Doppelt so viele Prostituierte wie vor der Pandemie

Sex für ein paar Lebensmittel: Wie Corona Frauen in Mexiko in die Prostitution treibt

14. April 2021 - 19:16 Uhr

Elendsprostitution in Corona-Zeiten: "Die machen das nicht, weil es ihnen gefällt"

Mexiko ist seit Jahren von Drogenkriegen und Gewalt gezeichnet, 40 Prozent der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze, durch die Corona-Pandemie gibt es kaum noch Arbeit. Um ihre Familien zu ernähren, sehen viele Frauen oft nur einen Ausweg: Prostitution. Dabei sind die Frauen oft Gewalt und Erpressung ausgesetzt – die Reportage von Jana Strnad im Video.

Prostitution in Mexiko: Mehr als 15.000 Frauen gehen auf den Straßenstrich

Leicht bekleidete Frauen stehen am Straßenrand in Mexiko-Stadt, bieten ihre Körper an. Für umgerechnet zwei Euro oder eine Tüte Lebensmittel. "Es ist der Hunger. Es gibt keinen anderen Ausweg. Mein Freund hat seinen Job verloren, weil viele Geschäfte geschlossen sind. Wir haben keine Ersparnisse um die Miete zu zahlen oder Essen zu kaufen", erzählt Claudia. "Nur deshalb habe ich wieder mit der Sexarbeit angefangen – und das nach zehn Jahren."

Dabei wollte sie eigentlich nie wieder zurück in die Prostitution. Nun jedoch hatte sie keine andere Wahl. Und so wie ihr geht es hier vielen Frauen. Mehr als 15.000 gehen anschaffen, das sind doppelt so viele wie vor der Pandemie. Besonders hart trifft es wie immer die Armen, die mit einem Job auf Märkten, in Bars oder Cafés ihr Geld verdient haben. Doch diese Jobs fallen wegen Covid-19 weg.

"Coronasutra" zeigt sichere Sex-Stellungen - vielen Freier pfeifen auf die Regeln

Sex worker Elena sheds tears as she describes the family sexual abuse and trafficking that led her into a life of prostitution starting at age 15, at the offices of Brigada Callejera or "The Street Brigade", in central Mexico City, Saturday, March 6,
Eine Sexarbeiterinnen weint im Büro der "Brigada Callejera" in Mexico-City. Elena ist 36 Jahre alt und vierfache Mutter. Als Kind sei sie von der Familie sexuell missbraucht und verkauft worden, erzählt sie unter Tränen. Seit sie 15 ist, muss sie sich prostituieren.
© AP, Rebecca Blackwell, RB

Elvira Madrid leitet die Aktivistengruppe Brigada Callejera. Sie weiß, dass Prostitution für viele Frauen hier die einzige Möglichkeit ist zu überleben. "Es gab auch viele, die ganz neu angefangen haben", sagt Madrid. "Sie waren teilweise noch so jung. Die machen das nicht, weil es ihnen gefällt. Sie weinen und sagen: 'Ich will das nicht tun, aber ich muss Essen für meine Kinder besorgen.'"

Die Gefahr sich anzustecken ist groß, nicht nur mit HIV, sondern auch mit dem Coronavirus. Deshalb wurde ein Hygieneguide erstellt. Das "Coronasutra" zeigt etwa Stellungen, die im Hinblick auf einen Schutz vor Infektionen zu empfehlen sind – und solche, die die Frauen besser meiden sollten. Die Missionarsstellung etwa, weil sich die Gesichter da sehr nahe kommen. Doch viele Freier wollen die Regeln nicht akzeptieren, nicht einmal Kondome benutzen. Häufig sind die Frauen gewalttätigen Übergriffen schutzlos ausgeliefert.

Nutzen Hotelbetreiber die Not der Frauen aus?

Auch mit den wenigen Hotels, die zum Teil wieder geöffnet sind, gibt es Probleme. Die Zimmer seien oft dreckig und die Betreiber würden höhere Preise verlangen. Oft willkürlich. "Vorher war es immerhin nur die Hälfte, die wir an das Hotel abgeben mussten", sagt Arlette. "Dadurch hatten wir mehr Geld für uns. Jetzt wollen die Hotels immer mehr Geld von uns und die Kunden wollen immer weniger bezahlen."

