Vom Partner auf dem Berg zurückgelassenAufregung um Social-Media-Phänomen „Alpine Divorce” – wie häufig gibt es das wirklich?

Wunderschöne Landschaft, Meili-Schneeberg, Diqing, Yunnan, China
Auf Social Media mit dem Hashtag „Alpine Divorce” geteilte Videos werden millionenfach geklickt (Symbolbild)
hu - stock.adobe.com

Das Drama am Großglockner ist kein Einzelfall.
Immer mehr Frauen erzählen im Netz von erschreckenden Erlebnissen am Berg. Der Begriff „Alpine Divorce“ geht viral – ausgelöst auch durch einen tragischen Todesfall. Doch was steckt wirklich dahinter?

Ein Todesfall bringt die Diskussion ins Rollen

Am höchsten Berg Österreichs, dem Großglockner, kam im Januar 2025 eine 33-jährige Frau bei einer Wintertour mit ihrem Partner ums Leben. Der Mann verfügt über große Erfahrung im hochalpinen Bereich. Seine Bergsport-begeisterte Freundin hatte noch nie zuvor solch eine Tour im Winter unternommen. Im eisigen Wind kamen die beiden nur langsam voran. Knapp unterhalb des 3.798 Meter hohen Gipfels erfror die Frau allein in der Nacht, während ihr Freund versuchte, Hilfe zu holen.

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Der 37-jährige musste sich deswegen vor Gericht verantworten und wurde im Februar 2026 wegen grob fahrlässiger Tötung schuldig gesprochen. Der Richter war überzeugt, dass der Mann seine Verantwortung nicht wahrgenommen habe, sondern die gemeinsame Tour unzureichend geplant und seine Partnerin nicht über die Herausforderungen aufgeklärt gewesen sei. Er verhängte eine Geldbuße von 9.600 Euro sowie eine Bewährungsstrafe von fünf Monaten. Sein Anwalt und die Staatsanwaltschaft legten gegen das Urteil Berufung ein.

Der Fall sorgt weit über Österreich hinaus für Entsetzen – und wird zum Auslöser für eine hitzige Diskussion im Netz.

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Woher kommt der Begriff „Alpine Divorce”?

Unter dem Hashtag „Alpine Divorce“ teilen seitdem vor allem Frauen in den sozialen Netzwerken ihre Erfahrungen, berichtet Watson. Ihre Geschichten ähneln sich: Der Partner ist fitter, schneller oder ehrgeiziger – und geht beim Wandern oder Bergsteigen einfach weiter, während die andere Person zurückbleibt. Für viele Userinnen ist klar: Das ist mehr als nur Rücksichtslosigkeit.

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Der Ausdruck selbst ist nicht neu. Wie das Bergmagazin alpin.de erklärt, stammt er ursprünglich aus einer Kurzgeschichte des Schriftstellers Robert Barr aus dem Jahr 1893. Darin plant ein Mann, seine Frau während einer Reise in den Alpen zu töten – ein düsteres Szenario, das heute als Metapher wieder auftaucht. In den sozialen Medien hat sich der Begriff inzwischen verselbstständigt. Gemeint ist damit heute meist das bewusste oder fahrlässige Zurücklassen eines Partners in einer Extremsituation.

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Experte ordnet ein: Social Media verzerrt die Wahrnehmung

Der Diplom-Psychologe und staatlich geprüfter Berg- und Skiführer Jan Mersch ordnet das Phänomen im Gespräch mit dem Internetportal 1&1 deutlich ein und beantwortet die Frage, ob Alpine Divorce ein mediales oder ein tatsächlich vorkommendes Phänomen ist. Eine echte Häufung solcher Fälle sei ihm nicht bekannt – vielmehr handele es sich vermutlich um Einzelfälle. Dass unter dem Hashtag „Alpine Divorce” immer mehr Berichte viral gehen, könne laut Mersch schnell einen falschen Eindruck erzeugen. Es wirke, als passiere so etwas ständig – „das ist mit Sicherheit nicht der Fall“, sagt er . Die meisten Bergtouren verliefen ohne solche dramatischen Zwischenfälle.

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Gleichzeitig macht der Experte klar: In Extremsituationen geraten Menschen schnell an ihre Grenzen. Stress, Angst und Erschöpfung können dazu führen, dass jemand in eine Art Überlebensmodus schaltet – und dann nicht mehr rational oder rücksichtsvoll handelt. Das könne auf Außenstehende befremdlich wirken.

Was als viraler Begriff beginnt, entwickelt sich schnell zu einer ernsthaften Diskussion über Verantwortung – am Berg und in Beziehungen. Der Großglockner-Fall macht dabei deutlich: Es geht nicht nur um verletzte Gefühle. Sondern im schlimmsten Fall um Leben und Tod. (lha)

Verwendete Quellen: dpa, Watson, alpin.de, 1&1