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Nächster Russischer Überfall? Darum ist die Lage in Bosnien und Herzegowina so gefährlich

Experten in Sorge

Situation im Westbalkan: Zettelt Putin hier schon den nächsten Krieg an?

Bosnien-Wahl
In Bosnien und Herzegowina wächst ein neuer Konflikt mit pro-russischen Separatisten heran, den Moskau für sich nutzen will.
deutsche presse agentur

von Kathrin Hetzel

Der Krieg in der Ukraine ist in vollem Gange. Da blickt Russland schon auf ein weiteres Land, in dem der Frieden brüchig ist und sich ein Konflikt mit pro-russischen Separatisten anbahnt. Offen werden diese von Russland unterstützt, denn das Land Bosnien und Herzegowina im Westbalkan möchte sich dem Westen zuwenden. Die Situation droht zu eskalieren, Experten sind in Sorge und befürchten sogar eine russische Invasion.

Ein Konflikt in der unmittelbaren Nähe zur EU, könnte Russland durchaus in die Karten spielen. Der russische Botschafter hat bereits angekündigt, dass man bei weiterer Annäherung von Bosnien und Herzegowina an den Westen „am Beispiel der Ukraine“ gezeigt hätten, wie Russland auf Bedrohung reagiere. Zettelt Russland hier also schon den nächsten Krieg an?

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Deshalb sorgt sich der Westen

„Wenn Putin (in der Ukraine) in die Enge getrieben wird, wird er sich nach anderen Orten umsehen, an denen er Siege erringen kann. Und einer davon könnte Bosnien sein“, so der demokratische US-Senator Chris Murphy gegenüber dem Sender CNN. Er sprach zudem von einer „sehr beunruhigenden Zeit für Bosnien“. Experten sind besorgt über die Lage im Westbalkan. Auch Nato-Generalsekretär Stoltenberg nannte das Land im März noch als mögliches Ziel „weiterer russischer Interventionen“.

Denn diese „russischen Interventionen“ könnten auch die Lage im Westen bedrohen: „Wir alle wissen, dass Moskau die Möglichkeit hat, auch in anderen Weltgegenden Probleme zu verursachen“, sagt der österreichische Außenminister Alexander Schallenberg erst kürzlich. „Wenn es am Westbalkan kracht, dann trifft es sozusagen den Innenhof der EU.“

Aber was genau ist das Problem in Bosnien und Herzegowina? Warum hat Russland hier seine Finger im Spiel und warum könnte das ein Problem für ganz Europa werden?

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So ist die Lage in Bosnien und Herzegowina

FILE PHOTO: Bosnia's member of tripartite presidency Milorad Dodik waves to people during parade celebrations to mark their autonomous Serb Republic's national holiday, in Banja Luka, Bosnia and Herzegovina, January 9, 2022. REUTERS/Antonio Bronic/Fi
Der bosnische Serbenführer Milorad Dodik.
/FW1F/Nicholas ZIEMINSKI, REUTERS, ANTONIO BRONIC

Seit Ende des Bosnienkrieges 1995 leben in dem osteuropäischen Land verschiedene Völkergruppen zusammen: hauptsächlich Serben, Kroaten und Bosniaken. Es ist politisch in drei Zonen geteilt: Die Föderation Bosnien und Herzegowina, den kleinen Distrikt Brčko und die Republika Srpska – kurz „RS“. Diese Zonen werden von einem dreiköpfigen Staatspräsidium vertreten, welches die Belange der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen im Land vertreten soll.

Mittelfristig will das Land der Nato beitreten. Allerdings verfolgen nicht alle Bevölkerungsgruppen dieses Ziel: Die Republika Srpska fühlt sich eher Russland zugehörig und möchte unabhängig werden. Der bosnische Serbenführer Milorad Dodik macht aus seiner Nähe zu Putin kein Geheimnis. Russland unterstützt die „RS“ offen bei ihren separatistischen Plänen. So hat sich Bosnien und Herzegowina auch nicht den westlichen Sanktionen gegen Russland als Reaktion auf den Ukraine-Krieg angeschlossen.

Genau 30 Jahre nach Ende eines Krieges zwischen eben diesen Volksgruppen, der über 100.000 Tote gefordert hat, droht der Konflikt wieder zu eskalieren. Angefeuert und unterstützt durch Russland.

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Gibt es ein zweites Donezk und Luhansk?

Die Republika Srpska nimmt etwa die Hälfte des Staatsgebietes von Bosnien und Herzegowina ein und ist mehrheitlich serbisch. Seit einiger Zeit will sich die RS aus dem Land lösen und unabhängig werden, beispielsweise seine eigene Armee haben und sich der Justiz nicht mehr unterordnen.

Unterstützung bekommt die „RS“ von Russland – dem „großen Bruder“ des serbischen Volkes. Denn zwischen Serbien und Russland gab es in der Geschichte immer wieder gemeinsame Bündnisse, beide Völkergruppen verbindet ein gemeinsames slawisches und orthodoxes Erbe.

Russland versucht seit Jahren mehr Einfluss auf die bosnischen Serben zu bekommen. Der bosnische Serbenfüher Dodik und Kreml-Chef Putin haben ein gutes Verhältnis zueinander, angeblich soll Dodik sogar regelmäßige strategische Anweisungen von Russland erhalten.

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Im Falle einer „RS“-Unabhängigkeitserklärung würde Russland vermutlich seinen diplomatischen Segen geben. Denkbar wäre dann ein Szenario wie in den „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk in der Ukraine.

All das um einen Nato-Beitritt von Bosnien und Herzegowina in jedem Fall zu verhindern. Russlands Botschafter Igor Kalabuchow machte bereits klar, wie die „Reaktion“ Moskaus andernfalls aussehen würde: „Am Beispiel der Ukraine haben wir gezeigt, was wir erwarten; wenn wir bedroht werden, reagieren wir.“

Was glauben Sie: Wird Russland den Krieg auch auf andere Länder ausweiten?

Wie reagiert der Westen?

Der Westen ist sich im Klaren über die Vorgänge im Westbalkan und hat teilweise schon reagiert. SO haben die USA und Großbritannien Sanktionen gegen Dodik und andere „RS“-Spitzen verhängt. Sanktionen aus der EU gibt es allerdings bisher nicht. Allerdings hat die EU-Militärmission Eufor Althea aufgrund des Konfliktes ihr Personal um fast das Doppelte aufgestockt. Auch von Seiten der Bundesregierung gab es bereits eine Art Warnschuss in Richtung Dodik und RS: So wurden Investitionen in Höhe von 105 Millionen Euro in der „RS“ erst einmal auf Eis gelegt, bis alle „Abspaltungsbestrebungen“ zurückgenommen werden.

Ob das am Ende reicht, um einen eskalierenden Konflikt zu verhindern, ist derzeit unklar. Sollte die „RS“ am Ende wirklich ihre Unabhängigkeit ausrufen, könnte das auch Konsequenzen für andere Länder im Balkan haben, die EU- und NATO-Mitgliedschaften anstreben. (khe)

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