Eine Frau aus Wesel erzählt ihre GeschichteAnalphabetismus im Alltag - rund sechs Millionen Erwachsene in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben

von Rogatus Skanta

Jahrzehntelang hat Jessica Tepass aus Wesel so getan, als könne sie richtig lesen und schreiben – in der Schule, beim Einkaufen, im Job und selbst in ihrer Beziehung. Als sie mit 18 Jahren die Schule verließ, fehlten ihr aber diese grundlegenden Fähigkeiten. Mobbing, schlechte Erfahrungen in der Schule und fehlende Unterstützung prägten ihre Jugend.

Leben mit Angst und Scham

Im Alltag mogelte sich die 39-Jährige durch – immer in Angst aufzufallen. Briefe blieben ungeöffnet, Einkäufe wurden zur Belastung. Selbst engen Menschen verheimlichte sie ihre Schwierigkeiten lange Zeit. Vor zwei Jahren meldete sie sich an der VHS Wesel zu einem kostenlosen Lese- und Schreibkurs für Erwachsene an. Dort gewann sie Schritt für Schritt Sicherheit und Selbstvertrauen – zusammen mit anderen Betroffenen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Millionen Betroffene – wenig Sichtbarkeit

Jessica Tepass ist eine von rund 6,2 Millionen deutschsprachigen Erwachsenen in Deutschland mit einer Lese- und Rechtschreibschwäche. Die Ursachen sind vielfältig und reichen von schwierigen Schulbiografien bis zu fehlender Förderung durch die Eltern.

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Fördergelder gestrichen

Initiativen informieren und machen Mut – aber die finanzielle Förderung durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend wurde gestrichen. Experten befürchten, dass viele Betroffene dadurch wieder schwerer erreichbar werden. Dabei zeigt Jessicas Geschichte: Hilfe anzunehmen kann ein Wendepunkt sein – in jedem Alter.