Leiche der 64-Jährigen lag in Maisfeld

Straftäter kriegt nach 30 Jahren Freigang – bezahlte Elisabeth T. mit dem Leben?

05. Oktober 2021 - 9:10 Uhr

Northeim: Tote Frau in Maisfeld

Während eines Freigangs soll ein Straftäter Elisabeth T. (64) getötet haben. Ihre Leiche lag in einem Maisfeld in Northeim (Niedersachsen). Der 57-jährige sitzt wegen Totschlags in einer psychiatrischen Klinik – seit über 30 Jahren. Aufgrund mehrerer Gutachten waren ihm Lockerungen gewährt worden: eine fatale Fehleinschätzung?

Freigänger aus Northeim soll Tat begangen haben

Maisfeld in Northeim
Während seines Freigangs soll ein Straftäter die Frau getötet haben. Die 64-jährige Frau wurde am Samstag in einem Maisfeld in Northeim entdeckt.
© RTL

Was genau sich am Samstag in dem Maisfeld abspielte, ist noch unklar. Die Ermittler äußern sich dazu aus ermittlungstaktischen Gründen bislang nicht. "Im Rahmen der Lockerungen soll er die Tat begangen haben", sagt die Staatsanwaltschaft Göttingen auf RTL-Anfrage über den 57-Jährigen. Zu der Zeit, zu der sich die Tat ereignet haben soll, hatte er Freigang.

Nachbarn und Freunde vermuten, dass Elisabeth T. mit ihrem Hund spazieren war, als sie umgebracht wurde. Denn das Tier kam ohne sein Frauchen zurück. "Ich hab den Hund noch Sonntagnachmittag reingelassen. Er kam alleine angelaufen", erinnert sich ein Anwohner. Eine andere Nachbarin sagt: "Sie ist mit dem Hund da langgegangen. Ich nehme an, der Mann kam und hat sie umgebracht."

Lockerungen nach über 30 Jahren im Maßregelvollzug Moringen

Maßregelvollzug Moringen
Der 57-Jährige war im Maßregelvollzug Moringen untergebracht.
© RTL

Der Tatverdächtige war im Maßregelvollzug Moringen untergebracht. 1987 hatte er versucht, eine Frau mit einem Messer zu töten. Die Richter erkannten damals einen Zustand der erheblichen Schuldverminderung und ordneten die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an.

In der Therapie soll der 57-Jährige Fortschritte gemacht haben. Nach mehreren psychiatrischen Gutachten wurden ihm Lockerungen gewährt. "Die Maßnahmen, die notwendig sind, um Lockerungen auch auszusprechen, sind professionell und umfassend", sagt Stefanie Geisler vom niedersächsischen Sozialministerium zu RTL. "Letztlich entscheidet auch die Staatsanwaltschaft, ob die Person so weit ist, dass Lockerungen möglich sind."

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Kriminalpsychologe: Prognosewahrscheinlichkeit liegt bei 80 bis 90 Prozent

Dr. Rudolf Egg ist Kriminalpsychologe.
Prof. Rudolf Egg ist Kriminalpsychologe.
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In diesem Fall womöglich eine fatale Fehleinschätzung von Juristen und Psychiatern, die zwar versuchen in die Seele von Menschen zu gucken und doch keine Hellseher sind. "Man sagt, dass die Prognosewahrscheinlichkeit, das heißt dass man richtig liegt mit seiner Aussage, zwischen 80 und 90 Prozent beträgt, weil man nicht in die Zukunft schauen kann, weil man nicht weiß, was einem draußen begegnet", weiß Kriminalpsychologe Prof. Rudolf Egg. Besonders schwer seien Gutachten bei psychisch kranken Straftätern. Ihnen gerecht zu werden und gleichzeitig die Allgemeinheit zu schützen, gehört zu den heikelsten Aufgaben überhaupt. "Dass jemand ganz alleine so eine Klinik verlässt und dann durch eine Stadt spazieren geht, das ist ja nicht der erste Schritt, sondern das ist oft einer der letzten Schritte vor einer Entlassung."

Weitere Straftaten von Freigängern in Niedersachsen

Freiheiten und Lockerungen, die Elisabeth T. mit dem Leben bezahlte? Fakt ist: In Niedersachsen kommt es immer wieder zu Fällen, in denen Freigänger Straftaten begehen. 2007 lockte ein Freigänger eine 23-jährige Frau in seine Wohnung und vergewaltigte sie mehrfach. Weitere Sexualstraftaten von Freigängern aus Moringen gab es im selben Jahr sowie 2019.

Das Sozialministerium sieht trotz des jüngsten Vorfalls keine Defizite im Maßregelvollzug Moringen. Es handele sich um einen traurigen Einzelfall, der lückenlos aufgeklärt werden müsse. (bst)