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Baby Stella hat blaue Flecken: Eltern fragen Arzt - dann nimmt das Jugendamt das Kind

Krankenhaus alarmierte die Behörden

Kindesmisshandlung? Jugendamt nimmt Baby Stella wegen blauer Flecken in Obhut

Falscher Verdacht auf Kindesmisshandung? Baby hat blaue Flecken - darauf folgt Inobhutnahme
03:39 min
Baby hat blaue Flecken - darauf folgt Inobhutnahme
Falscher Verdacht auf Kindesmisshandung?

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Eltern suchen Rat bei Ärzten, dann nimmt das Jugendamt ihnen ihr Baby weg

Nicole Seidels kleine Tochter bekommt immer wieder blaue Flecken. Sie und ihr Ehemann suchen schon kurze Zeit nach der Geburt Rat beim Arzt und im Krankenhaus. Aber die Ärzte können sich die Hämatome am Körper des Babys nicht erklären. Sie schlussfolgern nach einigen Untersuchungen, dass die Flecken nur durch Schütteln des Säuglings verursacht worden sein können und melden den Fall beim Jugendamt . Das nimmt das kleine Baby daraufhin sofort in Obhut. Für die Eltern beginnt ein Albtraum.

Misshandlung oder Krankheit?

Baby Stella hat am ganzen Körper blaue Flecken.
Baby Stella hat am ganzen Körper blaue Flecken.
-, RTL

RTL-Reporterin Maria Neubauer hat die Eltern des Babys bei einem Gerichtstermin begleitet. Voller Angst stehen Nicole Seidel und ihr Partner vor dem Amtsgericht Hohenstein-Ernstthal bei Zwickau. Nicole Seidel: „Das Schlimmste wäre, dass die Kleine uns wieder weggenommen wird und wieder in ein Heim kommt bzw. in eine Pflegefamilie .“

Stella kam im Januar 2021 auf die Welt. Die Mutter erzählt uns, dass sie zwei Wochen nach der Geburt bemerkte, dass etwas nicht in Ordnung war. Den ersten blauen Fleck habe sie am Oberschenkel entdeckt, den nächsten auf der Zunge, dann am Ohr. Später am ganzen Körper - an den ungewöhnlichsten Stellen.

Eltern sagen, sie können sich die blauen Flecken nicht erklären

Ihr Ursprung? Für Nicole Seidel und ihren Freund unerklärlich, so sagen sie. Eine Endlosschleife von Arzt- und Krankenhausbesuchen beginnt. Niemand habe den Grund gefunden. Nicole Seidel: "Wir konnten schlecht schlafen, weil man macht sich einfach nur Sorgen um sein Kind.“

Blaue Flecken entstehen normalerweise durch äußere Einwirkungen wie Stöße. Dabei reißen kleine Blutgefäße an der Hautoberfläche. Die Folge: Blut verteilt sich im Gewebe unterhalb der Haut. In den ersten Minuten ist das Hämatom noch rot. Die Trocknung und Gerinnung des Blutes lassen den Fleck blau werden. Doch wenn Stellas Eltern nichts von Stößen oder Ähnlichem wissen, woher könnten dann bloß die blauen Flecken kommen?

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Nicole Seidel und ihr Partner wenden sich an Anwalt

Baby Stella hat sogar einen blauen Fleck auf der Zunge.
Baby Stella hat sogar einen blauen Fleck auf der Zunge.
-, RTL

Wir fragen bei unserem Medizinexperten Doktor Specht nach: "Damit das Blut gerinnen kann, eine Wunde verschlossen wird, brauchen wir die sogenannten Blutplättchen (...) bei einem Kind, mit zu wenig solcher Blutplättchen fällt den Eltern meistens auf, dass die Kinder eben solche Einblutungen haben, ohne dass in der Geschichte bekannt sind, dass die Kinder gestürzt sind oder gar geschlagen worden sind“.

Schließlich gehen Stellas Eltern mit ihr in die Kinder-Uni-Klinik Dresden. Hier kann ein solcher Mangel an Blutplättchen oder eine Gerinnungsstörung aber nicht festgestellt werden. Bei den Untersuchungen werden Zysten im Kopf der kleinen Stella gefunden. Für die Ärzte, bei denen das Paar eigentlich Hilfe sucht, scheint der Befund damit klar: Sie werfen den Eltern Kindesmisshandlung vor.

