Die Angst vor Kontrollen wächst

Corona-Lockdown - Prostituierte Nadja: "Ich habe schon Schiss"

12. Februar 2021 - 23:47 Uhr

Skurrile Situationen und Dumpingpreise

Europas größter Sexclub, das "Pascha" in Köln, ist insolvent, Bordelle bundesweit seit Monaten dicht. Die Corona-Krise hat das angeblich älteste Dienstleistungsgewerbe der Welt zum Erliegen gebracht. Trotz Verboten haben viele Prostituierte mangels Rücklagen keine andere Wahl, als illegal weiterzumachen. Das große Angebot führt zu Dumpingpreisen und die Angst erwischt zu werden, ist groß. Dass es keine bundeseinheitlichen Regeln gibt, macht die Sache nicht leichter und führt mitunter zu skurrilen Situationen. In unserem Video berichten zwei Frauen.

+++ Alle aktuellen Informationen zum Coronavirus finden Sie in unserem Live-Ticker auf RTL.de +++

Sexuelle Dienstleistungen im selben Haus erlaubt und verboten

Der Regen in Stuttgart prasselt auf Alexandra nieder. Sie ist Prostituierte, arbeitet aber im Moment nicht, weil sie noch Ersparnisse hat. Die 42-Jährige steht vor einem Mehrfamilienhaus, sie lebt dort in einer Wohnung. Die grau verputzte Fassade ist mit Graffiti besprüht, Männer gehen ein und aus. Alexandra weiß, dass nicht alle von ihnen hier wohnen. Sie sind Kunden von Prostituierten, die im Haus in untervermieteten Wohnungen illegal arbeiten. "Mindestens drei oder vier Frauen sind das, sie wechseln jede Woche", sagt Alexandra.

Sie selbst dürfte in ihrer Wohnung dagegen legal Freier empfangen, sagt sie. "Da ich in dem Haus wohne, ist es mir erlaubt, dort Prostitution zu betreiben, aber die wöchentliche Miete ist verboten, schon allein durch das Corona-Beherbergungsverbot." Polizei und Ordnungsamt wüssten auch, was in dem Haus passiert.

"Die Polizei war kürzlich da, ich habe das angeprangert, aber das hat die nicht interessiert", sagt Alexandra. Auf der einen Seite sei es ihr egal, was im Haus getrieben werde, aber richtig sei das nicht, da es die Preise drücke. "Die Frauen verlangen nicht so viel, weil sie sich nicht auskennen und bloß schnell Geld verdienen wollen."

Flickenteppich Deutschland

Der Fall zeigt, welche skurrilen Blüten die aktuelle Gesetzgebung treibt. Viele Frauen arbeiten derzeit in einer juristischen Grauzone, da es keine bundeseinheitlichen Regeln gibt. Während gewerbsmäßige Prostitution in ganz Deutschland verboten ist, gleicht die Gesetzgebung bei sexuellen Dienstleistungen außerhalb von Prostitutionsgewerben einem Flickenteppich.

Sachsen, Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg und Hessen etwa untersagen sie nicht explizit, Niedersachsen verbietet in seiner Verordnung nur erotische Massagen und Straßenprostitution.

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

Prostituierte Nadja: „Es läuft fast besser als vorher"

Das weiß auch Nadja. Sie ist als Prostituierte in ganz Deutschland unterwegs. "Der Flickenteppich ist total sinnlos, aber ich kann das alles verstehen", sagt sie. "Aber das ist mein Job und ich versuche, den irgendwie auszuüben. Wir versuchen alle, uns da irgendwie durchzumogeln." Angst vor Corona habe sie nicht. "Das kann einen überall treffen, auch in der Bahn", sagt die 39-Jährige.

Sie kann es sich nicht leisten, Pause zu machen und die Nachfrage ist groß. "Die Geschäfte laufen stabil durch die gesamte Republik", erzählt sie. "Es läuft fast besser als vorher." Wie viele andere Frauen aus Bordellen schaltet sie eigene Werbung auf entsprechenden Portalen. Die Betreiber machen sich den Ansturm zunutze. "Die Preise sind teilweise doppelt so hoch", sagt Nadja. Auch die Situation gestaltet sich schwierig. "Im ersten Lockdown waren noch viele Appartements offen. Jetzt sind die Wohnungen begrenzt, der Run ist hoch und es ist teurer."

"Die Behörden sind auch nicht blöd"

ARCHIV - 12.07.2017, Frankfurt/Main: Eine Frau steht im Eingangsbereich einer Animierbar und eines Bordells. (zu dpa «Umfrage: Bundesbürger sehen Prostitution negativ - kein Verbot») Foto: Andreas Arnold/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Prostitution
© dpa, Andreas Arnold, arn rho fie sab rho dhu

Hinzu kommt die ständige Angst, erwischt zu werden. "Die Behörden sind auch nicht blöd. Die wissen, dass wir wissen, dass es nicht erlaubt ist." Auch bei Nadja standen schon einmal Polizei und Ordnungsamt vor der Tür: "Das war in einer Terminwohnung in Baden-Baden. Die war ungünstig gewählt, ich war zum ersten Mal da, hätte ich das vorher gewusst, hätte ich das im Leben nicht gemacht. Die Wohnung lag in der Innenstadt. Da müssen viele ihren Laden schließen, die nächsten haben Kurzarbeit und andere sitzen vielleicht eh ihr ganzes Leben am Fenster und schauen, was die anderen so machen."

Doch die alarmierten Ordnungshüter beließen es bei einer Strafzahlung ohne Anzeige. Nadja vermutet, sie hätten sich Verwaltungsaufwand angesichts der rechtlichen Grauzone sparen wollen und empfahlen ihr daher abzureisen und nicht wiederzukommen.

Die Strafe: 800 Euro – und das sei noch verhältnismäßig günstig, erzählt sie. "Ich kenne Fälle, in Freiburg musste jemand 5.000 oder 6.000 Euro zahlen, die muss man erstmal haben." Immer häufiger hört sie, dass andere Frauen erwischt werden. "Ich habe schon Schiss, die Meldungen häufen sich, da werden Arbeitspapiere wie der Hurenpass und die Gesundheitskarte eingezogen." In ihrem Fall sei der Kripobeamte dagegen nett gewesen und habe ihr gesagt, dass einer der Nachbarn es gemeldet habe.

Freier total entspannt

Nadja sieht es als großen Nachteil, dass Bordelle zu sind. Sie müsse für Wohnungen und Anzeigen mehr Geld bezahlen und es sei gefährlicher. Im Bordell war sie gemeldet: "Ich will in Ruhe meinen Job machen, es ist sicher, die Steuer ist geklärt", fasst sie zusammen. Sie kenne Frauen, die bei Freiern wohnen würden, weil sie nicht wüssten, wohin.

Die Kunden seien dagegen total entspannt. "Die stehen vor der Tür und warten, eine Ausgangssperre juckt viele nicht, da sind die echt tiefenentspannt. Ich glaube, die Leute haben den ganzen Kram satt, die wollen die Normalität zurück."

Mehr zum Thema: So funktioniert Sexarbeit während der Corona-Pandemie.

TVNOW-Dokus: Corona und die Folgen

Das Corona-Virus hält die Welt seit Monaten in Atem. Auf TVNOW finden Sie jetzt spannende Dokumentation zur Entstehung, Verbreitung und den Folgen der Pandemie.

Auch interessant