"Am Tisch mit…" der Grünen-Kanzlerkandidatin bei RTL

Baerbocks Stärke: Das Gespräch mit den Leuten

25. August 2021 - 10:54 Uhr

Annalena Baerbock punktet im Gespräch mit Zuschauern

Die Grünen-Kanzlerkandidatin tritt in den vergangenen Wochen nicht mehr so selbstsicher auf, fürchtet oft, den nächsten Fehler zu machen. Im Gespräch mit Bürgern bei RTL zeigt sich aber eine nicht verloren gegangene Stärke Annalena Baerbocks. Beim RTL-Format "An einem Tisch mit..." spricht die Politikerin über grüne Landwirtschaft, die Erhöhung des Hartz-IV-Satzes und die Einführung der so genannten "Kindergrundsicherung".

Auftritt: Die lockere Baerbock

Dass Annalena Baerbock die nächste Bundeskanzlerin wird, ist für die im RTL/ntv-Trendbarometer drittplatzierten Grünen nach aktuellem Umfragestand nicht sehr wahrscheinlich. Aber womöglich fühlt sich die Partei-Vorsitzende in der Rolle der Jägerin inzwischen gar nicht so unwohl. In der RTL-Sendung "An einem Tisch mit…" ist am Dienstagabend (22.35 Uhr) zumindest eine lockere Baerbock zu sehen, die wiederholt beteuert, wie angenehm sie das von Peter Kloeppel moderierte Gespräch mit sechs Bürgerinnen und Bürgern findet.

Keine Frage jedenfalls, die sie nicht als "total wichtig" begrüßt und fröhlich "Danke" sagt. Nachdem die 40-Jährige in den vergangenen Wochen von Journalisten oft gegrillt wurde für ihr zusammengefuschtes Buch, aufgeblasene Lebensläufe und Nachlässigkeiten bei Einkommensmeldungen an den Bundestag, scheint Baerbock die Wählerinnen-Fragen weit weniger zu fürchten. Dabei scheuen der Pflegeheimleiter Ugur Citinkaya, die Landwirtin Agnes Greggersen, die alleinerziehende Nagelpflegerin Tanja Hornung, die Frührentnerin Christina Neufendt, die Klimaaktivisten Leah Kaiser und der Stahlkocher Chris Rücker keine Kritik.

"Grüner Stahl und CO2-frei: Ich bin ja voll dafür"

Stahlkocher Chris Rücker sitzt an einem Tisch mit Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock.
Stahlkocher Chris Rücker möchte mit Annalena Baerbock über die Zukunft der Stahlindustrie sprechen.
© RTL

Den Anfang macht der 57-jährige Rücker, der in seiner Freizeit gerne Motorrad fährt oder seinen Jeep durchs Gelände peitscht. Kein klassischer Grünen-Wähler, also. Und dennoch: Auch Rücker bekennt sich zum Ziel einer klimaneutralen Schwerindustrie, wenn er sagt: "Grüner Stahl und CO2-frei: Ich bin ja voll dafür." Wie die Unternehmen die Umstellung stemmen und dabei wettbewerbsfähig bleiben sollen, erschließt sich Rücker nicht. Baerbock stellt ihm das Grünen-Konzept eines "Industriepakts": Fördermittel, auf die sich alle Unternehmen bewerben können und erst zurückzahlen müssen, wenn sie stabil Gewinne einfahren.

Rücker sorgt sich zudem vor der Konkurrenz durch Billigstahl aus China, der staatlich subventioniert und nicht durch Klimaschutzauflagen verteuert wird. "Deswegen ist mein ganz konkreter Vorschlag, diejenigen, die keinen klimaneutralen Stahl produzieren oder ihre Unternehmen wie in China unlauter subventionieren, die müssen in Zukunft an der Grenze zahlen; ich nenne das Klimazoll, aber man kann auch Grenzausgleichzoll sagen", erklärt Baerbock.

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Was kostet die grüne Landwirtschaft?

Grün werden soll es auch in der Landwirtschaft, nur wer bezahlt das den Landwirten, fragt die 30-jährige Greggersen, die den konventionell wirtschaften Milchhof ihrer Eltern übernehmen will. "Wir müssen mit Blick auf die Dumpingpreise dafür sorgen, dass das so nicht mehr stattfinden kann", bleibt Baerbock vage und verweist auf den Grünen-Plan, auf jedes Milchprodukt eine zusätzlichen Tierschutz-Cent zu erheben, der helfen soll, wenn Greggersen etwa ihren Kuhstall modernisieren will. "10 Cent mehr pro Liter Milch bräuchte ich", klagt Greggersen. Baerbock setzt auf eine Reform der EU-Agrarmittel. Wie sie das von den 27 EU-Mitgliedstaaten gerade erst mühsam ausverhandelte Paket neu aufschnüren will, fragt die unverändert skeptisch wirkende Landwirtin Baerbock nicht.

