Vorfall an der Ostetal-Gesamtschule in Sittensen

„Mal gucken, ob du wirklich stirbst": Todkranker Einar (13) offenbar von Mitschülern brutal verprügelt und gemobbt

13-jähriger ist noch immer von dem Vorfall gezeichnet Einar wurde verprügelt
01:32 min
Einar wurde verprügelt
13-jähriger ist noch immer von dem Vorfall gezeichnet

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Einar (13) ist seit seiner Geburt schwer krank. Von einigen Schülern wird er gemobbt, vor zwei Monaten eskaliert die Situation: Drei seiner Klassenkameraden attackieren Einar, wollen offenbar sehen, ob er stirbt, wenn er geschlagen und getreten wird. Seit dem Angriff ist der 13-Jährige stark geschwächt, ihm droht eine Operation, die er nicht überleben könnte. Die Schule soll sich allerdings kaum um den brutalen Vorfall kümmern, Einars Schläger sollen keine Strafe erhalten haben. Seine Mutter Carmen (36) will das nicht hinnehmen: Sie fordert Gerechtigkeit für ihren Sohn.

Sittensen: Einar in der Schule von drei Mitschülern angegriffen

Der Tag, der für Einar zum Albtraum werden wird, beginnt eigentlich wie jeder andere: Der 13-Jährige geht am 9. Mai aus dem Haus, fährt mit dem Schul-Taxi in die Ostetal-Gesamtschule in Sittensen, pünktlich zur ersten Stunde. Dann schellt es zur Fünf-Minuten-Pause – und für Einar beginnt eine Tortur.

Drei seiner Klassenkameraden, ein Mädchen und zwei Jungen, nähern sich dem Schüler, fragen ihn offenbar, ob er sterben könnte, wenn er geschlagen wird. Einar ist seit seiner Geburt schwer krank, viele seiner Organe sind nicht voll funktionsfähig. Schon mehrfach stand er kurz vor dem Tod.

Als Einar auf die Frage seiner Mitschüler mit „ja“ antwortet, beginnen diese ihn zu schubsen. „Mal gucken, ob du wirklich stirbst, wenn wir das mit dir machen“, sollen sie gesagt haben. Einar fällt zu Boden, die Kinder treten und schlagen auf ihn ein, ein Junge boxt ihm offenbar mehrfach in den Bauch, das Mädchen soll ihm sogar gezielt in die Niere getreten haben.

In der Schule sagt Einar seinen Lehrern zunächst nichts. Er hat Angst, dass er dann erneut verprügelt wird. Seiner Mutter erzählt er erst am nächsten Tag von der Attacke. Sie soll nicht in die Schule gehen und mit den Lehrern sprechen, sagt er.

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Mutter Carmen: „Wir fühlen uns im Stich gelassen“

Einars Mutter Carmen macht sich große Sorgen um ihren Sohn.
Einars Mutter Carmen macht sich große Sorgen um ihren Sohn.
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In Hamburg bekommt die Familie keinen Termin in einem Krankenhaus, selbst in der Notfallambulanz – und das, obwohl Einar große Schmerzen hat. Erst in Itzehoe untersucht ein Arzt den 13-Jährigen und stellt dabei schwere Verletzungen und starke Schwellungen fest. Einars Niere droht zu kollabieren.

„Ich habe große Schmerzen“, berichtet der 13-Jährige. „Mir geht es gar nicht gut.“ Einar muss womöglich operiert werden. Die OP ist allerdings auch ein großes Risiko: Einar ist körperlich so angeschlagen, dass er eine komplizierte Operation womöglich nicht überleben würde. Am Montag untersuchten Ärzte bei einem ersten Eingriff unter Vollnarkose, ob der Junge operiert werden muss und ob sein Körper eine solche Prozedur durchstehen kann.

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Einar: „Dass der eine eigentlich mein Freund war, ist mit das Traurigste“

Einar hat seit dem Angriff starke Schmerzen.
Einar hat seit dem Angriff starke Schmerzen.
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Einar ist in den letzten Wochen fast nur noch zuhause, er bekommt Schmerzmittel und muss viel schlafen. Die Schläger aus seiner Schule sollen ihm Nachrichten geschrieben haben: „Wann stirbst du endlich?“ Und: „Bist du schon tot?“ „Er hatte wirklich komplett den Lebensmut verloren“, sagt seine Mutter.

Früher ist Einar Fahrrad gefahren, oft mit den Hunden der Familie spazieren gegangen. Aktuell ist an all das nicht zu denken. „Dass der eine [der drei Täter, Anm. d. Red.] eigentlich mein Freund war, ist mit das Traurigste“, sagt er. Er spielt jetzt viel an der Playstation, spricht dabei mit Freunden aus der virtuellen Welt. Freunde, die nicht wissen, wie schwer krank Einar ist.

Erst jetzt, wo in den Medien über seinen Fall berichtet wird und auch Carsten Stahl und sein Verein „Bündnis Kinderschutz“ sich an Einars Seite stellen, schöpft der 13-Jährige wieder Hoffnung. Er merkt, dass er nicht allein ist.

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Einar: „Wieder gesund zu werden ,ist mein größter Wunsch“

Der Vorfall ereignete sich an der Ostetal-Gesamtschule in Sittensen.
Der Vorfall ereignete sich an der Ostetal-Gesamtschule in Sittensen.
Schwarck Media

„Ein ‘Übergriff’, bei dem ein Schüler durch ‘Tritte und Schläge in den Bauchbereich’ schwerst verletzt wurde, ist der Schule nicht bekannt“, teilt das Landesschulamt auf Anfrage mit. „Nicht jeder Streit zwischen Schülerinnen und Schülern“ sei „ein Mobbingfall“. Und: „Der Vorfall wurde vollumfänglich mit der Klasse aufgearbeitet.“

Die Familie widerspricht dem entschieden. Es gebe keine Versuche der Aufklärung durch die Schule, sagen sie. „Überhaupt nicht“, erzählt Carmen. „Es wird heruntergespielt, in der Hoffnung, dass ich das vergesse.“ „Den Lehrern ist es egal“, glaubt Einar. Die Schläger hätten überhaupt keine Strafe bekommen, durften sofort wieder mit auf Klassenfahrt fahren, erzählt er. „Die Schule ist grausam“, sagt der 13-Jährige. „Ich habe mich auch vorher schon nicht sicher gefühlt.“

Carmen hat mit dem Schuldirektor gesprochen. In seinen Augen habe es sich bei der Attacke um „eine harmlose Rangelei“ gehandelt, erinnert sie sich. Vielleicht sei Einar auch einfach auf der falschen Schule, soll er überlegt haben. „Das hat mich ganz schön sauer gemacht“, sagt Carmen. Seitdem gab es keinen Kontakt mehr.

Auch die Polizei wurde in den Fall eingeschaltet. Nach längerer Zeit, in der Einar das Haus nicht verlassen konnte, hat er kürzlich endlich seine Aussage machen können. Nun muss die Familie die Ermittlungen abwarten. Im Moment wünscht sich Einar nur eins: „Wieder gesund zu werden, ist mein größter Wunsch“, sagt er. (jda)