Sie träumen von Chile„Kleine Familie“ jagt den nächsten Special-Olympics-Traum

von Anja Rau

Wenn sie antreten, müssen alle anderen Teams um den Sieg zittern:
Die Fußballer von den Berliner Werkstätten für Menschen mit Behinderung sind eine Klasse für sich bei den Special Olympics. Sportlich, aber auch, weil Trainer Michael Kürten eine ganz besondere Gemeinschaft pflegt.

Dieses Team spielt sich Schritt für Schritt zu mehr Selbstvertrauen

Wer Medaillen und Erfolge sucht, sollte sich mal beim Fußballteam der BWB umschauen. Die Mannschaft der Berliner Werkstätten für Menschen mit Behinderung GmbH (BWB) rauscht von Erfolg zu Erfolg. „Wir sind sozusagen in der Werkstatt hier in Berlin der FC Bayern München in der Bundesliga”, sagt Torwart Levent Ceylan zu ntv/RTL.

Der 25-Jährige hat alles Recht, selbstbewusst aufzutreten. Mitte Mai ist sein Team erneut Berliner Meister geworden. Im vergangenen Jahr gewannen die Fußballer der BWB zum sechsten Mal die Deutsche Meisterschaft. Nun steht das Turnier bei den Nationalen Spielen der Special Olympics im Saarland (15. bis 20. Juni) an.

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Die Berliner reisen als Titelverteidiger zu den Wettkämpfen für Menschen mit geistiger und/oder mehrfacher Behinderung. Vor vier Jahren konnten sie bei ihrem Heimturnier, als die Nationalen Spiele der Special Olympics in Berlin stattfanden, siegen. Damit qualifizierten sie sich für die Weltspiele, die 2023 ebenfalls in Berlin stattfanden. „Es war eine echt coole Kulisse. Vor den heimischen Fans zu spielen, war Gänsehaut pur”, erinnert sich Ceylan. Dass Philipp Lahm, der frühere Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, die Siegerehrung 2022 übernahm, ist bis heute ein weiteres Highlight in seiner Erinnerung.

Trainer „Papa“ ist das Herz der Mannschaft

Trainer Michael Kürten ist schon seit 1989 bei der BWB. Inzwischen ist er Rentner - das Fußballteam aber trainiert er weiter. Mit „Herzblut”, wie er betont. Für seine Spieler ist er „unser Papa, der beste Trainer und ich hoffe, dass er noch mal verlängert und für immer bei uns bleibt”, sagt Spieler Alhassane Kanté.

Kürten ist also nicht wegzudenken - genauso wenig wie viele seiner Spieler. Der Beständigste ist seit 2003 dabei. Kürten hat einige seiner „Jungs” erwachsen werden sehen, die heute noch spielen. Auch Ceylan ist schon einige Jahre dabei. Angefangen Fußball zu spielen hat er bereits mit fünf Jahren, sein Vater hat ihn dazu gebracht. Von Anfang an stand der heute 25-Jährige im Tor. Sein damaliger Trainer hatte sein Talent erkannt und überzeugte ihn, Torhüter zu bleiben, auch wenn Ceylan selbst sich gern als Feldspieler ausprobiert hätte.

Mit 18 Jahren hatte Ceylan Verletzungs- und damit verbundene Motivationsprobleme und hörte auf mit dem Sport. Doch seit er bei der BWB in der Metallverarbeitung arbeitet, ist er auch zurück im Fußball. Es ist der Sport, der ihn begeistert. Aber im Team der BWB zählt noch mehr: „Also man merkt schon, dass wir oder unsere Werkstatt allgemein, so eine kleine Familie sind.”

Ein Gefühl, das auch Kürten sehr zu schätzen weiß. „Es gibt mir viel Freude und Spaß. Ich habe auch Jugendmannschaften trainiert. Ich habe auch Männermannschaften trainiert. Aber diese Jungs zu trainieren, das ist was Besonderes”, sagt er über sein Team. „Sie sind wirklich sehr dankbar und hängen auch sehr zusammen, sind freundschaftlich verbunden. Und ich glaube, ich könnte jetzt sagen, ,ich habe heute einen Umzug’ - sie wären alle da.”

