Depressionen und Angststörungen bei Kindern und Teenagern

Betroffene berichtet: „Ich hatte schon Angst vor der Angst“

22. November 2019 - 17:59 Uhr

DAK-Report veröffentlicht erschreckende Zahlen

Die Welt verliert nach und nach ihre Farben, Selbstzweifel werden immer größer, anstelle von Hoffnung und Freude auf die Zukunft übernehmen Angst und Traurigkeit den Alltag: Depressionen sind eine ernste, kräftezehrende Krankheit – und sie macht vor Kindern nicht halt. Laut einem aktuellen Report der DAK-Krankenkasse zeigt jedes vierte von ihnen psychische Auffälligkeiten, bei jeweils zwei Prozent der 10- bis 17-Jährigen wird eine Depression oder Angststörung diagnostiziert. Auch Sarah erkrankte schon als Teenager daran, ist bis heute in therapeutischer Behandlung. Über die schwere Zeit damals sagt sie: "Ich hatte schon Angst vor der Angst". Wie sie lernte, mit ihren heftigen Panikattacken umzugehen, erzählt sie RTL im Video.

Fast jedes 4. Schulkind zeigt psychische Auffälligkeiten

In ihrem Kinder- und Jugendreport 2019 setzte die DAK den Schwerpunkt "Ängste und Depressionen bei Kindern" und wertete hierfür die Daten von rund 800.000 Jungen und Mädchen für das Jahr 2017 aus. Die Ergebnisse sind erschreckend:

  • 24 Prozent der Schulkinder zeigen psychische Auffälligkeiten. Zwei Prozent leiden unter einer diagnostizierten Depression, zwei Prozent unter Angststörungen – insgesamt sind das rund 238.000 Betroffene.
  • Depressionen führen von allen psychischen Störungen am häufigsten zu einer Einweisung ins Krankenhaus: Fast acht Prozent aller depressiven Kinder werden innerhalb eines Jahres für durchschnittlich 39 Tage dort behandelt.
  • Innerhalb von zwei Jahren müssen 24 Prozent dieser Kinder erneut ins Krankenhaus – eine zu hohe Quote, wie die DAK alarmiert.

Warum werden Kinder depressiv?

Der Übergang vom Kindsein in die Pubertät ist nie leicht. Doch was führt dazu, dass junge Menschen die Freude am Leben verlieren? "Wenn ein anderes Aussehen manchmal zur Ausgrenzung führt, eine chronische Erkrankung oder ein Handicap vorliegt, wie etwa Diabetes – also alles, was nicht 'cool' ist", erhöht dies das Risiko für eine Depression deutlich, erklärt Prof. Dr. Silke Wieland-Grefe, Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie, im RTL-Interview.

Mobbing und Leistungsdruck tragen ihren Teil bei. Und auch Kinder seelisch kranker oder suchtkranker Eltern sind besonders gefährdet: Sind die Eltern selbst depressiv, ist das Risiko für ihre Kinder dreimal so hoch.

Mädchen fast doppelt so häufig betroffen

Mädchen sind fast doppelt so häufig von Angststörungen oder Depressionen betroffen. Im späten Jugendalter ist der Anteil derer, die Antidepressiva verschrieben bekommen, um 33 Prozent höher als bei Jungen. Woran liegt das? "Mädchen haben andere Problemlösungs-Strategien, gehen anders mit sich und der Welt um. Wenn es ihnen nicht gut geht, neigen sie eher dazu, sich zurückzuziehen. Jungen werden eher aggressiv-auffällig", so Prof. Dr. Wieland-Grefe.

Woran erkennen Eltern Depressionen bei ihrem Kind?

"Wenn Kinder noch klein sind, zeigen sie das eher körperlich, leiden unter Kopf- oder Bauchschmerzen", erklärt Prof. Dr. Wieland-Grefe. "Bei Jugendlichen sehen die Symptome dann ähnlich aus wie bei Erwachsenen: Antriebslosigkeit, Rückzug, Freudlosigkeit bis hin zu Suizidgedanken." Ein Anzeichen kann sein, dass Kinder nicht mehr in die Schule gehen wollen, "weil sie dort entweder zu hohe Anforderungen erleben oder in eine Mobbing-Situation geraten sind."

Weitere Anzeichen – aufgelistet von der Deutschen Depressionshilfe nach Altersstufen – können Sie hier nachlesen.

Wie wird betroffenen Kindern und Jugendlichen geholfen?

Gerade die mit 24 Prozent alarmierend hohe Zahl von depressiven Kindern, die innerhalb von zwei Jahren erneut ins Krankenhaus müssen, sieht die DAK kritisch: "Für junge Klinikpatienten fehlt nach der Entlassung oft eine passende ambulante Nachsorge. Wir haben offenkundige Versorgungslücken, die wir dringend schließen müssen", heißt es im Report. Das soll mit dem neuen Konzept "veo" besser werden.

Zusätzlich setzt die Krankenkasse auf Vorsorge – zum Beispiel mit dem Online-Programm "DAK Smart4me", das auch bei einer anderen Kasse versicherten Kindern offensteht und die "seelischen Abwehrkräfte" stärken soll. Und das Wichtigste: Das Tabu, das sowohl Erwachsene als auch junge Menschen nach wie vor daran hindert, offen mit ihrer Krankheit umzugehen, muss einer offenen Diskussion ohne Vorurteile weichen.

Wichtige Kontakte für Betroffene

Wer als Elternteil oder Kind selbst von Depressionen oder anderen psychischen Problemen betroffen ist, findet hier erste wichtige Kontakte, um Hilfe zu bekommen.