Ehemalige KZ-Sekretärin in Lübecker Gefängnis gebracht

U-Haft für 96-jährige Prozess-Verweigerin Irmgard F.

Ein ziviles Polizeifahrzeug bringt die 96 Jahre alte Angeklagte zu einem Haftprüfungstermin an einen Nebeneingang des Itzehoer Landgerichts.
Ein ziviles Polizeifahrzeug bringt die 96 Jahre alte Angeklagte zu einem Haftprüfungstermin an einen Nebeneingang des Itzehoer Landgerichts.
© deutsche presse agentur

02. Oktober 2021 - 10:30 Uhr

Angeklagte muss Konsequenzen für Fluchtversuch tragen

Monatelang hat das Landgericht Itzehoe den womöglich letzten NS-Prozess in Deutschland vorbereitet. Angeklagt ist die ehemalige Sekretärin im KZ Stutthof Irmgard F.. Doch unmittelbar vor dem Auftakt taucht die 96-Jährige ab. Ob die Angeklagte daraufhin wegen Fluchtgefahr in Untersuchungshaft kommt oder bis zum nächsten Prozesstermin auf freiem Fuß bleibt, musste am Donnerstag ein Arzt prüfen. Er hielt die 96-Jährige allerdings für hafttauglich.

Die Haft sei "bis auf weiteres"

Irmgard F. wurde nach ihrer Flucht zunächst auf das Polizeirevier in Hamburg-Langenhorn gebracht und am frühen Abend dem Landgericht Itzehoe vorgeführt. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur wurde sie in die Justizvollzugsanstalt Lübeck gebracht worden. Dort sitzen weibliche Gefangene ein.

Die Haft sei "bis auf weiteres" angeordnet worden, teilte Gerichtssprecherin Frederike Milhoffer am Donnerstag mit. Damit muss Irmgard F. nun die Konsequenzen für ihre Flucht tragen. Die 96-Jährige habe zwischen 6.00 und 7.20 Uhr morgens vor Prozessbeginn ihren Wohnort verlassen und sei mit einem Taxi Richtung Norderstedt/Hamburg-Ochsenzoll gefahren, erklärte Milhoffer.

Anklageverlesung am 19. Oktober

Im Verhandlungssaal hatten am Donnerstagmorgen mehr als 50 Journalisten und Zuschauer, zwölf Vertreter der 30 Nebenkläger, der Verteidiger und weitere Prozessbeteiligte auf den Beginn der Verhandlung gewartet. Geplant war die Verlesung der Anklage. Das soll nun beim nächsten Termin am 19. Oktober geschehen.

Um den auch international beachteten Prozess unter Corona-Bedingungen durchführen zu können, findet er nicht im Itzehoer Gerichtsgebäude, sondern in den Räumlichkeiten einer Logistikfirma am Stadtrand statt.

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Sie soll von Zwangsarbeit, Folter, Hinrichtungen gewusst haben

Der Prozess könnte einer der letzten sein, um Verantwortliche aus der NS-Zeit zur Rechenschaft zu ziehen. 1939 lässt Adolf Hitler, nach dem Überfall auf Polen, knapp 40 Kilometer östlich von Danzig - das KZ Stutthof errichten. Zunächst als Gefangenen-, später als Vernichtungslager zur gezielten Tötung von Polen und Juden. Zwangsarbeit, Folter, Hinrichtungen - jeden Tag.

Die damals 18-jährige Irmgard F. arbeitet im Lager als Sekretärin des Hauptkommandanten. In ihren späteren Aussagen dazu behauptet sie, sie hätte von all dem nichts mitbekommen.

"Das lief alles über ihren Schreibtisch"

Der Angeklagten wird Beihilfe zum Mord in mehr als 11.000 Fällen vorgeworfen. Als Stenotypistin und Schreibkraft in der Kommandantur von Stutthof soll sie zwischen Juni 1943 und April 1945 den Verantwortlichen des Lagers bei der systematischen Tötung von Gefangenen Hilfe geleistet haben.

