"Das Opfer war meine Trauzeugin"

Der Kitzbühel-Mörder richtete Simonas beste Freundin hin

12. August 2020 - 15:11 Uhr

Kitzbühel-Killer raubte Simona Brunner ihre engste Vertraute

Ihre unbeschwerte Zeit an der Berufsschule sollte sie zu Freundinnen fürs Leben machen. Am Morgen ihrer Hochzeit half Trauzeugin Nadine noch Braut Simona, gab ihr Kraft und beruhigte sie vor dem großen Moment im kleinen Kreis vor 25 Gästen. Doch statt den neuen Lebensabschnitt genießen zu können, raubte ihr der Kitzbühel-Killer Andreas E. nur vier Wochen nach der Trauung ihre engste Vertraute. Der Mörder richtete seine Ex-Freundin und vier weitere Menschen mit Kopfschüssen hin. Wie die Hinterbliebene mit dem Schicksalsschlag umgeht, sehen Sie im Video.

Andreas E. sah vor Eifersucht rot

Nadine H. und Simona Brunner
Trauzeugin Nadine H. und ihre engste Vertraute Simona Brunner
© privat

Die Glocken beginnen laut zu läuten, als Simona Brunner den Friedhof betritt, auf dem ihre Trauzeugin und beste Freundin mit ihrer Familie beigesetzt wurde. "Sie ist gerade bei uns", spürt die 24-Jährige. Die Leichen der Opfer wurden verbrannt.

Die Unternehmerin legt eine Kerze nieder, erinnert sich an den schönsten Tag in ihrem Leben, an dem Nadine H. noch bei ihr war. Am 7. September 2019 heiratete Simona ihren Hannes. Freundin Nadine gab ihr Kraft, half als Stütze beim Laufen in den Schuhen mit ungewohnt hohen Absätzen.

Nur vier Wochen später begann für Simona eine andere Zeit. Von nun an war ihr Herz voller Schmerz – ein Gefühl, das bis heute nicht abreißt. Am frühen Morgen des 6. Oktober richtete Nadines Ex-Freund Andreas E. fünf Menschen mit Kopfschüssen hin. Der zur Tatzeit 25-Jährige hatte zuvor den Entschluss gefasst, alle zu töten. Alle, das waren seine 19-jährige Ex-Freundin Nadine, ihre Eltern, den Bruder und Eishockey-Spieler Florian J., der die junge Frau nach einer Feier nach Hause gebracht hatte. Weil Ex-Freund Andreas E. das Auto mit fremden Kennzeichen vor der Tür entdeckt hatte, sah er rot. Andreas E. stellte sich bei der Polizei und gestand, Familie H. und Florian J. (24) getötet zu haben. Am Mittwoch begann der Prozess gegen den Angeklagten.

"Nadine wollte einfach leben"

Eine unbeschwerte Zeit: Bei der Hochzeit stützte Nadine ihre Freundin Simona ab, weil ihre Absätze zu hoch waren
Eine unbeschwerte Zeit: Bei der Hochzeit stützte Nadine ihre Freundin Simona ab, weil ihre Absätze zu hoch waren
© privat

RTL-Reporterin Natascha Größ sprach vor dem Auftakt exklusiv mit Simona Brunner, die sich Nadine als Trauzeugin ausgesucht hatte. "Nadine war immer da für mich. Sie war nie einfach nur so eine Freundin, sondern eine sehr gute Freundin", erinnert sie sich. 2015 lernten sich die jungen Frauen auf der Berufsschule in Kitzbühel kennen. Gemeinsam fuhren sie in Nadines eigenem Auto, auf das sie sehr stolz war, zum Unterricht. Bei der Erinnerung an die unbeschwerte Zeit kann Simona ihre Tränen nicht zurückhalten, muss das RTL-Interview zwischenzeitlich abbrechen. Doch sie fasst den Mut, um über Nadine zu sprechen, die im 8.000 Seelen-Ort als stets fröhlicher Sonnenschein geschätzt wurde.