Aber Baerbock hatte auch einmal darauf verwiesen, dass es ja eher ihr Co-Vorsitzender Robert Habeck sei, der sich mit "Hühner, Schweine, Kühe melken" auskenne, sie sich aber mit dem Völkerrecht. Und, wie die Mutter zweier Töchter immer öfter von sich aus thematisiert, mit dem Mutter-Dasein.

Grüne fordern Kindergrundsicherung

Beim RTL-Format "Am Tisch mit..." stellen Zuschauer und Zuschauerinnen den Kanzlerkandidat:innen Fragen.
Die alleinerziehende Nagelpflegerin Tanja Hornung sitzt "Am Tisch mit Annalena Baerbock".
© RTL

Die Geschichte von Tanja Hornung, die sich arbeitslos und alleinerziehend als Nagelpflegerin selbstständig gemacht, aber wegen der Pandemie neun Monate nicht gearbeitet hat, geht Baerbock nahe. "Was wollen Sie dafür tun, dass Frauen, die sich trennen, nicht mehr Angst haben müssen, in die Armut abzurutschen", fragt Hornung.

Baerbock beteuert, sie kenne diese Problematik aus persönlichen Gesprächen und fordert garantierte Kitaplätze, eine "Weiterbildungsagentur" für Menschen, die umlernen wollen oder müssen, und eine echte Arbeitsplatzgarantie für Mütter: "Ein Rückkehrrecht auf den Arbeitsplatz, das gibt es jetzt ein bisschen, aber nicht auf Vollzeit und auch nicht auf die Stelle, die man vorher hatte." Kinder dürften zudem nicht ins Hartz-IV-System rutschen. Die Grünen fordern deshalb eine "Kindergrundsicherung". Baerbock gelingt es über weite Strecken, locker zu reden, sich weniger an ihre eingeübten Redewendungen wie der "notwendigen Erneuerung" zu klammern, wie es Baerbock sonst oft im TV passiert.

Dass die Grünen viel versprechen, das aber alles durch Steuererhöhungen für Vermögende finanzieren wollen, macht die nach einem Arbeitsunfall frühverrentete Neufendt skeptisch. "Dann wird eine Abwanderung stattfinden, dann werden die Reichen abwandern", fürchtet die 65-Jährige. "Wir müssen, wenn wir Menschen mit einem kleinen, geringen Einkommen entlasten wollen, für Spitzenverdiener höhere Steuer erheben", rechtfertigt Baerbock ihren Ruf nach einer Anhebung des Spitzensteuersatzes sowie die Wiedereinführung einer Vermögenssteuer.

Baerbock: Kohleausstieg hat absolute Priorität

Beim Thema Klima wirft Leah Kaiser den Grünen Zaghaftigkeit vor und fragt: "Was hat bis jetzt gefehlt, um effektiven Klimaschutz zu betreiben?", fragt die 21-Jährige. Ein konkreter Fahrplan der Bundesregierung, findet Baerbock und verspricht: "Da hat für mich absolute Priorität der Kohleausstieg." Wer das ablehne, wie ihre Konkurrenten Armin Laschet von der Union und Olaf Scholz von der SPD, müsse sagen, wie er sonst CO2-Emissionen einsparen will. "Wenn wir nicht auf den 1,5-Grad-Pfad von Paris kommen, dann macht es keinen Sinn für Grüne reinzugehen", zieht Baerbock die rote Linie für etwaige Koalitionen nach der Bundestagswahl.

"Wenn wir unsre Stahlindustrie umstellen auf Elektro, dann sage ich wird die Energie nicht reichen", warnt Schmelzer Rücker. Der gutverdienende Facharbeiter ist ebenso wie die an der Armutsgrenze lebende Neufendt besorgt über die Auswirkungen des CO2-Preises; er wegen des für viele Brandenburger unverzichtbaren Autos, sie wegen steigender Mieten. "Klimaschutzpolitik kann nicht Sozialpolitik entlasten" sagt Baerbock und verspricht sich für gute Löhne und eine zuverlässige Verkehrsinfrastruktur einzusetzen. Gänzlich überzeugt von den Antwortender zugewandten und freundlichen Kanzlerkandidatin scheinen die sechs Fragesteller nicht zu sein - enttäuscht aber auch nicht. (ntv.de)