Historiker Marc Buggeln erklärt dazu, dass F. nicht irgendeine kleine Sekretärin sei, die sich mit der Kleiderkammer beschäftigt hat, sondern sie wäre die zentrale Fernsprecherin für den Kommandanten gewesen. "Das heißt, sämtliche Meldungen über Deportationen nach Auschwitz oder auch über Mordbefehle in Stutthof selbst oder auch den Umgang mit den Ermordungsprozessen im Krematorium, Bestellungen von Zyklon B - das lief alles über ihren Schreibtisch."

Aus der U-Haft zur Verhandlung

Die Kammer gehe davon aus, dass an jedem Prozesstag mindestens anderthalb bis zwei Stunden verhandelt werden könne, erklärte die Sprecherin. Die Angeklagte sollte zu jedem Termin in Begleitung eines Arztes von ihrem Wohnsitz abgeholt werden. Das Gericht hat 26 weitere Verhandlungstermine angesetzt. Sofern sie in Haft bleibt, müsste sie aus dem Untersuchungsgefängnis in den Verhandlungssaal gebracht werden.

In der Vergangenheit habe es keinen Gerichtstermin gegeben, zu dem die Angeklagte erscheinen musste, sagte Milhoffer. Auch der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Peter Müller-Rakow, ließ offen, ob Vertreter der Anklagebehörde mit Irmgard F. gesprochen haben. "Der Beschuldigten ist rechtliches Gehör gewährt worden", sagte der Oberstaatsanwalt lediglich. Pflichtverteidiger Wolf Molkentin äußerte sich ebenfalls nicht zu möglichen Treffen mit der 96-Jährigen. Er sagte nur: "Als Verteidiger könnte ich meinen Job nicht machen, wenn ich nicht auch Kontakt zur jeweiligen Mandantin hätte."

Ermittlungsverfahren von "außergewöhnlicher Natur"

Der Fall Irmgard F. sei der Itzehoer Staatsanwaltschaft im Sommer 2016 von der Zentralstelle in Ludwigsburg übergeben worden. Daraufhin sei ein Ermittlungsverfahren eingeleitet und im Januar 2021 Anklage erhoben worden. "Dieses Ermittlungsverfahren ist eines von außergewöhnlicher Natur. Man bedenke den Sachverhalt und man bedenke die Tatzeit", sagte Müller-Rakow. Es seien Unterlagen aus dem ehemaligen KZ ausgewertet und Zeugen in den USA und Israel vernommen worden.

Ein Historiker habe ein Gutachten zur Rolle und Funktion der Angeklagten im KZ Stutthof erstellt. In dem Lager seien vor allem jüdische Gefangene, polnische Partisanen und sowjetische Kriegsgefangene systematisch getötet worden. Nach Angaben des Verteidigers wurden allerdings keine Schriftstücke gefunden, die die Angeklagte mit ihrem Namen oder Kürzel abgezeichnet habe.

Ehemaliger Wachmann aus Stutthof bereits verurteilt

Im Juli 2020 hatte das Landgericht Hamburg einen ehemaligen Wachmann in Stutthof zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Das Gericht sprach den 93-Jährigen wegen Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen schuldig - mindestens so viele Gefangene wurden nach Überzeugung der Strafkammer während der Dienstzeit des Angeklagten 1944/45 in Stutthof ermordet.

Der Prozess gegen den damals 93-jährigen Bruno D. dauerte neun Monate. Es gab 45 Verhandlungstermine. Nach Beginn der Corona-Pandemie im März 2021 musste der Prozess unter strengen Hygiene-Auflagen stattfinden. Dennoch versäumte der Angeklagte keine einzige Sitzung; nur ein Termin musste vorzeitig beendet werden, weil sich der Beschuldigte nicht wohl fühlte. (dpa/nid, swi)