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Fake-Medizin - oder tatsächlich wirksam?

Das taugen anthroposophische und homöopathische Medikamente

26. März 2021 - 8:49 Uhr

Verbraucher bevorzugen sanfte Medizin

Sanfte und verträgliche Medikamente werden in Deutschland immer beliebter. Der Anteil der Kunden und Patienten, die sagen, dass sie Medikamente, die pflanzliche oder homöopathische Bestandteile haben, bevorzugen, hat laut einer Umfrage der Arbeitsgemeinschaft Verbrauchs- und Medienanalyse in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Der Grund: Die Menschen wünschen sich natürliche Therapien - möglichst ohne Nebenwirkungen. Aber was taugen anthroposophische, homöopathische und pflanzenheilkundliche Medikamente wirklich? Und worin unterscheiden sie sich von pflanzlicher Medizin? Zwei Experten ordnen ein.

Dahinterstehende Annahmen sind widerlegt

Trotz oder vielleicht auch wegen der wachsenden Beliebtheit: Homöopathische und anthroposophische Arzneimittel stehen massiv in der Kritik. Der Vorwurf: Die Wirksamkeit vieler Medikamente sei nicht ausreichend oder gar nicht belegt, weil gesetzliche Sonderregelungen sie von einer strengen Wirksamkeits-Überprüfung ausnehmen und weil sich die Hersteller bei ihren eigenen Studien nicht an die gängigen wissenschaftlichen Methoden halten. Außerdem seien die dahinterstehenden Annahmen völlig veraltet und wissenschaftlich längst widerlegt. Aber homöopathische und anthroposophische Arzneimittel sind seit 1976 im Deutschen Arzneimittelgesetz verankert. Können wir uns denn dann nicht auch bei diesen Medikamenten darauf verlassen, dass sie wirklich wirksam sind?

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Sonderregelung trotz Verschärfung wegen Contergan-Skandal

Damit die Kassen die Arzneimittel-Kosten übernehmen, muss deren Wirksamkeit nachgewiesen sein – im Normalfall. Es gibt aber im Arzneimittelgesetz von 1976, das durch den Contergan-Skandal neue Maßstäbe für Sicherheit und Wirksamkeit von Arzneimitteln einführen wollte, drei Ausnahmen - unter anderem für Erzeugnisse und Mittel aus der Homöopathie, Anthroposophie und Pflanzenheilkunde.

Diese Regelung wurde im Gesetz unter "Besondere Therapierichtungen" getroffen. Und aus diesem Grund ist bei diesen Medikamenten nur eine Registrierung ohne einen Wirksamkeitsnachweis nötig. Sie ermöglicht es den Kassen, Homöopathie, anthroposophische Medizin und Medikamente der Pflanzenheilkunde auch ohne Wirksamkeitsnachweis zu erstatten. Für die Kritiker ist genau das ein andauernder Skandal.

Wirksamkeit ist aber nicht grundsätzlich ausgeschlossen

Heißt das denn jetzt automatisch, dass alle Medikamente, die auf natürlichen Wirkstoffen basieren, nichts taugen? "Prinzipiell ist die Naturheilkunde oder sind naturheilkundliche Präparate eher der Medizin zuzuordnen, da sie eine Wirksamkeit besitzen können", erklärt uns Ärztin Natalie Grams, die bundesweit bekannt wurde, weil sie sich von der Homöopathie lossagte.

Als Naturheilkunde werden dabei Therapien bezeichnet, die auf chemische Arzneimittel verzichten. Dazu gehören auch Behandlungen mit Bädern, Wärme, Kälte oder durch eine Umstellung der Ernährung. Auch die Phytotherapie, also der Einsatz pflanzlicher Arzneimittel, gehört zu den Verfahren der Naturheilkunde.

"Homöopathie und Anthroposophie gehören eher in dem Bereich einer überholten Heilslehre", so Grams. Trotzdem sei eine Wirksamkeit von homöopathischen und anthroposophischen Medikamenten nicht grundsätzlich auszuschließen, so Grams, denn "in den Präparaten, in denen noch Wirksubstanz vorhanden ist, ist durchaus eine Wirksamkeit denkbar, selbst wenn sie durch klinische Studien nicht immer nachgewiesen ist."

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Dr. med. Natalie Grams
Dr. med. Natalie Grams ist Ärztin und ehemalige Homöopathin - und Autorin von "Was wirklich wirkt: Kompass durch die Welt der sanften Medizin".
© SVEN SIMON, picture alliance/dpa, Malte Ossowski/SVEN SIMON

Ähnliches mit Ähnlichem behandeln - und das ultraverdünnt

Der Erfinder der Homöopathie, der deutsche Arzt Samuel Hahnemann, wollte vor über 200 Jahren die Medizin revolutionieren, indem er das Ähnlichkeitsprinzip anwendet: Es kommen Arzneimittel zum Einsatz, deren Inhaltsstoffe ähnliche Symptome verursachen, wie sie bei der Krankheit selbst zu beobachten sind. Beim sogenannten Potenzieren werden die Arzneien dann schrittweise mit Wasser oder Alkohol verschüttelt oder mit Milchzucker verrieben und dabei teilweise so verdünnt, dass der Ausgangsstoff gar nicht mehr nachzuweisen ist. Durch dieses spezielle Zubereitungsverfahren soll die Wirkungsweise sogar noch verstärkt werden. Und dieses Verfahren wird auch bei vielen Anthroposophika angewendet. Den Grad der Potenzierung kann der Verbraucher der Packung entnehmen. Es wird mit D-Potenzen, Verdünnung 1:10, C-Potenzen, Verdünnung 1:100, und Q-Potenzen gearbeitet - Verdünnung von 1:50.000.