Jugendamt empfiehlt, das Kind aus der Familie zu holen

"Da wurde dann gesagt: ‘Wir können es uns nicht erklären, wir befürchten, dass Sie ihr Kind geschüttelt haben.’ Für uns ist an dem Tag natürlich erstmal eine Welt zusammengebrochen". Denn laut ihrer Aussage haben sie ihrer Tochter nie etwas getan. Eine Sitzung mit Ärzten, Sozialarbeitern und dem Jugendamt wird einberufen. Es wird empfohlen, das Kind aus der Familie zu nehmen.

Nicole Seidel erzählt, dass auf sie eingeredet worden sei: „Das ist normal, dass die Eltern das nicht zugeben bei der ersten Konferenz. Sie können es ruhig zugeben“, soll man ihnen gesagt haben. Die Mutter nimmt sich ab diesem Zeitpunkt einen Anwalt.

Jugendamt sieht Kindesmisshandlung

Das Amtsgericht Hohenstein-Ernstthal hat zugunsten der Eltern entschieden.
Das Amtsgericht Hohenstein-Ernstthal hat zugunsten der Eltern entschieden.
-, RTL

Nicole Seidel erzählt unserer RTL Reporterin: „Finanziell war es für uns auch ein ganz schöner Aspekt. Wir mussten einen Kredit aufnehmen, um uns die Stunden vom Anwalt leisten zu können". Und nach zwei Wochen beschließt ein Gericht: Stella darf wieder zurück zu ihren Eltern. Doch der Vorwurf der Kindesmisshandlung steht weiter im Raum. In der Zwischenzeit holen sich die Eltern eine zweite Meinung bei einem Hämatologen in der Kinder- und Jugendklinik Lichtenstein ein. Stella wird noch einmal umfangreich untersucht.

Das Fazit: Dass Stella eine Gerinnungsstörung als Folge eines Schütteltraumas durch Kindesmisshandlung bekommen hat, wie von der Uniklinik Dresden diagnostiziert, wird hier ausgeschlossen – das erzählt Mutter Nicole. Stattdessen vermute man hier doch eine milde Thrombozythopathie , also einen Mangel an Blutplättchen, heißt es. Aber wie kann es sein, dass das Jugendamt weiter auf Kindesmisshandlung pocht?

Eine genaue Diagnose zu stellen ist laut Mediziner sehr schwierig

Wir sprechen mit der Rechtsanwältin Sandra Buhr: „Wenn das Jugendamt diese Auffassung hat, dann ist es auch die Aufgabe das Jugendamtes, das Recht des Kindes auf gewaltfreie Erziehung auf so eine Art und Weise durchzusetzen. Aber wenn jetzt schon ein Gericht zugunsten der Eltern entschieden hat, kann man natürlich davon ausgehen, dass es sich natürlich auch ein umfassendes Bild der Gesamtsituation verschafft hat und dann entsprechend auch handelt. Und man letztendlich wirklich sagt: ‘ja, die Zurückführung in den Haushalt der Eltern ist zurecht erfolgt’.“ Auch unser Medizinexperte hält eine eindeutige Diagnose, die für oder gegen Kindesmisshandlung spricht, für schwierig.

Dr. Christoph Specht: „Dieser Fall zeigt in meinen Augen eindrucksvoll, wie schwer es ist, zu unterscheiden: War das jetzt wirklich Kindesmisshandlung, oder nicht? Denn in der Medizin ist es natürlich so: Man will niemanden fälschlich bezichtigen, auf der anderen Seite will man aber auch keinen Fall übersehen.“ Wohl deswegen klagt das Jugendamt erneut, Stella soll den Eltern wieder weggenommen werden.

Stella darf bei ihren Eltern bleiben

Unsere Reporterin Maria Neubauer hat versucht, mit den Verantwortlichen zu sprechen. Ohne Erfolg. „Hier im Jugendamt Zwickau war man auch nach mehrmaliger Anfrage nicht bereit, sich zum Fall der Stella Seidel zu äußern und auch das Uniklinikum der Stadt Dresden lehnt jegliche Art der Stellungnahme ab“, berichtet sie.

Das Jugendamt kommt mit seiner erneuten Klage dieses Mal nicht durch. Stella wird ihren Eltern nicht wieder weggenommen. Sie sagen, sie wollen jetzt weiter nach der Ursache für Stellas blaue Flecken suchen. (jra/mca)