RTL-Reporterin spricht mit Ahmad aus Jordanien

Bruder des Schwert-Mörders von Stuttgart: "Ich habe das Schlimmste befürchtet"

Nach Schwertattacke in Stuttgart - Blumen und Kerzen am Tatort
© dpa, Andreas Rosar, bwe lop

09. August 2019 - 13:44 Uhr

Von Raschel Blufarb

Als wir mit Issas Bruder Ahmad in Jordanien telefonieren, wirkt der auch Tage nach der Bluttat seines Bruders fassungslos. Ob sein Bruder nun für immer ins Gefängnis komme in Deutschland, fragt er. Ob man ihm irgendwie helfen könne. Doch für Hilfe scheint es zu spät zu sein. Sein großer Bruder Issa (30) ist am vergangenen Mittwoch mit einer Machete auf seinen ehemaligen Freund und Mitbewohner Wilhelm L. losgegangen und hat ihn niedergestochen. Er starb am Unfallort.

Der Schwert-Mörder von Stuttgart: Wer war Issa Mohammad L.?

An das letzte Telefonat mit seinem Bruder erinnert Ahmad sich genau. Es war eine Stunde vor dem Mord. Issa sei am Telefon aufgeregt gewesen, er stünde neben sich, war nicht er selbst, sagt Ahmad. Issa hätte gesagt, Wilhelm L. und noch andere hätten seine Zukunft zerstört, und er werde sein Recht einfordern, um jeden Preis. Was das aber heißen würde, wusste Ahmad nicht, sagt er.

"Nach diesem Telefonat hatte ich das Schlimmste befürchtet. Aber das, was mein Bruder getan hat, dass er zu so einem Verbrechen fähig ist, hätte ich nicht erwartet. Immerhin sind wir Moslems und das Töten ist verboten."

Warum sein Bruder Wilhelm L. ermordet hat, meint Ahmad zu wissen, denn er und sein Bruder standen sich sehr nahe, sagte er, hätten sehr oft telefoniert. Issa hätte ihm viel erzählt von seinem Leben in Deutschland und seinen Problemen.

Bruder des Schwert-Mörders: "Issa stand massiv unter Druck"

Issa und Wilhelm seien gute Freunde und Mitbewohner in einer WG in Stuttgart gewesen, doch dann hätte Wilhelm sich plötzlich gegen ihn gewandt, ihn gemobbt, bedroht und gedroht, ihn zu töten, erzählt Ahmad. Drei Monate vor dem Mord habe Issa seinen Bruder angerufen und ihm erzählt, Wilhelm L. hätte gedroht, ihn umzubringen. Er habe Issa außerdem Geld gestohlen, als er eines Nachts betrunken nach Hause in die WG kam. Außerdem hätte er versucht, Issa sexuell zu belästigen.

Laut Ahmad habe sein Bruder sich durch dieses Mobbing total verändert in den letzten sechs Monaten vor dem Mord: "Issa stand massiv unter Druck, als sie das letzte Mal telefonierten. Er war nicht mehr derselbe. Vielleicht stand er bei dem Mord unter Drogen oder er war psychisch labil. Ich weiß es nicht."

"Issa wollte eigentlich wieder zurück nach Jordanien"

Issa wächst in einer Provinz bei Irbid in Jordanien auf. Ahmads Familienklan herrscht dort.

2014 entschließt sich Issa, nach Deutschland zu gehen. Über die Türkei und Griechenland kommt er nach Serbien und Ungarn, bis er 2015 in Berlin ankommt. Dort gibt er an, syrischer Flüchtling zu sein und bekommt Asyl. Seine Familie wusste davon, sagt uns der Bruder.

Issa ist gelernter Wirt und Eisenschmied. In Deutschland arbeitete er zunächst in Restaurants, wo er sein späteres Opfer Wilhelm L. kennenlernte und sich mit ihm anfreundete. "Eigentlich wollte Issa in Deutschland nur Geld verdienen, und dann nach Jordanien zu seiner Familie zurückkehren und heiraten", sagt Bruder Ahmad. Doch in Berlin lernt Issa eine Ägypterin kennen, heiratet sie und überlegt zu bleiben. Als die Ehe zerbricht, geht Issa zunächst nach Stuttgart.

Asylbehörde sollte ihm bei Rückkehr in seine Heimat helfen

Issa soll sich - laut seinem Bruder - selbst an die Asylbehörde gewandt haben und gestanden haben, Jordanier zu sein, nachdem er sich von Wilhelm L. und drei anderen Personen verfolgt und bedroht gefühlt hatte. Er wollte, dass die Behörde ihm dabei hilft, nach Jordanien zurückzukehren. Aber niemand glaubte ihm. Nun sitzt er im Gefängnis. Sein Bruder Ahmad will ihn bald besuchen.