Warum Experten nicht damit rechnen

Keine Spätfolgen der Corona-Impfung zu erwarten?

Bei einer Impfung muss man beachten: Es gibt wichtige Unterschiede zwischen Spätfolgen und Langzeitschäden
© iStockphoto, zoranm

15. Januar 2021 - 10:12 Uhr

Wichtiger Unterschied zwischen Spätfolgen und Langzeitschäden

Bisher haben sowohl der Corona-Impfstoff BNT162b2 von Biontech und Pfizer als auch der des US-Herstellers Moderna grünes Licht von der Europäischen Arzneimittelbehörde sowie der EU-Kommission bekommen. Doch bei aller Euphorie über die Hoffnungsträger im Kampf gegen die Corona-Pandemie fragen sich auch viele Menschen: Ist der Corona-Impfstoff tatsächlich ungefährlich?

Während es bereits einige Daten zu direkt nach der Impfung auftretenden Nebenwirkungen gibt, herrscht auch Sorge über Nebenwirkungen, die erst Monate oder Jahre nach der Impfung auftreten könnten. Doch Experten geben Entwarnung: Die Virologin Sandra Ciesek erklärte etwa jüngst in der 71. Folge des NDR-Podcasts "Coronavirus Update", mit Nebenwirkungen, die Monate oder Jahre nach der Impfung plötzlich auftreten sei "nicht zu rechnen". Klingt das nicht zu gut, um wahr zu sein? Wir haben mit dem Medizinjournalisten und Allgemeinmediziner Dr. Christoph Specht darüber gesprochen. Er verweist vor allem auf den wichtigen Unterschied zwischen Spätfolgen und Langzeitschäden.

+++ Alle aktuellen Informationen zum Coronavirus finden Sie in unserem Live-Ticker auf RTL.de +++

Was versteht man unter Langzeitschäden?

"Ein Langzeitschaden ist ein Schaden, der lange Zeit anhält. Da ist noch nicht gesagt, wann er eintritt", erklärt Dr. Specht. Ein berühmtes Beispiel für solche Langzeitschäden war der Contergan-Skandal. Das Medikament Contergan wurde von 1957 bis 1961 zunächst rezeptfrei, ab dem 1. August 1961 rezeptpflichtig in Apotheken verkauft. Nachdem Schwangere das Medikament eingenommen hatten, kam es zu vielen Fehlbildungen und dem Fehlen von Gliedmaßen oder Organen bei ihren Kindern. "Da ist der Schaden sofort entstanden – der Embryo wurde sofort geschädigt", erklärt Dr. Specht. Da die Überlebenden bis heute an den gesundheitlichen Folgen leiden, liege hier aber ein Langzeitschaden vor, so der Arzt.

Bei einem Langzeitschaden geht es also nicht um Nebenwirkungen, die erst spät auftreten, sondern um solche, die so selten vorkommen, dass es unter Umständen eine längere Zeit und sehr viele Geimpfte braucht, bis man diese Nebenwirkungen entdeckt und sicher in Zusammenhang mit dem Impfstoff bringen kann. Solche Langzeitschäden wurden etwa im Zusammenhang mit dem Impfstoff Pandemrix beobachtet, der im September 2009 in der EU zum Schutz gegen die Schweinegrippe zugelassen wurde. Dieser enthält ein Protein, das offenbar die Schlafsteuerung im Gehirn bei Menschen mit entsprechender genetischer Veranlagung außer Kraft setzen kann. Bei etwa 86 Menschen in Deutschland, die mit Pandemrix geimpft wurden, ist ein Zusammenhang mit einer folgenden Narkolepsie belegt. Auch hier traten die Schäden bei den Betroffenen recht bald nach der Impfung auf. Da diese Nebenwirkung jedoch nur sehr selten vorkam, fiel erst nach Monaten auf, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Schweinegrippe-Impfstoff und dem Auftreten einer Narkolepsie geben könnte.

Im Vergleich mit dem Pandemrix-Impfstoff werden nun viel mehr Menschen in viel schnellerer Zeit mit den Corona-Impfstoffen geimpft, so dass auch sehr seltene Nebenwirkungen schneller erkannt werden dürften.