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Warum das BWB-Team als Titelverteidiger anreist

Es ist die Gemeinschaft und die Freude am Sport, die verbindet. Es sind die Werte, die Special Olympics fördert. Über den Sport bekommen die Teilnehmenden Anerkennung, ihr Selbstbewusstsein steigt, Inklusion wird gelebt, nicht nur darüber gesprochen. Alle vier Jahre treffen sich die Athletinnen und Athleten. Zum Wettkampf, aber auch zum gemeinsamen Feiern und besser Kennenlernen. Mehr als 4000 von ihnen werden im Saarland dabei sein.

Kürten weiß um die Schwierigkeiten seiner Teammitglieder. Nicht immer sind sie mittendrin in der Gesellschaft, aber der Fußball bietet ihnen einen „Hauch Normalität. Fußball hat ja einen unglaublich hohen Stellenwert in unserer Gesellschaft. Und das gibt ihnen ganz viel Selbstwertgefühl und Sicherheit.” Wenn sie dann am Spieltag am Samstagfrüh auf den Platz gehen, „da fühlen sie sich gleichberechtigt”.

Bei den Special Olympics geht es um mehr als Tore

Und der Werkstatt-Fußball öffnet manchmal auch Türen. Kanté etwa spielt auch schon mal bei anderen Berliner Teams mit, in einer ganz regulären Liga. Der 28-Jährige gilt als der Beste des BWB-Teams. Er kann im Sturm spielen und im Mittelfeld - aber wenn Not am Mann ist, hilft er sogar in der Verteidigung aus. „Fußball ist mein Hobby und das ist einfach das, was ich am besten machen kann. Und das gehört einfach zu meinem Leben”, sagt er. Wie Ceylan arbeitet Kanté - dessen Lieblingsspieler, wie soll es bei dem Namen anders sein, der Franzose N’Golo Kanté ist, bei der BWB in der Metallverarbeitung. Bei der BWB kann er Arbeit und Hobby verbinden: „Wenn ich Fußball spiele, vergesse ich den ganzen Stress, denke nur an Fußball und fühle mich sehr wohl.”

Ein bisschen Stress wird es bei den Nationalen Spielen im Saarland aber schon geben. Schließlich sind da nur die besten Teams vertreten. „Da wird das Level noch mal einen Hauch höher sein”, ist sich Trainer Kürten sicher. Während er und sein Team in Berlin gegen andere Werkstatt-Mannschaften spielen, werden bei den Special Olympics auch Inklusionsteams der Fußball-Bundesligisten mitmischen. Kürten nennt etwa die Teams von Hannover 96 und Werder Bremen. Aber er glaubt an seine Mannschaft: „Wir haben die Fähigkeit, uns noch mal zu steigern. Wir machen auch viele Spiele gegen normale Jugendmannschaften und Freizeitmannschaften und da sehen wir auch nicht so schlecht aus.”

Der große Traum heißt Chile

Und der gemeinsame Traum dürfte zusätzlich motivieren. Das BWB-Team will so gern im kommenden Jahr zu den Weltspielen der Special Olympics nach Chile reisen. Nur die Besten dürfen dort antreten. 2023 gehörten sie in Berlin zu den Auserwählten. „Das wäre natürlich klasse, wenn wir das nach vier Jahren noch mal schaffen würden”, so Kürten. Es wäre ein riesengroßes Abenteuer für die „kleine Familie” der BWB. Die Reise ins Saarland ist dafür schon einmal eine gute Probe.

Ein Fußballteam der Berliner Werkstätten für Menschen mit Behinderung (BWB) möchte es nach Gold bei den Special Olympics 2023 in Berlin noch einmal wissen. Auch ihr Ziel sind die Weltspiele in Chile. Ins Saarland reist das Team als Berliner Meister an. Im Mittelpunkt eines Beitrags stehen Meistertrainer und Möglichmacher Michael Kürten und Alhassane Kanté, der beste Spieler im Team.

Verwendete Quelle: ntv.de