Nach emotionalem Appell der TV-Moderatorin

Ist der Lockdown wirklich "das Falscheste"? Ärztin widerspricht Marlene Lufen

06. Februar 2021 - 13:46 Uhr

Ärztin reagiert auf Marlene Lufens Video: "Erst ungläubig, dann mit steigendem Wutpegel“

Mit ihrem emotionalen Appell hat TV-Moderatorin Marlene Lufen einen Nerv getroffen. In einem Video auf Instagram äußert sie sich zur Coronakrise und zum Lockdown, spricht über die psychischen Folgen, den Anstieg häuslicher Gewalt – vor allem gegen Kinder – und nennt erschreckende Zahlen. Sie habe das Gefühl, dass wir in einigen Jahren mit Reue auf diese Zeit zurückschauen könnten, "und dass wir denken, wir haben es falsch gemacht, dass dieser Lockdown das Falscheste ist, was wir hätten machen können." Die Ärztin Dr. Judith Bildau widerspricht dieser Einschätzung vehement. Auf Instagram erklärt die Medizinerin, sie habe sich das Video von Marlene Lufen "erst ungläubig, dann mit steigendem Wutpegel" angesehen. Wir haben mit Dr. Bildau gesprochen und sie gefragt, wieso ihr die Aussagen der TV-Moderatorin so übel aufgestoßen sind.

Marlene Lufens Kritik am Lockdown und was Dr. Judith Bildau darauf entgegnet sehen Sie im Video.

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"Lockdown bewahrt das Gesundheitssystem vor dem Zusammenbruch"

Judith Bildau wohnt mit ihrer Familie in der Toskana und arbeitet dort in einem COVID-Zentrum. In ihrem Job hat sie selbst erlebt, was das Virus anrichten kann, wenn es außer Kontrolle gerät. Dass Marlene Lufen die erschreckenden Folgen des Lockdowns für die Menschen aufzeige, sei "vollkommen richtig", sagt die Ärztin im Gespräch mit RTL. "Was mir aber übel aufstößt, ist die Schlussfolgerung daraus."

Marlene Lufen zeige nämlich keine Alternativen für den Lockdown auf, kritisiert die Medizinerin. "Was in dem Video gar nicht angesprochen wird: Wie kommt man aus dem Lockdown jetzt raus, ohne dass wir wieder in eine verheerende Situation kommen?" Gerade im Hinblick auf die Gefahren durch die Corona-Mutationen sieht die Ärztin ein Ende des Lockdowns in der aktuellen Lage kritisch. Die Mutationen hätten bereits in anderen Ländern gezeigt, wie sehr sie das Gesundheitssystem an den Rand der Kapazitäten bringen können. Aus medizinischer Sicht mache eine Kontaktbeschränkung zurzeit einfach Sinn, betont Dr. Bildau.

"Man muss ja auch sehen, dass es vor diesem Lockdown schon viele Versuche gab, es gar nicht erst soweit kommen zu lassen", so die Ärztin weiter. Diese Versuche, mit Teil-Lockdowns, abgeschwächten Maßnahmen und Appellen an die Bevölkerung gegen das Ansteigen der Corona-Fallzahlen anzugehen, seien jedoch gescheitert, so Judith Bildau. "Der Lockdown ist nicht einfach über uns gestülpt worden, sondern eine Konsequenz gewesen, um das Gesundheitssystem vor dem Zusammenbruch zu bewahren."

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"All das passiert ja nicht nur wegen des Lockdowns"

Dieser Einschätzung von Dr. Bildau pflichtet auch Marc Raschke, Medizinjournalist und Leiter der Unternehmenskommunikation des Klinikums Dortmund, bei. Er meint: Marlene Lufen stellt die negativen Auswirkungen des Lockdowns verkürzt dar. "Es ist ein sehr emotionales Thema, das sie da anspricht – auch wegen der Kinder. Und es stimmt natürlich auch, dass alte Menschen zurzeit leiden", so Raschke. "Nur: All das passiert ja nicht nur wegen des Lockdowns, sondern auch wegen der Pandemie." Auch Faktoren wie die ständige Bedrohung durch die Pandemie und die Angst, sich anzustecken, spielten eine Rolle, wenn man über den aktuellen Anstieg psychischer Erkrankungen spreche.

Medizinjournalist Marc Raschke
Medizinjournalist Marc Raschke widerspricht der Lockdown-Kritik von Marlene Lufen
© melroyce_photography

Umgekehrt gebe es im Lockdown auch positive Entwicklungen, so der Medizinjournalist: weniger Frühgeburten, weniger Verkehrstote sowie weniger Fälle anderer Infektionskrankheiten wie Masern oder Influenza. Er betont: Sowohl bei diesen positiven als auch bei den von Marlene Lufen genannten negativen Entwicklungen müsse erst einmal untersucht und belegt werden, inwiefern diese im direkten Zusammenhang mit dem Lockdown stehen. "Das jetzt schon herzuleiten, ist einfach zu früh", sagt Marc Raschke.

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