"Am Tisch mit Olaf Scholz" - Deutschland fragt nach

Olaf Scholz: „Nur weil die Aufgaben groß sind, kann man sich nicht vor ihnen drücken“

21. September 2021 - 11:11 Uhr

Olaf Scholz im Gespräch mit Zuschauern

von Robert Clausen

Es ist einer der letzten TV-Auftritte von Olaf Scholz (SPD) kurz vor der Wahl am 26. September. In der RTL-Talkrunde, moderiert von Peter Kloeppel, muss der Kanzlerkandidat sich den Fragen von Zuschauerinnen und Zuschauern stellen, die während der Sendung mit ihm an einem Tisch sitzen.

Bisher lag die SPD in Umfragen komfortabel in Führung vor der CDU, aber entschieden ist die Wahl damit noch lange nicht. Zuletzt konnte die CDU sogar ein bisschen aufholen. Im Gespräch mit fünf Zuschauerinnen und Zuschauern geht es um Themen, die die Menschen wirklich bewegen: Innere Sicherheit, Rente, Bildung, Corona und Landwirtschaft. Dabei geht es durchaus emotional zur Sache.

Schlägt sich Scholz besser als Armin Laschet oder Annalena Baerbock, die Kandidatin der Grünen, die beide schon zu Gast bei "An einem Tisch mit..." waren?

Die Gäste bei "Am Tisch mit Olaf Scholz":

  • Renate Werner, 71 Jahre alt, Rentnerin aus Deggendorf. Sie arbeitet nebenbei in einem Café, weil ihre Rente nicht reicht, um mit ihrem Enkel essen zu gehen.
  • Jennifer Otto, 31 Jahre alt, Kriminalkommissarin und Gewerkschafterin aus Mainz. Sie beklagt: Die Gewalttaten nehmen immer weiter zu. Wer schützt uns?

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  • Daniel Schmidt, 36 Jahre alt, Gastronom aus Hamburg. Er hat in der Corona-Krise stark gelitten und musste die billigste Wurst kaufen, damit sein Sohn überhaupt etwas auf dem Schulbrot hatte. Er sagt: "Ich bin psychisch, energetisch und finanziell völlig ausgelutscht."
  • Reina-Maria Nerlich, 27 Jahre alt, Lehrerin aus Berlin. Zu wenig Zeit für die Schüler, zu wenig Lehrer, zu große Klassen – sie will von Olaf Scholz wissen, wie er eine gerechte Bildung ermöglichen will.
  • Dr. Elena Zydek, 38 Jahre alt, Landwirtin. Sie produziert Bio-Milch und -Fleisch. Oft hat sie Sorge, die Rechnungen nicht bezahlen zu können. Sie fordert, dass es faire Preise für Erzeuger und Verbraucher gibt.

Ausstattung der Polizei ist teilweise mangelhaft

Polizistin Jennifer Otto fragt: Wer schützt uns?
Polizistin Jennifer Otto fragt: Wer schützt uns?
© RTL

Den Anfang macht Kriminalkommissarin Jennifer Otto. Die zunehmend rauere Atmosphäre auf der Straße macht ihr zu schaffen: "Mich beschäftigt, dass die Gesellschaft es ein bisschen verlernt hat, dass ich in Uniform auch Mensch bin. Ich habe auch Eltern, Freunde und am Ende will auch ich nur gesund nach Hause zurückkommen." Von Olaf Scholz will sie wissen, wie er die Polizei unterstützen will. Ein kompliziertes Thema, denn eigentlich ist die Polizei Sache der Bundesländer. Doch der Bund soll ihrer Meinung nach zum Beispiel bei Themen wie der Ausstattung unterstützen.

In einigen Bundesländern hätten die Beamten nicht einmal Smartphones. Bei einem Vermisstenfall müssten alle Streifen deshalb in die Dienststelle fahren, um das ausgedruckte Fahndungsfoto abzuholen. Olaf Scholz erklärt: "Wir fühlen uns für die Sicherheit verantwortlich." Die Bezahlung müsse in den unterschiedlichen Bundesländern fair geregelt sein. Es könne nicht sein, dass "man das Gefühl hat, ich muss das Bundesland wechseln, damit ich gut bezahlt werde", sagt Scholz.

