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Neue Corona-Mutation aufgetaucht: Welche wir jetzt kennen und was wir wissen sollten

05. Februar 2021 - 8:42 Uhr

Norwegisch-luxemburgische Corona-Variante in Halle aufgetaucht

Dass Deutschland bereits seit Wochen im Lockdown verharrt, hängt auch mit der Angst vor Coronavirus-Mutationen zusammen. Nun ist wieder eine neue Variante aufgetaucht: Bei einer Mitarbeiterin eines Krankenhauses in Halle wurde nach Angaben der Stadt eine als norwegisch oder auch luxemburgisch bezeichnete Variante des Coronavirus nachgewiesen. Die Frau befinde sich in häuslicher Quarantäne, sagte Amtsärztin Christine Gröger am Donnerstag. Ob der Krankheitsverlauf bei der neuen Variante schwerer ist als bei bisher bekannten sei nicht bekannt. Die infizierte Klinikmitarbeiterin befinde sich in häuslicher Quarantäne. Wo sie sich angesteckt hat, sei noch unklar.

Wie können wir uns vor Mutationen schützen? Das haben wir den Virologen Rolf Apweiler gefragt. Im Video erklärt er, welche Strategie er empfiehlt - und warum ihm vor allem die Mutation aus Brasilien Sorge bereitet.

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Welche Mutationen sind bisher bekannt?

Wie weit die neu entdeckte norwegisch-luxemburgische Corona-Variante sich bereits in Deutschland verbreitet hat, muss nun genauer untersucht werden. Für alle Mitarbeiter und Patienten wurden nach Angaben der Stadt PCR-Tests angeordnet. Alle Tests sollen nach Angaben der Stadt sequenziert werden, um eventuelle Mutationen festzustellen. Ein Sprecher der Klinik in Halle teilte zudem mit, die Mutante werde "nicht den Problem-Mutanten zugerechnet."

US-Forscher haben eigenen Angaben zufolge in den USA eine neue Virus-Variante bei einem Patienten in Ohio entdeckt. Diese habe eine identische Mutation zu der aus Großbritannien bekannten, ansteckenderen Version. Vermutlich habe sie sich jedoch aus einer bereits in den USA bekannten Variante heraus entwickelt, geben die Wissenschaftler des "Wexner Medical Center" der Ohio State University bekannt. Wie verbreitet sie in der Bevölkerung ist, sei damit noch unbekannt.

Nach der Variante B1.1.7 in Großbritannien ist in Südafrika die Mutation B.1.351 des Coronavirus aufgetreten. Eine Frau, die am 20. Dezember aus Großbritannien nach Baden-Württemberg eingereist ist, hatte sich mit dem mutierten Erreger infiziert. Der Erreger aus Südafrika sei bei einer Familie entdeckt worden, die am 13. Dezember 2020 aus Südafrika ebenfalls nach Baden-Württemberg eingereist war. Kurz danach gab die Stadt Bottrop bekannt, dass ein ebenfalls aus Südafrika eingereister Mann sich mit der Mutation angesteckt hatte.

Am 20. Januar war bei einem Test am Universitätsklinikum Leipzig erstmals die südafrikanische Mutation des Coronavirus bei einer Person aus Leipzig nachgewiesen worden. Strenge Quarantäne-Maßnahmen wurden umgehend verhängt und mit der Nachverfolgung des Infektionsweges begonnen.

Am 21. Januar erklärte das Vivantes Humboldt-Klinikum in Berlin, dass die britische Mutation bei elf Personen auf einer Station festgestellt worden sei. In keinem der Fälle könne die Ansteckung durch eine Reise erklärt werden.

Auch in Brasilien ist nun eine Mutante aufgetaucht, die nicht nur hochinfektiös ist, sondern vor der selbst Menschen scheinbar nicht geschützt sind, die bereits eine Corona-Infektion durchgemacht haben.

Eine weitere nicht bekannte Virusmutation wurde in Japan nachgewiesen. Laut der japanischen Gesundheitsbehörde, ist sie aber nicht mit den Erregern aus Großbritannien und Südafrika identisch. Nachgewiesen worden war die Mutation in Japan bei vier aus Brasilien nach Japan eingereisten Menschen.

Auch am Klinikum Garmisch-Partenkirchen ist eine bisher unbekannte Variante des Coronavirus entdeckt worden. Laut dem stellvertretenden ärztlichen Direktor wurde die Mutation bei 35 Mitarbeitern und Patienten festgestellt. Grund zur Unruhe besteht aber wohl erst einmal nicht: Die Forscher konnten ausschließen, dass es sich um die in Großbritannien, Südafrika oder Brasilien entdeckten hochansteckenden Varianten handelt. Proben des Virus wurden in die Berliner Charité geschickt, wo sie vom Team von Virologe Christian Drosten weiter untersucht werden.

Wie überraschend ist es, dass Mutationen auftreten?

Dass sich das Erbgut von Viren verändert, ist seit langem bekannt. Manche Viren verändern sich dabei schneller als andere. Daher war es nur eine Frage der Zeit, bis auch das Coronavirus mutiert, erklärt Dr. Specht: "Das war absolut zu erwarten und es ist nichts Ungewöhnliches, dass Viren mutieren. Denn nur wenn sich das Virus bei der Übertragung an seinen Wirt – also an uns Menschen – anpassen kann, kann es sich erfolgreich verbreiten."

