Alle Hoffnung ruht auf Corona-Impfstoff

Virologin Rübsamen-Schaeff: "Man soll nicht alles auf eine Karte setzen"

Virologin Prof. Helga Rübsamen-Schaeff sieht neben einem Impfstoff vor allem in der Antikörper-Therapie eine mögliches Mittel im Kampf gegen das Coronavirus.
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18. November 2020 - 15:31 Uhr

Viele Fragen zum Corona-Impfstoff offen

Voller Hoffnung blickt die ganze Welt auf den letzte Woche von dem Mainzer Unternehmen Biontech angekündigten Corona-Impfstoff. Wenige Tage später verkündete auch das US-Unternehmen Moderna einen Impfstoff-Erfolg. Und dieser Impfstoff soll mit 94 Prozent sogar noch besser schützen als der von Biontech. Ein langersehnter Lichtblick in der Corona-Pandemie. Dennoch bleiben entscheidende Fragen zum Impfstoff noch offen. Virologin Prof. Helga Rübsamen-Schaeff rät darum, in der Forschung nicht alles auf eine Karte zu setzen.

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Wie lange hält der Impfstoff an?

Wie lange hält der Impfstoff an? Wirkt er nur ein paar Monate oder auch langfristig gegen eine erneute Ansteckung? Und schützt er uns nur vor dem Ausbruch der Krankheit Covid-19 oder auch vor der Infektion an sich? All diese Fragen sind bezüglich der bislang entwickelten Corona-Impfstoffe noch ungeklärt, allerdings teilweise kriegsentscheidend, wie Virologin Prof. Helga Rübsamen-Schaeff am Dienstag in der ZDF-Talkshow "Markus Lanz" erklärt.

"Die natürliche Infektion – das haben wir gerade bei Boris Johnson gesehen, der war ja vor ein paar Monaten infiziert – schützt nicht vor einer erneuten Infektion ein paar Monate später. Also müsste der Impfstoff etwas viel Besseres können als die natürlich Infektion, um die Menschen länger zu schützen", so Rübsamen-Schaeff.

"Wie lange der Impfstoff anhält, wird die kriegsentscheidende Frage sein." Ergebnisse wird man allerdings erst in drei bis vier Monaten anhand der bereits geimpften Menschen sehen, schätzt die Virologin.

Schützt uns der Impfstoff nur vor dem Ausbruch der Krankheit Covid-19 oder auch vor der Infektion?

"Eine andere Frage ist: Haben wir mit diesen beiden ersten Impfstoffen nur die Menschen vor der Krankheit geschützt und haben sie sich trotzdem infiziert? Dann wären sie nämlich unerkannte Virusträger und die könnten die Problematik sogar noch verschärfen", erklärt Rübsamen-Schaeff. "Oder ist der Impfstoff auch so gut, dass er von vornherein vor der Infektion schützt?"

+++ Auch Virologe Hendrik Streeck gab diese Frage im RTL-Interview zu bedenken. Seine Einschätzung zum Moderna-Impfstoff sehen Sie im Video +++

Entscheidend ist hierbei der Unterschied, ob man mit dem Coronavirus infiziert, also Träger des Virus ist – und andere damit anstecken kann – oder tatsächlich an Covid-19 erkrankt ist. Ähnlich ist es bei HIV. Auch hier kann man das HI-Virus in sich tragen und es auf andere übertragen. Die Krankheit Aids ist damit aber nicht automatisch ausgebrochen. 

Ob der Impfstoff auch vor einer Infektion schützt, wird sich wohl in Kürze herausstellen, so Rübsamen-Schaeff.

"Die Entwicklung antiviraler Medikamente müsste mehr vorangetrieben werden“

Beide Impfstoffe müssen nun zugelassen werden. Anschließend wird die Bevölkerung nach und nach geimpft. Wie das genau in Deutschland ablaufen soll und wer zuerst geimpft wird, lesen Sie hier. Sicher ist allerdings: Es dauert, bis ein ganzes Land geimpft ist. Auch Rübsamen-Schaeff sagt: "Bis wir uns zurücklehnen können und sagen können, wir haben Corona im Griff, müssen etwa 50 Millionen Deutsche geimpft sein (...) "Es wäre ein Wunder, wenn wir in einem Jahr so weit wären."

Darum, so die Virologin, müssen wir auf jeden Fall auch intensiv in die Medikamenten-Entwicklung investieren: "HIV haben wir nur so in den Griff gekriegt, es gibt bis heute keinen Impfstoff, der wirklich funktioniert." Was hingegen funktioniert, ist die Therapie. "Damit können Sie heute ein normales Leben führen und normal alt werden", erklärt Rübsamen-Schaeff. Ähnlich bei Hepatitis C. "Das lässt sich heilen mit einem Medikamenten-Cocktail (...) damit kriegen Sie das Virus sogar los. Eine chronische Krankheit kann aus dem Körper verbannt werden. Auch da gibt es nach wie vor keinen Impfstoff."

"Nicht alles auf eine Karte setzen"

Weil nicht nur Impfungen sondern auch Therapien eine mögliche Lösung gegen ein Virus sein können, rät Rübsamen-Schaeff: "Man soll, wenn man so ein Virus bekämpfen will, nicht alles auf eine Karte setzen."

Zuletzt wurde der amtierende US-Präsident Donald Trump wegen seiner Corona-Infektion mit Antikörpern behandelt. "Ich glaube, dass diese Antikörper sehr viel Sinn machen." Die Frage ist, ob man diese auch vorbeugend einsetzen kann, beispielsweise wenn sich der Ehepartner infiziert hat. Ob dies funktioniert, versuchen aktuelle Studien gerade herauszufinden.

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