Nebenklagevertreter fordert: "Gericht soll selbst nach Stutthof fahren"

Ehemalige KZ-Sekretärin Irmgard F. (96) nach Flucht vor Gericht

Prozess gegen frühere Sekretärin im KZ Stutthof
Prozess gegen frühere Sekretärin im KZ Stutthof
© dpa, Christian Charisius, chc sab

20. Oktober 2021 - 11:20 Uhr

Prozessfortsetzung nach Flucht

Es ist ein beispielloser Prozess. Irmgard F. ist wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 11.000 Fällen angeklagt. Als Sekretärin hat sie von 1943 bis 1945 im KZ Stutthof bei Danzig gearbeitet. Doch die heute 96-Jährige ist offenbar rüstiger als gedacht: Zum ersten Prozesstag Ende September ist sie aus ihrem Altersheim in Quickborn geflohen und landete anschließend für ein paar Tage in U-Haft. Am Dienstagmorgen wird sie zur Prozessfortsetzung gebracht.

Irmgard F. trägt elektronische Fessel am Handgelenk

Dieses Mal konnte sie nicht fliehen. Irmgard F. (96) sitzt auf der Anklagebank. Ihre Flucht mit dem Taxi hatte weltweit für Schlagzeilen gesorgt und auch heute ist das Medieninteresse groß. Etwa 50 Journalisten sitzen mit ihr im Gerichtssaal. An ihrem rechten Handgelenk trägt sie eine Schiene: Eine elektronische Fessel, um weitere Fluchtversuche zu verhindern. Die 96-Jährige sitzt regungslos in ihrem Rollstuhl, streift sich gelegentlich übers Knie und hört der Staatsanwaltschaft bei der Verlesung der Anklage zu. Nach 20 Minuten hält sie sich den Kopf mit beiden Händen fest – als ob sie Kopfschmerzen hätte. Der Richter fragt sie: "Geht es Ihnen gut? Brauchen Sie eine Pause?"

"Gericht soll selbst nach Stutthof fahren"

Die beiden Verteidiger von Irmgard F. sagen ganz klar über die 96-Jährige: "Sie war keine überzeugte Nationalsozialistin." Nach einem Bericht der ARD-Tagesschau aus dem vergangenen Jahr ist Irmgard F. mehrfach als Zeugin befragt worden. Sie selbst behauptet, dass sie von der Tötungsmaschinerie, der während ihrer Dienstzeit nur wenige Meter von ihr Zehntausende Menschen zum Opfer fielen, nichts gewusst habe.

Christoph Rückel vertritt fünf Nebenkläger in diesem Prozess und er sagt heute vor Gericht: "Akustisch und visuell muss sie mitbekommen haben, was mit den Menschen passiert ist", denn das KZ Stutthof bei Danzig war ein verhältnismäßig kleines Konzentrationslager. "Sie musste Galgen, Gaskammer und die ausgemergelte Leichen wahrgenommen haben", so Rückel. Er fordert deshalb: Das "Gericht soll selbst nach Stutthof fahren", um die Örtlichkeiten in Augenschein nehmen zu können.

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© dpa, Daniel Bockwoldt, dbo cul

Im Juli 2020 hatte das Landgericht Hamburg einen ehemaligen Wachmann in Stutthof zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Das Gericht sprach den 93-Jährigen wegen Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen schuldig - mindestens so viele Gefangene wurden nach Überzeugung der Strafkammer während der Dienstzeit des Angeklagten 1944/45 in Stutthof ermordet.

Der Prozess gegen den damals 93-jährigen Bruno D. dauerte neun Monate. Es gab 45 Verhandlungstermine. Nach Beginn der Corona-Pandemie im März 2020 musste der Prozess unter strengen Hygiene-Auflagen stattfinden. Dennoch versäumte der Angeklagte keine einzige Sitzung; nur ein Termin musste vorzeitig beendet werden, weil sich der Beschuldigte nicht wohl fühlte. (dpa/agi)