Auch der Virologe Rolf Apweiler erklärt im RTL-Interview, dass es eine "ganz normale Sache" sei, dass Viren immer wieder neue Varianten produzieren. "Wenn die Viren sich vermehren, kommt es zu kleinen Fehlern bei der Replikation des Erbguts und dadurch entstehen Varianten."

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Was bedeutet eine Mutation?

"Bei einer Mutation ändert sich die Erbsequenz. Das ist ganz normal. SARS hat etwa 30.000 Bausteine und wenn man eine Mutation hat, dann ändern sich einzelne Bausteine. Das heißt aber nicht unbedingt, dass sich die Eigenschaft des Virus ändert." so Prof. Adam Grundhoff vom Heinrich-Pette-Institut, Forschungsgruppenleiter Virus-Genomik.

Die meisten Varianten eines Virus seien neutral, erklärt uns Virologe Rolf Apweiler. "Die sind nicht schlimmer oder besser." Einige Mutationen hingegen seien für Viren vorteilhaft. "Das heißt, sie können sich schneller und besser vermehren und dann gibt es davon auch mehr." Dabei gebe es immer die Möglichkeit, dass die für die Viren "besseren" Mutationen dazu führen, dass die Übertragungsrate sich erhöhe oder infizierte Menschen schlimmere Krankheitverläufe entwickeln, so der Experte. Im Falle der brasilianischen Virus-Mutante scheint es sogar so, dass Menschen, die bereits eine Corona-Infektion durchgemacht haben, nicht vor ihr geschützt sind. Genauso sei es aber zum Beispiel möglich, so Rolf Apweiler, dass Menschen durch eine Mutation weniger krank werden.

Wie gefährlich sind die Mutationen für uns?

"Das können wir bei der südafrikanischen Corona-Mutation noch gar nicht einschätzen", erklärt Dr. Georg-Christian Zinn, Direktor Hygienezentrum Bioscientia, im RTL-Interview. "Das ist jetzt das 13. Land neben Südafrika, in dem wir die Mutation nachgewiesen haben. Wir wissen aber aus Südafrika, dass die Verbreitung da fast explosionsartig war und das befürchten wir auch, wenn sich dieser Stamm jetzt in Deutschland oder Mitteleuropa verbreitet." Einen schwereren Krankheitsverlauf soll diese Mutation, laut "European Center for Disease Prevention and Control", ECDC, nicht verursachen.

Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach bestätigt im RTL-Interview, man könne aktuell noch nicht genau einschätzen, wie gefährlich die beiden Mutationen aus Großbritannien und Südafrika für uns sind. Klar sei aber: "Wenn B.1.1.7 nach Deutschland käme, wäre das wie eine neue Pandemie." Denn diese Mutation sei fünf- bis achtmal ansteckender als die bisherige Corona-Variante, so der Politiker. Das sei sehr dramatisch. "Das bedeutet, dass in einem Schulausbruch, der normalerweise innerhalb eines Monats 30 Kinder betroffen hätte, dass das bei B.1.1.7 240 Kinder wären", erklärt Lauterbach. Bei der südafrikanischen Variante sei vor allem besorgniserregend, dass bei einer Infektion möglicherweise nicht ausreichend Antikörper gebildet werden, die vor einer neuen Infektion schützen. "Wir haben jetzt die Gelegenheit diese neuen Coronamutationen - insbesondere B.1.1.7 - noch fernzuhalten", appelliert Karl Lauterbach im RTL-Interview. "Und diese Gelegenheit sollten wir unbedingt ergreifen."

Laut britischen Forschern ist die Mutation aus Großbritannien B.1.1.7 um 50 bis 70 Prozent ansteckender als bisherige Formen von COVID-19. Erste Studien zeigen, dass besonders die Jüngeren unter 20 Jahren für die Mutation empfänglich sind und sie schneller verbreiten können. Dies muss jedoch noch mehr untersucht werden. Warum das so ist, liegt am leicht veränderten Erbgut. Im Fall der Mutation aus Großbritannien führt die dazu, dass die Spike-Proteine, also die Spitzen des Virus anders sind, als bei der bisher bekannten Variante. Dadurch kann die britische Version leichter an menschliche Zellen andocken und eindringen - das macht sie offenbar so viel ansteckender.

Wirken die bereits zugelassenen Impfungen auch gegen diese Mutationen?

"Wir wissen jetzt seit wenigen Tagen, dass die Impfungen sowohl beim südafrikanischen als auch beim britischen Stamm gut wirken." so Dr. Zinn.

Derzeit gehen die Forscher nach eigenen Angaben nicht davon aus, dass die Mutation aus Ohio die Wirksamkeit der Impfstoffe beeinträchtigt.

Was bedeutet das für die Entwicklung der Pandemie?

Wissenschaftler sehen ein Risiko in der mutmaßlich höheren Übertragbarkeit der Virusvarianten. Somit könnten die Krankenhausaufenthalte und Todesfälle steigen.

"Die beste Maßnahme gegen Mutation ist Impfung", betont Zinn. "Praktisch den weiteren Viren, den weiteren Infektionen, den Weg abzuschneiden. Und was auch wichtig ist: Die zweite Impf-Dosis zu geben. Denn wenn wir nur die erste Dosis geben, haben wir nur eine Teilimmunität und da werden dann sogenannte Fluchtmutationen daraus entstehen."

Quelle: RTL.de/dpa