Als Simona Nadine kennenlernte, war ihre Mitschülerin schon mit Andreas E. liiert. Doch über ihre Beziehung zum jungenhaft wirkenden Maurer, der die Familie später wie ein Serienkiller auslöschte, sprach sie selbst mit ihrer engsten Vertrauten nicht. "Es hatte den Anschein, als ob es passt", sagt Simona. Als sich das Paar trennte, soll Nadine betont haben, dass sie im Guten auseinander gegangen seien.

"Sie sagte, dass sie sich auseinandergelebt haben. Nadine war jung und wollte nicht nur den Andreas haben. Sie wollte einfach leben." Andreas E. verkraftete die Trennung offenbar nicht: "Sie war seine Welt. Seine Welt ist dann zusammengebrochen", meint die Vertraute des Opfers. E. ist erst nach Wochen aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen.

Florian J. beschützte Nadine vor aggressivem Ex-Freund

Fünf Menschen wurden Opfer von Andreas E.
Fünf Menschen wurden Opfer von Andreas E.
© imago images/Zeitungsfoto.at, LIEBL Daniel | zeitungsfoto.at via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Nach jahrelanger Beziehung wollte Nadine endlich ihre Freiheit genießen. "Sie war ein wunderschönes Mädchen mit Top-Figur, in der Männerwelt begehrt", weiß Freundin Simona. Am Abend des 5. Oktober war die junge Single-Frau im englischen Pub "The Londoner", unterhielt sich mit hübschen Eishockeyspielern der Kitzbüheler "Adler". Am anderen Ende des Lokals stand plötzlich Andreas E., der seit Wochen um seine Ex kämpfte.

E. packte Nadine am Unterarm, wollte sie wegziehen. Der Türsteher griff ein. Florian J., der später selbst Opfer des eifersüchtigen Killers wurde, holte Nadine ab und brachte sie nach Hause. "Sie waren nicht zusammen. Das war eine Freundschaft", erklärt Freundin Simona heute. "Er hat sie beschützt an dem Abend."

Beschützt vor ihrem aggressiven Ex-Freund. Nadines beste Freundin sagt: "Sie wusste, dass er gefährlich ist." Andreas E. war zuvor schon aufgefallen, weil er Hühner mit einer Machete geköpft und Katzen gequält hatte. Nach dem Kneipenbesuch wollte er um 4 Uhr früh eine Aussprache. Nadine und ihr Vater wimmelten ihn an der Haustür ab. Später kam er wieder, brachte eine Pistole und mehrere Messer mit. Er ermordete Nadines Familie und Florian J.

RTL-Besuch am Tatort: Alles erinnert an den Tag der Tat

Andreas E. beim Prozessauftakt vor dem Landesgericht Innsbruck am Mittwoch
Andreas E. beim Prozessauftakt vor dem Landesgericht Innsbruck am Mittwoch
© RTL

Zurück am Tatort ist auch nach zehn Monaten noch alles so wie am Tag der Tragödie: Eine Spanplatte weist auf das Fenster hin, das E. mit einem Baseball-Schläger zerstörte, um zu Nadine zu gelangen und sie zu töten. Bei den Autos der Familie wurden lediglich die Nummernschilder abmontiert.

"Sie wollte immer Tänzerin werden", erinnert sich Simona Brunner. Ein Traum, der sich nicht mehr erfüllen sollte. Simonas einziger Wunsch ist es nun, dass Andreas E. lebenslang hinter Gittern bleibt. Simona will die Kraft finden, um bei der Verhandlung dabei zu sein. "Ich will einmal den Menschen sehen, der meine beste Freundin ermordet hat." Aber: "Ich darf nicht daran zerbrechen."

Eine Spanplatte erinnert an das mit einem Baseballschläger zerstörte Fenster
Eine Spanplatte erinnert an das mit einem Baseballschläger zerstörte Fenster
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