"Ich habe immer versucht, alles zu vergessen"

Samir wurde von den Taliban entführt und gequält

21. Januar 2022 - 17:33 Uhr

von Christo Tatje und Lena Wendt

"Die haben immer wieder zu mir gesagt: Wir bringen Dich um." Samir hat Unfassbares erlebt: Vor sieben Jahren lebt er in Kabul. Dort wird er von den Taliban gekidnappt, ist ganz alleine auf der Flucht – und hat ein neues Zuhause in Niedersachsen gefunden. Wie er seine Entführung erlebt hat und wie brutal die Taliban mit ihm umgegangen sind, erzählt Samir im Video.

Als Moderator ein Dorn im Auge

Samir, heute 28 Jahre alt, moderiert damals in Afghanistan eine Musiksendung im TV. Alles völlig harmlos, wie er vorher geglaubt hatte. Bis heute kann er nicht verstehen, was die fremden Männer von ihm wollten. "Die Leute haben zu mir gesagt, du arbeitest beim Fernsehen und du musst nicht wieder beim Fernsehen arbeiten. Wir wollen Dich nicht wieder im Fernsehen sehen. Du bist gegen den Islam", berichtet er. Samir kann das nicht verstehen, denn er war nicht politisch aktiv und hat auch die Taliban nie öffentlich kritisiert.

Seine Familie kauft ihn frei

Für ein Lösegeld in fünfstelliger Höhe kommt Samir endlich wieder auf freien Fuß. Das Geld, das seine Familie damals nur mit Mühe auftreiben kann, überweist sie an ein unbekanntes Konto in Dubai. Es gibt keine Garantie, dass Samir überhaupt freikommt. Weil der junge Mann seit der Entführung unter ständiger Angst steht, verlässt er kaum noch sein Haus. Schließlich entscheiden seine Eltern, dass es besser für ihn ist, wenn er flieht.

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

Flucht über die Türkei

"Kurz nachdem ich die Flucht ergriffen habe, haben die Taliban fünf meiner Kollegen entführt und ermordet", offenbart Samir. Er bekommt 2015 ein Visum und flüchtet mit dem Flugzeug in die Türkei. Dort wartet ein Schlepper, der den traumatisierten Mann mit fünf weiteren Flüchtlingen in einem dunklen Transporter nach Europa bringt. "Alles versteckt und immer in der Nacht. Wir durften nicht rausgehen oder etwas essen und trinken. Das war nicht einfach", erinnert sich Samir. Von der Türkei aus geht es durch Bulgarien, Serbien, Kroatien, Slowenien und Österreich. Von dort aus gelangt er dann nach Deutschland.

Neuanfang im Norden

"Als wir nach Deutschland kamen, sind wir in eine Grenzkontrolle geraten und sie haben unsere Fingerabdrücke genommen. Dann mussten wir in Deutschland bleiben", erzählt Samir. Er ist damals einer von Hunderttausenden, die mit der Flüchtlingswelle nach Deutschland kommen. Mittlerweile lebt Samir in Sarstedt bei Hildesheim. Seit drei Jahren ist er 4.900 Kilometer entfernt von seiner Familie in Afghanistan. Es ist der Anfang für ein neues Leben.

Ständige Angst um die Familie

Samir
Samir kann nur über Videochat Kontakt zur Familie halten. Um die Familie zu schützen, zeigen wir sie nicht.
© RTL Nord

Die Taliban formen Afghanistan im Eiltempo um. Merkwürdige Gesetze werden verabschiedet, und selbst Schaufensterpuppen sollen geköpft werden. Wie schnell die Taliban das Land zu ihren Gunsten verändern zeigt sich auch in Samirs Familie: Seine Schwester lebt gemeinsam mit ihrem Ehemann und den Kindern in Kabul. Seitdem die Taliban hier regieren, ist vieles nicht mehr möglich, erzählt sie, als Samir während des Interviews mit ihr telefoniert.

"Die Situation ist sehr schlecht. Wir haben keinen Strom. Die Kinder dürfen nicht zur Schule gehen und Studenten nicht in die Universität. Alles ist hier sehr teuer geworden. Jeden Tag gibt es Explosionen. Die Taliban entführen Personen, die mit der alten Regierung zusammengearbeitet haben oder auch Polizisten. Niemand weiß was mit den Leuten passiert. Sie sind einfach weg", schildert sie die Lage. Im September 2021 wird sogar die Nahrung knapp. Für Samir ist es immer auch ein wichtiges Lebenszeichen, wenn er seine Schwester per Telefon erreicht.

Die Flüchtlings-WG

Samir wohnt inzwischen mit Rasul zusammen. Sie teilen das gleiche Schicksal: Die Flucht aus Afghanistan und vor allem die ständige Angst um die eigene Familie, die beide im Alltag begleitet. Vor allem das gemeinsame Kochen traditionell afghanischer Gerichte gehört für die beiden einfach dazu und lässt sie ein Stück weit Heimat verspüren.

Auch wenn Samir seinen Job als Moderator aufgeben musste, hat er es geschafft, beruflich in Deutschland einen Neuanfang zu wagen. "Ich bin immer noch bei den Medien. Ich arbeite als Cutter und ich finde das auch toll. Das macht mir Spaß und ich versuche die Sprache mehr und mehr zu lernen und vielleicht kann ich danach wieder als Moderator oder als Journalist arbeiten", erzählt er stolz. Zusammen mit dem jeweiligen Redakteur schneidet er heute verschiedenste Fernsehbeiträge und ist unter den Kollegen sehr beliebt.

Die dunkle Vergangenheit bleibt

Samir geht es heute gut, aber das Erlebte wird wohl für immer in Erinnerung bleiben. Auch die Sehnsucht nach seiner Familie ist groß. "Es ist nicht einfach. Das gehört zu mir. Es ist ein Teil von mir und von meinem Leben, eine dunkle Seite. Ich habe immer versucht alles zu vergessen, aber manchmal überkommt mich alles und ich bin dann ziemlich traurig", gesteht er. Doch aufgeben und sich in den schlimmen Erinnerungen verlieren, kommt für Samir nicht in Frage.