Corona-Krise: Frauen im "Dauer-Angstzustand"

Viele Prostituierte arbeiten illegal - "Mitunter stehen die Freier Schlange"

De facto gilt seit dem Frühjahr ein Prostitutionsverbot.
© dpa, Andreas Arnold, arn rho fie sab rho dhu

19. November 2020 - 18:02 Uhr

De facto gilt seit dem Frühjahr ein Prostitutionsverbot

Deutschlands Bordelle sind wegen der Corona-Pandemie dicht. Zehntausende Sexarbeiterinnen sind seit Monaten ohne Arbeit. Doch trotz des Verbots bieten viele ihre Dienste dennoch an – und das illegal in sogenannten Bordellwohnungen. "Mitunter stehen die Freier im Hausflur Schlange", sagt Hannah Drechsel von Karo e.V. Der Verein aus dem sächsischen Plauen kämpft gegen Zwangsprostitution und sexuelle Ausbeutung von Frauen und Kindern.

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Prostitution in Sachsen: „Doch schon ab Juni war wieder viel los“

Im Rahmen seiner aufsuchenden Sozialarbeit ist der Verein vor allem im Grenzgebiet zu Tschechien aktiv. In den ersten Wochen nach dem Lockdown im März habe ein Teil der Frauen - überwiegend Migrantinnen aus Osteuropa - Sachsen Richtung Heimat verlassen. "Doch schon ab Juni war wieder viel los", berichtet Sozialarbeiterin Drechsel.

Gemeinsam mit zwei Kollegen fährt sie regelmäßig einschlägige Wohnungen an, um mit den Betroffenen ins Gespräch zu kommen. Nachdem sie diese Hausbesuche im Frühjahr weitestgehend einstellen mussten, bieten sie nun unter Einhaltung der Abstandsregeln ihre Hilfe zumindest wieder an der Tür an. Zudem bringen sie Lebensmittelspenden und Hygieneartikel vorbei.

Große Nachfrage: Geschäft nahezu wie vor Corona

Bei den Frauen, die trotz des Verbots wieder arbeiten, laufe das Geschäft nahezu wie vor Corona, so die Einschätzung des Vereins. "Allerdings unter nochmal deutlich schlechteren Bedingungen. Die Frauen sind im Dauer-Angstzustand", meint Hannah Drechsel anhand der von ihr gesammelten Eindrücke. Auf der einen Seite drohten bei Verstößen Bußgelder, auf der anderen Seite seien die Betroffenen auf Einnahmen angewiesen.

Denn einen Anspruch auf staatliche Hilfe hätten sie meist nicht und auch keine Krankenversicherung - dafür hohe Schulden und Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus. Auch ein wirkliches Zuhause haben viele der Frauen nicht: Sie wechseln wöchentlich oder alle zwei Wochen die Bordellwohnung. Eine Tendenz für mehr Ausstiege aus dem überwiegend kriminellen Milieu kann der Karo e.V. dennoch nicht ausmachen. "Im Gegenteil, wir haben eher das Gefühl, dass die Hilflosigkeit immer mehr wächst."

Sachsen: Zahl der Prostituierten unbekannt

Wie viele Menschen in Sachsen der Prostitution nachgehen, dazu gibt es keine belastbaren Zahlen. Zwar gibt es laut dem seit 2016 geltenden Prostituiertenschutzgesetz eine Meldepflicht. Doch Schätzungen zufolge ist die Zahl von bundesweit 33.000 angemeldeten Prostituierten (Stand Ende 2018) tatsächlich mehr als zehnmal so hoch.

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