Um die Hotelkosten zu umgehen, müssen die Frauen ihre Kunden ihre Arbeit verrichten, wo immer es gerade möglich ist, erzählt Aktivistin Elvira Madrid. Egal ob in Autos oder direkt auf dem Bürgersteig. Die Arbeitsbedingungen sind hart und in manchen Teilen des Landes ist Prostitution noch dazu verboten. "Wie kann die Regierung sagen: 'Macht etwas anderes', wenn sie durch die Corona-Maßnahmen selbst dafür sorgt, dass mehrere Frauen zurück in die Sexarbeit müssen?", fragt sie. Elvira Madrid will mit ihrer Aktivistengruppe dafür kämpfen, dass die Regierung Frauen wie Claudia eine neue Perspektive gibt. Doch in Zeiten von Corona ist das schwierig

"Man kann von Gewalt betroffene Frauen nicht so im Stich lassen"

Ein Szenario wie in Mexiko kann sich Dr. Andrea Tivig, Fachreferentin für Frauenhandel und Prostitution von "Terre des Femmes", nicht vorstellen. Die Organisation setzt sich für die Menschenrechte der Frauen ein. "Dass in großen Maße neue Personen in die Prostitution in Deutschland einsteigen, halte ich für eher unwahrscheinlich." Dennoch sei die Lage der Frauen prekär, teils verzweifelt. Der Staat habe es versäumt, Hilfen anzubieten. Allen voran Unterkünfte, aber auch Ausstiegsprogramme und andere Unterstützungsmaßnahmen. Anfangs habe es einzelne lokale Hilfsfonds gegeben, "aber das war ein Tropfen auf den heißen Stein", so Tivig im RTL-Gespräch. "Es ist gut, dass aus Infektionsschutzgründen Bordelle geschlossen wurden. Aber dann muss man den Frauen doch bitte auch Alternativen anbieten." Es fehle schlicht "das Interesse, diese marginalisierten Gruppe auch in Coronazeiten im Fokus zu behalten. Man kann diese, unter anderem von Gewalt betroffenen, Frauen nicht so im Stich lassen, wie man es hier getan hat und weiterhin tut".

Der Staat müsse endlich Verantwortung übernehmen. "Das Machtgefälle zwischen Bordellbetreiber und den Frauen ist enorm", sagt sie. "Wir können doch die Frauen nicht in dieser Abhängigkeit belassen." Zudem sollten nicht die Frauen, die in ihrer Verzweiflung illegal weiter in der Prostitution tätig sind, bestraft werden, wie es zum Beispiel in vielen Orten außer Berlin der Fall sei – sondern die Sexkäufer.

In Deutschland arbeiten Prostituierte illegal weiter

Wozu es führt, wenn die Prostitution heimlich weiterläuft, zeigt ein Beispiel aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel. Hier betreibt Nadine Maletzki das "Sex Inn". Sie berichtet: "Seit dem 18. März 2020 sind die Häuser leer." Prostitution findet trotzdem statt, überall in den umliegenden Straßen stehen Frauen, verschwinden mit Freiern in Hotels, obwohl die Straßen des Viertels Sperrgebietszone sind. "Verschiedene Hotels im Bahnhofsviertel sind voll mit Sexarbeiterinnen - das ist illegale Prostitution", sagt Maletzki. Es gebe immer mehr Zuhälter. "Da stehen die Frauen auf der einen Seite und die Zuhälter auf der anderen und haben alles im Auge und filmen mit Handys. Ist das wirklich das, was die Stadt Frankfurt und das Land Hessen wollen?"

"Das Prostituiertenschutzgesetz wurde in vielen Bereichen durch die Corona-Maßnahmen ausgehebelt", sagt sie. In den Bordellen und Terminwohnungen gebe es ein Notrufsystem - in den Hotelzimmern dagegen nicht. Doch wie realistisch ist es, Bordelle bei dem hohen Infektionsrisiko sicher zu betreiben? "TERRE DES FEMMES ist sehr skeptisch, was die unterschiedlichen Hygienekonzepte betrifft, die verschiedene Organisationen im letzten Jahr entwickelt haben", sagt Andrea Tivig. "Eine Kontaktnachverfolgung im Kontext Prostitution halte ich für unwahrscheinlich." Denn welcher Freier würde schon freiwillig seine Daten hinterlassen?

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