Leben der Häftlinge von Laune der Wachmänner abhängig

Stutthof-Prozess in Itzehoe: "Frau F. saß in der Schaltzentrale einer Mordmaschine!"

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Irmgard F. ist wegen Beihilfe zum Mord in 11.000 Fällen angeklagt.
bra, dpa, Marcus Brandt

Klar und deutlich spricht Nebenklägervertreterin Christine Siegrot am Dienstagmorgen erstmals im Landesgericht Itzehoe: „Frau Irmgard F. saß da in der Schaltzentrale einer Mordmaschine. Mein Mandant erinnert sich noch, dass sein Leben von der Laune der Wachmänner abhängig war. Mein Mandant hat 16 Angehörige verloren. Er möchte, dass alle alles erfahren, die jüngere Generationen.“

Irmgard F. ist wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 10.000 Fällen angeklagt. Als Sekretärin hat sie von 1943 bis 1945 im KZ Stutthof bei Danzig gearbeitet und soll von den Vorgängen im Lager gewusst haben.

"Die Justiz hat versagt!"

„Er oder sie hat doch nur ihren Job gemacht, das wird uns immer entgegengebracht“, so schildert Siegrot die Eindrücke ihres Mandanten weiter. „Wir sind uns alle einig, dass das Verfahren viel zu spät kommt. Die Justiz hat versagt.“ Dass Irmgard F. erst heute und nicht schon in den 50er Jahren vor Gericht stand, habe mit nationalistischen Strukturen in der Gesellschaft zu tun. Man wollte einen Schlussstrich ziehen.

Eindeutiger Appell an Irmgard F.: Endlich zu reden

Ein zweiter Nebenklagevertreter berichtet von den psychischen Problemen seines Mandanten, die bis heute andauern: „Mein Mandant war damals erst 13 Jahre alt. Ihn ließ das KZ sein ganzes Leben nicht mehr los.“ Und er richtet einen eindeutigen Appell an die Angeklagte: „Sie hatten in dem Prozess die historische Chance, etwas zu sagen. Aber sie haben sie bis jetzt nicht genutzt. Also, lassen sie uns mit der Weisheit des Alters noch daran teilhaben.“

Diesen Appell unterstützt auch Sascha Bloemer, ein weiterer Nebenklägervertreter: „Sie hatten sich zu Beginn dazu entschlossen, zu fliehen. Und leider haben sie auch nichts zur Aufarbeitung beigetragen. Nutzen sie doch jetzt die letzte Möglichkeit. Durch Aussagen der Zeugen ergeht, dass unzählige Leichen vor die Baracken gelegt wurden. Das muss die Angeklagte gesehen haben.“

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Irmgard F. hat sich noch nie selbst zu den Vorwürfen geäußert

In der vergangenen Woche hatte Staatsanwältin Maxi Wantzen bereits eine Jugendstrafe von zwei Jahren auf Bewährung gefordert. Sie äußerte sich überzeugt, dass die Angeklagte sich im Alter von 18 und 19 Jahren der Beihilfe zum heimtückischen und grausamen Mord in mehr als 10.000 Fällen schuldig gemacht habe. Viele Zeugen haben bereits ausgesagt und bezeichneten die Erlebnisse als „Hölle“. Die Angeklagte schweigt aber weiterhin. Der Prozess könnte das letzte große Verfahren gegen NS-Verbrecher dieser Art sein.
(dpa/kst)