Wirkstoff in Abwesenheit hat keine Wirkung – vom Placebo-Effekt abgesehen

Spätestens beim Thema starke Verdünnung und Potenzen wird es aber abstrus: Wie soll etwas wirken, was quasi nicht mehr da ist? "Hier wird die ganze Sache unlogisch", sagt uns auch Homöopathie-Aussteigerin Grams. Da gilt für sie die einfache Formel: "So wie die Dosis das Gift macht, macht die Dosis auch die Wirksamkeit. Ein Wirkstoff in Abwesenheit kann keine Wirkung entfalten." Das bestätigt uns auch der Anthroposophie-Experte und Journalist Oliver Rautenberg: "Homöopathisch verdünnte Anthroposophika und Homöopathika wirken nicht über den Placebo-Effekt hinaus. Das ist durch mehr als 1.800 Studien und elf Meta-Studien seit 224 Jahren gut belegt."

Verwechslung mit Naturheilkunde ist gewollt

Das Vertrauen in naturbelassene Medizin wird dabei von den Herstellern in den Augen von Rautenberg eben auch bewusst ausgenutzt: "Die Verwechselung von homöopathischer und anthroposophischer Medizin mit 'Naturheilkunde' ist von den Herstellern durchaus gewollt und wird auch aktiv betrieben." Dabei gilt auch, so Rautenberg, dass diese Präparate oft "den Anschein 'echter' Medikamente" erwecken – durch Verschreibungen durch Ärzte und Apothekenpflicht. "Hier fällt der Konsument auf das Marketing für Produkte herein, die weder einen Wirknachweis erbringen, noch dies laut Gesetz überhaupt müssen", so der Journalist. Im Grunde genommen handelt es sich also oft bloß um "Mittelchen" – nicht um echte Medizin.

Fake-Medizin kann auch lebensgefährlich sein

Homoöpathische Medizin kann sogar lebensgefährlich sein. Die meisten Menschen greifen zu diesen Arzneien, in der Hoffnung, dass sie auf jeden Fall nicht schaden – also keine gefährlichen Nebenwirkungen haben. Doch wenn statt zu erprobten Mitteln bei schwerwiegenden Erkrankungen zu homöopathischer und anthroposophischer Medizin gegriffen wird, und dabei wissenschaftlich abgesicherte Behandlungen verzögert oder unterlassen werden, dann schadet sie sehr wohl - und das massiv.

So wie 2016 im nordrhein-westfälischen Brüggen-Bracht. Dort war es zu mehreren Toten gekommen, nachdem Krebs-Patienten ausschließlich homöopathisch behandelt wurden - der Fall führte bundesweit zu Aufsehen. "Zu bedenken gibt es außerdem, dass wirksame Präparate auch Nebenwirkungen haben können, also nicht immer bedenkenlos angewendet werden sollten, gerade zum Beispiel bei Kindern", warnt Grams.

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Ungefähr 80 % aller Beschwerden vergehen von selbst

Man kann also sagen: Viele Konsumenten setzen Homöopathie und Anthroposophie-Arznei mit Naturheilkunde gleich, halten sie für eine sanfte Alternative ohne Nebenwirkungen und für ganzheitlich. "All diese Attribute werden als sehr positiv wahrgenommen und mögen einen Placebo-Effekt auslösen und darüber den persönlichen Glauben bestärken", sagt Grams. "Doch wir sollten in der Medizin Glauben nicht mit Wissen verwechseln."

Wenn man bedenke, dass ungefähr 80 % aller Beschwerden von selbst vergehen, so könne man auch verstehen, warum viele Menschen Homöopathie und Co als wirksam erleben können, gibt sie zu bedenken. "Wir sollten an dieser Stelle jedoch unserem Immunsystem und unserer Selbstheilungsfähigkeit danken - und nicht der ebenfalls Profit-orientierten Alternativmedizin."

GUT ZU WISSEN: Wie lange können Sie Medikamente aufbewahren?

Wer kennt es nicht: Spätestens bei der ersten Erkältung des Winters wird der Arzneischrank zuhause aufs Neue gefüllt mit Nasenspray, Hustensaft, Fiebersenker und Co. Viele stellen dabei fest, dass sie genau die gleichen Medikamente noch vom Vorjahr vorrätig haben. Aber wie lange halten sich Tabletten, Säfte und Salben eigentlich? Und wie lagere ich sie richtig?

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