+++ Narkolepsie: Schweinegrippe-Impfung löste Schlafkrankheit bei Dreifachmama aus +++

Was sind Spätfolgen?

Spätfolgen seien Schäden, die erst spät entstehen, erklärt uns Dr. Specht, also wenn Geimpfte erst Monate oder Jahre später eine Erkrankung bekämen, die durch das Impfen verursacht wurde. Bei den mRNA-Vakzinen von Biontech/Pfizer und Moderna hält der Medizin-Experte solche Spätfolgen für unwahrscheinlich. Denn der Impfstoff werde rasch nach der Vergabe im Körper abgebaut. "Die Impfung wirkt nur in der ersten Zeit, nachdem sie gespritzt worden ist. Dann wird mRNA abgelesen, das Antigen wird gebildet, dann wird vom Immunsystem ein Antikörper produziert – und fertig", so Dr. Specht.

Auch die Virologin Sandra Ciesek wies jüngst im NDR-Podcast "Coronavirus Update" darauf hin, dass mit Nebenwirkungen, die Monate oder Jahre nach der Impfung plötzlich auftreten, "nicht zu rechnen" sei. "Das muss man anders sehen als wenn man ein Medikament einnimmt, das man regelmäßig einnimmt, was sich zum Beispiel anreichern kann oder wo sich Metabolite im Körper anreichen können", so die Virologin. "Das haben wir bei einer Impfung in dem Sinne nicht." Die Nebenwirkungen bei einer Impfung träten in der Regel innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen nach der Impfung auf und verschwänden dann auch wieder, versichert die Direktorin des Instituts für medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt am Main. Schließlich werde man nur zweimal geimpft und nicht dauerhaft.

Bei Lebendimpfstoffen – dazu zählen etwa die Impfstoffe gegen Mumps, Masern und Röteln – träten die Reaktionen ein wenig später auf, so die Virologin – etwa nach einer Woche bis zehn Tagen. Der Impfstoff von AstraZeneca ist ein solcher Lebendimpfstoff. Die mRNA-Vakzine von Moderna und Biontech/Pfizer hingegen zählen nicht dazu.

Welche Nebenwirkungen gab es bisher und wie schnell traten sie auf?

Mittlerweile ist der Biontech-Impfstoff weltweit millionenfach verimpft worden. "Akut ist da nichts aufgetreten, bis auf die üblichen Impf-Reaktionen, die man kennt", erklärt uns Dr. Specht. Auch die Nebenwirkungen, die nach der Verabreichung des Moderna-Impfstoffs auftreten, werden genau untersucht.

LESE-TIPP: Corona-Impfung in Deutschland: So viele Menschen wurden in den Bundesländern bisher geimpft

Statistiken zeigen, dass fast alle Nebenwirkungen von Impfungen in den ersten sechs Wochen auftreten. Die Teilnehmer der groß angelegten Studien für die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und des US-Unternehmens Moderna wurden mindestens zwei Monate nach Gabe der zweiten Dosis beobachtet – wie es etwa die US-Zulassungsbehörde FDA für eine Notfallzulassung verlangt.

Zu den bisher häufigsten Nebenwirkungen zählen Schmerzen oder Rötungen an der Einstichstelle, Kopfschmerzen oder Müdigkeit. Also alles Nebenwirkungen, die auch bei anderen Impfungen völlig normal sind. Vereinzelt, unter anderem in Großbritannien und Alaska, zeigten Geimpfte kurz nach der Impfung größere allergische Reaktionen. Die Behörden riefen daraufhin Menschen mit einer "signifikanten" Allergiegeschichte auf, sich vorerst nicht impfen zu lassen.

Welche weiteren Nebenwirkungen nach der Biontech-Impfung festgestellt wurden, lesen Sie hier.

Video: Bei welchen Allergien ist der Biontech-Impfstoff nicht ratsam?

TVNOW-Dokus: Corona und die Folgen

Das Corona-Virus hält die Welt seit Monaten in Atem. Auf TVNOW finden Sie jetzt spannende Dokumentation zur Entstehung, Verbreitung und den Folgen der Pandemie.