gerade für Eltern, deren Kind spurlos verschwunden ist, nicht leicht loszulassen. Professionelle Unterstützung ist deshalb enorm wichtig.