Viele Einrichtungen sind völlig überlastet

Zu Hause pflegen statt im Heim: Was Angehörige beachten müssen

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17. Oktober 2019 - 9:51 Uhr

Versorgung in vertrauter Umgebung – wie geht das?

Die Eltern oder andere Angehörige sind auf Pflege angewiesen – doch immer wieder berichten ehemalige Angestellte wie Eva Ohlerth von menschenunwürdigen Zuständen in den Heimen, ausgelöst durch den allgegenwärtigen Pflegenotstand in Deutschland. Nicht nur deshalb wollen viele Angehörige die Betroffenen nicht aus ihrer vertrauten Umgebung herausreißen. Aber was muss man beachten, wenn pflegebedürftige Verwandte zu Hause versorgt werden sollen? Schließlich sind die gesetzlichen Regelungen extrem komplex. Einen ersten Überblick über die wichtigsten Punkte zu Finanzierung und Organisation finden Sie hier.

1. Häusliche Pflege beantragen: So geht‘s

Ob ein Mensch pflegebedürftig ist und somit finanziell von der Pflegeversicherung unterstützt wird, wird vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) durch ein Gutachten ermittelt. Dafür muss jedoch zunächst per Telefon oder Brief ein Antrag gestellt werden, und zwar bei der zuständigen Pflegekasse des Angehörigen.

Anschließend muss ein entsprechendes Formular ausgefüllt werden, ein Gutachter beurteilt durch einen Hausbesuch und ein Gespräch die Situation. Dabei werden verschiedene Kriterien beurteilt: Wie gut kann sich der Betroffene noch bewegen? Wie steht es um seine geistige Fitness und Kommunikationsfähigkeit? Gibt es psychische Probleme? Wie gut kann sich der- oder diejenige noch selbst versorgen? So wird am Ende der Pflegegrad zwischen 1 und 5 ermittelt. Dieser ist ausschlaggebend dafür, wie viel Geld der pflegebedürftigen Person zusteht.

2. Ambulanter Pflegedienst, selber pflegen – oder beides?

Besteht kein Pflegegrad, müssen alle Kosten vom Pflegebedürftigen oder der Familie übernommen werden. Für die häusliche Pflege bei einem Pflegegrad zwischen 2 und 5 gibt es mehrere Optionen, für die unterschiedliche Leistungen von der Kasse gezahlt werden:

  • Pflegesachleistungen

Unterstützt ein ambulanter Pflegedienst die Familie bei der Pflege, werden sogenannte Pflegesachleistungen fällig. Diese rechnet der Pflegedienst direkt mit der Kasse ab. Beim Pflegegrad 2 werden so 689 Euro übernommen, beim höchsten Grad 5 sind es 1.995 Euro.

Die Kosten für einen häuslichen Pflegedienst sind von Bundesland zu Bundesland verschieden. Worauf es bei der Suche nach dem richtigen Anbieter ankommt, erfahren Sie hier.

  • Pflegegeld

Pflegegeld erhalten Angehörige, aber auch Freunde oder Nachbarn, die den Pflegebedürftigen selbst privat versorgen. Auch das Pflegegeld richtet sich nach dem Pflegegrad – aber nicht danach, wie viele Stunden in der Woche tatsächlich für die Versorgung nötig sind, oder ob die pflegende Person in Teil- oder Vollzeit arbeitet. So gibt es für den Pflegegrad 2 316 Euro, für den Grad 5 sind es 901 Euro.

  • Kombileistungen

Hier werden Pflegesachleistungen und Pflegegeld kombiniert. So könnte zum Beispiel die tägliche Intimpflege von einem ambulanten Dienst übernommen werden, während Angehörige die weitere Versorgung am Tag übernehmen. Die Zahlungen der Kasse werden entsprechend aufgeteilt.

3. Pflegekräfte aus dem EU-Ausland

Viele Angehörige greifen auf Pflegepersonal aus Osteuropa, vor allem Polen, zurück. Die Kosten hierfür belaufen sich auf etwa 1.800 bis 2.000 Euro pro Monat. Dabei gilt es jedoch zu beachten: Die Bezahlung kann nicht über die Pflegesachleistungen abgerechnet werden. Lediglich eine Teilfinanzierung über das Pflegegeld ist also möglich.

Hier erfahren Sie, was Sie bei der Anstellung einer Pflegekraft aus dem EU-Ausland beachten müssen.

24-Stunden-Netzwerk aus privater und professioneller Pflege

Der Tag hat 24 Stunden. Damit Angehörige zu Hause versorgt werden können, ist ein funktionierendes Netzwerk aus privater und professioneller Pflege unverzichtbar, wie Pflegeberaterin Birgit Schwarz-Nenninger dem Onlineportal pflege.de erklärt. "Die Versorgung muss zu jeder Zeit gewährleistet sein." Damit das gut funktioniert, sind genaue Absprachen über Zeiten und Tätigkeiten zwingend notwendig – und Vertrauen: "Angehörige sollten akzeptieren können, dass sich fremde Leute im Haus bewegen. Das führen sich die wenigsten vor Augen und haben das Gefühl, ständig dabei sein zu müssen."

Außerdem sollte anerkannt werden, dass die Pflege zu Hause nicht immer möglich ist – und zwar "immer dann, wenn eine psychische oder physische Gefährdung vorliegt – sowohl für den Pflegebedürftigen als auch den Angehörigen." Das ist etwa der Fall, wenn der Betroffene nachts immer wieder alleine aufsteht, fällt und sich dabei verletzt, aber auch, wenn Angehörige die Belastung einfach nicht mehr aushalten.