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Rentnerin zu Scholz: „Das Sicherheitsgefühl der Bürger ist nicht gut“

Rentnerin Renate Werner sagt, sie gehe abends nicht mehr allein vor die Tür, viele Jugendliche seien aggressiv. Und Polizistin Otto beklagt, viele Täter würden erst Monate später bestraft – wenn überhaupt. Das spreche sich herum. "Das subjektive Sicherheitsgefühl der Bürger ist nun mal da – und es ist nicht gut", sagt Jennifer Otto. Olaf Scholz sieht ein, dass die Polizei unter anderem mehr Personal brauche. Dabei verweist er auch auf seine Rolle als Hamburger Bürgermeister. Gastronom Daniel Schmidt springt Scholz bei: An der Reeperbahn habe es große Probleme gegeben. Durch mehr und sichtbare Polizei habe man gemerkt, dass sich etwas getan habe. Die Probleme seien spürbar zurückgegangen.

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Gastronom erklärt Scholz: „Viele Unternehmer wissen noch gar nicht, dass sie bald schließen müssen“

Der Gastronom Daniel Schmidt hat durch die Lockdowns stark gelitten.
Der Gastronom Daniel Schmidt hat durch die Lockdowns stark gelitten.
© RTL

Emotional wird es bei Gastronom Daniel Schmidt. Er erzählt, wie ihm die Corona-Zeit zu schaffen macht: "Meine Welt steht absolut Kopf. Ich bin psychisch, energetisch und finanziell völlig ausgelutscht." Einen weiteren Lockdown würde er finanziell nicht überleben: "Alles, was wir zu Geld machen konnten, haben wir zu Geld gemacht. Das würden wir kein zweites Mal schaffen, es ist nämlich nichts mehr da."

Olaf Scholz versucht, ihm die Sorge zu nehmen. "Wir sind mit der Pandemie im Wesentlichen durch. Es wird keinen neuen Lockdown geben." Eine kleine Hoffnung für Daniel Schmidt: "Sehr starkes Wort von ihrer Seite!" Trotzdem blickt der Unternehmer sorgenvoll in die Zukunft. Er hat Angst vor einer weiteren Pleitewelle. "Viele wissen noch nicht, dass sie bald schließen müssen." Die Hilfen seien zu spät gekommen, außerdem sei es häufig undurchsichtig gewesen, welche Hilfen zurückgezahlt werden müssen.

Scholz betont, wie viel Geld die Regierung für die Unternehmen ausgegeben habe: Am Ende des nächsten Jahres habe man 400 Milliarden Euro zusätzliche Schulden gemacht, allein die Kurzarbeit habe 40 Milliarden Euro gekostet. Dazu kämen Direkthilfen, Kredite und Steuererleichterungen, "Beträge, die weit, weit, weit über 100 Milliarden Euro liegen."

Rentnerin beklagt: „Wenn man zum Amt geht, fühlt man sich wie ein Bettler“

Obwohl sie jahrzehntelang gearbeitet hat, lebt die Rentnerin von 794 Euro Rente im Monat.
Obwohl sie jahrzehntelang gearbeitet hat, lebt die Rentnerin von 794 Euro Rente im Monat.
© RTL

Rentnerin Renate Werner ist 71 Jahre alt, hat jahrzehntelang gearbeitet und lebt aktuell von 794 Euro Rente im Monat. Weil das nicht reicht, arbeitet sie nebenbei in einem Café. Sie sagt: "Es ist schlimm, dass ich jetzt mit so wenig Rente auskommen muss." Beim Amt fühle man sich wie ein Bettler, das sei entwürdigend.

Für Olaf Scholz ist die Sache klar: Wenn man im Berufsleben wenig verdient hat, läuft es bei der Rente schlecht. Deshalb habe sich die SPD für die Grundrente stark gemacht, mit der die Leute gestärkt werden sollen, die viel gearbeitet, aber wenig verdient haben. Damit die Leute eben nicht beim Amt Schlange stehen müssen, um Anträge auszufüllen, rechnen die Rentenversicherungen den Anspruch selbst aus und verschicken nach und nach die neuen Rentenbescheide. Davon soll seiner Meinung nach auch Renate Werner profitieren. Er sagt aber auch: "Dass wir so viele haben, die wenig verdienen, wird uns immer wieder Probleme bereiten." Mit einem Mindestlohn von 12 Euro, den die SPD fordert, würden 10 Millionen Arbeitnehmer eine Gehaltserhöhung und damit am Ende auch eine höhere Rente bekommen. Sein Versprechen: "Und deshalb bin ich so sehr dafür einen gesetzlichen Mindestlohn von 12 Euro einzuführen und gleichzeitig haben wir gesagt: wir wollen geringe Renten aufstocken."

