Enzym gefunden

Forscher entdecken Coronavirus-Schwachstelle - kann die Pandemie gestoppt werden?

16. Januar 2021 - 17:41 Uhr

Erster Schritt zum Corona-Medikament?

Es könnte ein Durchbruch in der Forschung zum Coronavirus sein: Wissenschaftler der Universität Tübingen haben eine Schwachstelle des Virus entdeckt, die für die Entwicklung eines Corona-Medikaments entscheidend sein könnte.

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„Wir haben eine Art Zielscheibe konstruiert, mit der wir das Coronavirus ganz verwundbar treffen können"

Während wir bislang alle Hoffnungen in Impfstoffe zur Bekämpfung des Coronavirus setzen, scheint der Fokus – zumindest in der Öffentlichkeit – weniger auf der Entwicklung von Medikamenten zu liegen, die gegen das Coronavirus wirken. Schon im November rief Virologin Prof. Helga Rübsamen-Schaeff dazu auf, "nicht alles auf eine Karte zu setzen" und mehr in die Entwicklung von Corona-Medikamenten zu investieren. Antivirale Medikamente würden auch HIV und Hepatitis C in Schach halten. International arbeitet die Forschung tatsächlich auf Hochtouren an möglichen Medikamenten, bestätigt auch Dr. Bernhard Ellinger, Wissenschaftler am Fraunhofer ITMP.

Jetzt scheint ein entscheidender Schritt in diese Richtung gelungen zu sein. Doch was genau wurde entdeckt? Forscher der Eberhard Karls-Universität in Tübingen haben mithilfe eines Computermodells eine Schwachstelle, genauer gesagt ein Enzym des Virus gefunden ("Guanylatkinase 1").

Gelingt es nun, dieses Enzym zu deaktivieren, könnte eine Vermehrung des Coronavirus gestoppt werden. "Wir haben eine Art Zielscheibe konstruiert, mit der wir das Coronavirus ganz verwundbar treffen können, ohne dabei den menschlichen Wirt zu beschädigen", erklärt Dr. Andreas Dräger von der Universität Tübingen im RTL-Interview.

Dr. Andreas Dräger von der Universität Tübingen
Dr. Andreas Dräger und sein Forscher-Team aus Tübingen haben eine Schwachstelle des Coronavirus entdeckt.
© RTL

Ein Durchbruch?

Ob die gefundene Schwachstelle des Virus ein Durchbruch für die Medikamenten-Entwicklung ist, ist aktuell noch schwer zu sagen, so Dr. Bernhard Ellinger, Wissenschaftler am Fraunhofer ITMP, im RTL-Interview. Die Entdeckung der Forscher aus Tübingen "ist ein toller Beweis, der im Endeffekt neue Ansätze liefert. Inwieweit man das direkt übersetzen kann in ein Medikament, das wird sich erst zeigen."

Dennoch: Wissenschaftler wie Ellinger gehen nun gezielt auf die Suche nach einem passenden Medikament. "Unsere Aufgabe besteht jetzt darin, dass wir bestehende Wirkstoffe gegen die Zielstrukturen testen, die in Tübingen identifiziert wurden", erklärt er.

Und das mit einer hohen Erfolgswahrscheinlichkeit: "Dass wir was finden, was funktioniert, die Wahrscheinlichkeit ist nahezu sicher. Das klappt eigentlich immer. Es ist dann die Frage der Kombination. Reicht der Effekt, um daraus ein Medikament zu machen oder ist das einfach nur eine neue Idee, um etwas zu entwickeln."

Zu früh sollten wir aber noch nicht mit einem Medikament gegen das Coronavirus rechnen. Wenn ein passender Wirkstoff gefunden wird, beginnen verschiedene Untersuchungen bis hin zu klinischen Studien. Laut Ellinger könne man darum "frühestens Ende des Jahres" mit einem Corona-Medikament rechnen.

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So wurde die Schwachstelle gefunden

Die Schwachstelle des Coronavirus fanden die Forscher aus Tübingen durch die Weiterentwicklung eines Modells, das das Wirken von Lungenbläschen, die für die Abwehr von Gefahrenstoffen verantwortlich sind, analysierte. Durch die Anpassung dieses Modells auf das Coronavirus wurden die Forscher auf das Enzym aufmerksam.

"Wir haben zunächst die Zusammensetzung des Virus analysiert und daraus berechnet, welches Material benötigt wird, um ein Viruspartikel herzustellen", so der Forschungsleiter Dräger im Fachmagazin "Bioinformatics". "Wenn man das weiß, kann man verschiedene Szenarien durchspielen und sehen, wie sich die biochemischen Reaktionen in den Wirtszellen während einer Virusinfektion verändern", erklärt er. In weiteren Tests fanden die Forscher dann heraus, welche Prozesse dem Coronavirus nützen und welche eher schaden. Insgesamt arbeitet das Team um Dräger seit rund einem Jahr an dem Projekt.

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