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Trauer um Archie Battersbee (†12): Therapeutin erklärt, was jetzt auf seine Mutter zukommt

Nach dem Tod ihres geliebten Sohnes

Therapeutin erklärt: Das kommt jetzt auf Archies (†12) Mutter zu

Archies Mutter Hollie: "Er hat bis zum Ende gekämpft" 12-Jähriger stirbt nach Mutprobe im Internet
01:32 min
12-Jähriger stirbt nach Mutprobe im Internet
Archies Mutter Hollie: "Er hat bis zum Ende gekämpft"

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von Linda Görgen

"Ich bin innerlich gebrochen. Es kommt die Zeit, in der ich eine Therapie benötigen werde. Aber ich habe jetzt keine Zeit, mir über mich Gedanken zu machen. Das hier ist ein wichtiger Kampf – der um das Leben meines Sohnes, und ich kann jetzt nicht zusammenbrechen." Mit diesen Worten trat Hollie Dance, die Mutter des hirntoten Archie Battersbee (†12), dessen Schicksal die letzten Wochen Menschen in aller Welt bewegt hat, vor wenigen Tagen vor die Presse. Man kann nur erahnen, welch emotionalen Horror sie durchlebte. Sie und ihr Mann Paul kämpften in unzähligen Prozessen dagegen, dass die lebenserhaltenden Maßnahmen für ihren Sohn abgestellt werden. Doch sie verloren diesen Kampf. Und damit beginnt ein neues Kapitel in ihrem Leben. Das ohne ihren geliebten Sohn – das Leben in tiefer Trauer.

Am Samstag starb Archie – wenige Stunden nachdem die Geräte abgestellt wurden. Wie geht es nach Tag X, dem Todestag ihres Kindes, weiter? Bei dem Versuch das zu verstehen, hat uns die Therapeutin Ruth Marquardt geholfen.

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Archie Battersbee
Archie Battersbee zusammen mit seiner Mutter.
hgm press

Fünf Phasen der Trauer

Der Kampf ist verloren, Hollie Dance und ihr Ex-Partner und Archies Vater, Paul Battersbee, sind in allen Instanzen vor Gericht gescheitert . Die Geräte, die ihren Sohn am Leben erhalten, wurden am Samstag abgestellt. Die Eltern mussten akzeptieren, dass sie ihren Sohn gehen lassen müssen. Die nächste Herausforderung, die vor ihnen liegt. Marquardt weiß: „Wenn ein uns nahestehender Mensch stirbt, durchlaufen die meisten Menschen mehrere Phasen der Trauer:

  1. Verdrängung / Nicht-Wahrhaben-Wollen (Das kann nicht wahr sein, das glaube ich nicht!)
  2. Zorn (Wer hat mir das angetan?)
  3. Verhandeln (Wie kann ich das wieder gut machen?) In solchen Fällen gründen Eltern Selbsthilfegruppen, betreiben Aufklärung, um andere zu informieren oder ähnliches.
  4. Depressive Phase (nicht mit der Situation umgehen können) Ein Gefühl von Hilflosigkeit, Schwäche oder Ohnmacht macht sich breit und scheint unüberwindbar.
  5. Akzeptanz (Frieden schließen, das Leben schätzen, dankbar sein können für die gemeinsame Zeit)“

Doch nicht alle Menschen würden alle Phasen durchleben. „Jede Trauer verläuft individuell. Nach dem ersten notwendigen Organisierenmüssen, Sich-Kümmern-Müssen, ist dann auch irgendwann alles getan. Danach stellt sich die Frage: Was nun? Wir werden als Menschen auf uns selbst und unser Gefühl zurück geworfen. Jetzt haben wir „Zeit“ dazu.“ Viele Menschen fallen dann in ein Loch – besonders oft ist das der Fall, wenn die Beerdigung hinter einem liegt und man plötzlich nichts mehr zu organisieren hat. „Ein Mensch fehlt, seine Energie, das gemeinsame Leben fehlen. Jemand ist nicht mehr da. Damit fühlen viele Trauernde eine Lücke. Nun geht es darum, sich diesem Gefühl zu nähern, zu prüfen: Kann ich das aushalten? Will ich mir Hilfe suchen? Oder übermannt es mich?“

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Im Schicksal vereint: Archies Eltern und die von Charlie Gard und Alfie Evans

Eine große Stütze während der letzten Wochen sollen für Paul Battersbee und Hollie Dance die Eltern von Charlie Gard und Alfie Evans gewesen sein. Sie alle sind in trauriger Art in ihrem Schicksal vereint, denn alle durchlebten die gleiche Situation. Ihre Kinder sind ebenfalls so stark hirngeschädigt gewesen, dass die Ärzte nach Prozessmarathons die lebenserhaltenden Maßnahmen eingestellt haben. Marquardt erklärt, warum der Kontakt eine große Hilfe sein kann: „Viele Eltern berichten, dass genau das für sie hilfreich war. Der Austausch unter Gleichgesinnten bedeutet: Hier sind Menschen, mit denen ich auf Augenhöhe sprechen kann, da sie meine Erfahrungswelt teilen. Es kann offen gesprochen werden, da sich die Eltern gegenseitig als „kompetent“ in ihrem außergewöhnlichen Erleben mit dieser extrem belastenden Erfahrung ansehen.“

So wohl auch im Fall von Archies Eltern und ihren Vertrauten. „Gemeinsam können so die Trauer bearbeitet und Lösungsansätze für den neuen Lebensabschnitt gefunden werden. Wichtig ist, dass die Eltern sich ernst genommen und verstanden fühlen. Sie wünschen sich selten übertriebene Betroffenheit oder extremes Mitleid, häufig sind hier Zuhören und Austausch wichtiger und hilfreicher als gut gemeinte Ratschläge“, erklärt Marquardt.