Lehrerin spricht mit Scholz über Bildung: "Wer auf der Strecke bleibt, sind die Kinder“

Lehrerin Nerlich will vor allem mehr Ressourcen und Zeit für ihre Schülerinnen und Schüler.
Lehrerin Nerlich will vor allem mehr Ressourcen und Zeit für ihre Schülerinnen und Schüler.
© RTL

Lehrerin Reina-Maria Nerlich liebt ihren Beruf. Aber sie stellt immer wieder fest: Oft fehlt die Zeit, richtig auf die Schüler einzugehen. Zwar ist Bildung Ländersache, wie auch die Polizei, aber "trotzdem können wir was tun", sagt Olaf Scholz. Dank einer Änderung des Grundgesetzes kann der Bund Geld für die Schulgebäude und Digitalisierung zur Verfügung stellen. Er gibt aber zu: "Es ist doch sehr langsam, wie das so in die Gänge kommt."

Nerlich geht es aber weniger ums Geld. Viel wichtiger sind ihr mehr Ressourcen und mehr Zeit. Schon 2008 habe Olaf Scholz gesagt, dass die Schulklassen deutlich kleiner sein müssten. "Die Versprechen dauern so ewig lang. Und wer auf der Strecke bleibt, sind die Kinder", konfrontiert sie den SPD-Kanzlerkandidat. Von einem Bundeskanzler wünsche sie sich ganz klare Signale an die Bundesländer, die dafür zuständig sind. Immer wieder verweist Scholz auf seine Zeit als Hamburger Bürgermeister, sagt aber auch: "Ich kann gar nichts garantieren, was in der verfassungsrechtlichen Kompetenz der Länder liegt. Und wenn das einer tut, sollten Sie den nicht weiter als Gesprächspartner ernst nehmen." Es gehe darum, zu sagen: "Das sind Themen, die wir auf der nationalen Agenda haben und die wir besprechen müssen."

Landwirtin: „Wir wissen wie ein iPhone produziert wird, aber nicht wie die Wurst produziert wird“

Landwirtin Elena Zydek wünscht sich mehr Regulierung und Unterstützung von der Politik.
Landwirtin Elena Zydek wünscht sich mehr Regulierung und Unterstützung von der Politik.
© RTL

Landwirtin Elena Zydek ist frustriert. Häufig nicht zu wissen, ob man Rechnungen bezahlen kann, das demotiviert. Die EU-Subventionen reichten nicht aus. Außerdem habe der Einzelhandel eine ungeheure Macht und diktiere die Preise. "Wir entscheiden nicht, wie viel wir für unsere Produkte bekommen. Das ist total skurril." Sie wünscht sich von der Politik mehr Regulierung. Es könne nicht sein, dass Milch für 30 Cent neben Biomilch für 1,99 Euro stehe. "Dann würde ich auch die für 30 Cent nehmen." Auch Aufklärung sei wichtig: "Wir wissen wie ein iPhone produziert wird, aber nicht wie die Wurst produziert wird."

Olaf Scholz will dafür sorgen, dass faire Wettbewerbsbedingungen herrschen. Auch er will auf die Aufklärung von Verbrauchern setzen. Man müsse aufklären, was Qualität ist und Anreize schaffen, dass mehr Lebensmittel anders produziert werden. Preise könne man nicht festsetzen, aber sich genau anschauen, wie sie zustande kommen. Kartellabsprachen müsse man verhindern.

Kurze Frage in die Runde, wer zu den teureren Öko-Produkte greift: Niemand hebt die Rand, weder die Polizistin, noch die Lehrerin und der Corona-geplagte Gastronom erst recht nicht. Olaf Scholz kauft gerne regional und auch Bio ein. Aber: "Ich verdiene viel Geld. Deswegen bin ich sehr zurückhaltend. Ich will nicht Leuten, die sehr wenig Geld haben, Empfehlungen geben, was sie machen müssen." Landwirtin Zydek zeigt sich zufrieden mit den Antworten des SPD-Kanzlerkandidaten: "Da nehme ich Sie beim Wort – und zur Not rufe ich an."

Olaf Scholz mit Kanzler-Ansage: „Nur weil die Aufgaben groß sind, kann man sich nicht vor ihnen drücken“

Natürlich sei die Welt sehr kompliziert, sagt Olaf Scholz am Schluss. "Aber das darf ja nicht ein Anlass sein, nichts zu tun, sondern muss der Anlass sein, möglichst schnell anzufangen." Er habe die Einstellung, die Sachen anzupacken."Nur weil die Aufgaben groß sind, kann man sich nicht vor ihnen drücken."