Ehemalige KZ-Mitarbeiterin wegen Beihilfe zu 11 000 Morden angeklagt

Vor Prozessstart geflüchtet: Frühere KZ-Sekretärin (96) gefasst und verhört!

01. Oktober 2021 - 10:07 Uhr

Empörung am Gericht Itzehoe: 96-Jährige war auf der Flucht

Eigentlich sollte die ehemalige KZ-Sekretärin Irmgard F. (96) am Donnerstagmorgen um 11 Uhr vor dem Schleswig-Holsteinischen Landgericht Itzehoe stehen und sich wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 11 000 Fällen verantworten. Doch sie erschien nicht! Am frühen Morgen floh sie mit dem Taxi. Jetzt ist die Frau gefunden und wird dem Gericht vorgeführt. Ein Arzt wird ihre Hafttauglichkeit prüfen.

Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationales Auschwitz Komitees, ist empört über die Flucht – und im Video äußert er eine Vermutung, wer der Dame geholfen haben könnte.

Haftbefehl gegen Irmgard F. erlassen

30.09.2021, Schleswig-Holstein, Itzehoe: Der Vorsitzende Richter Dominik Groß (3.v.r.) kommt mit den Richterinnen und den Schöffen zum Prozess gegen eine 96-jährige ehemalige Sekretärin des SS-Kommandanten des Konzentrationslagers Stutthof am Landger
Der Vorsitzende Richter Dominik Groß (3.v.r.) kommt mit den Richterinnen und den Schöffen zum Prozess, die Angeklagte fehlt allerdings.
© dpa, Markus Schreiber, ms fdt

Zuvor hatte der Vorsitzende Richter Dominik Groß Haftbefehl gegen Irmgard F. erlassen. "Gegen eine ausgebliebene Angeklagte findet die Hauptverhandlung nicht statt", so Groß. Zwar wurde die Hauptverhandlung eröffnet, diese soll nun aber am 19. Oktober fortgesetzt werden. "Wir gehen selbstverständlich davon aus, dass die Angeklagte dann anwesend sein wird. Irgendwie werden wir das schon hinkriegen, denke ich", erklärte der Richter weiter.

Angeklagte verschwand "sehr früh morgens" aus Heim

In diesem Auto soll Irmgard F. sitzen. Der Mercedes verlässt den Hof des Polizeireviers Langenhorn.
In diesem Auto soll Irmgard F. sitzen. Der Mercedes verlässt den Hof des Polizeireviers Langenhorn.
© RTL Nord

Irmgard F. habe "sehr früh morgens" – noch vor 7:30 Uhr - das Heim verlassen und habe sich "in unbekannte Richtung" entfernt, erzählt unsere Reporterin vor Ort. Dann habe sie ein Taxi zur U-Bahn-Station in Norderstedt genommen. Über Stunden war nicht klar, wie es mit dem Prozessauftakt weiter gehen sollte. Gegenüber RTL äußerte die Gerichtssprecherin Frederike Milhoffer, noch am Donnerstagmittag, sie wisse "gar nichts" über den aktuellen Aufenthaltsort der Angeklagten. Dann die Festnahme. Auf dem Polizeirevier Langenhorn wurde Irmgard F. vernommen, wurde dann angeblich mit einem grauen Mercedes vom Hof gefahren.

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Angeklagte schrieb Brief: Prozess sei "entwürdigend"

Für den Anwalt der Nebenkläger, Christoph Rückel, kommt das Verschwinden von Irmgard F. nicht unerwartet. "Ich war nicht überrascht, da wir ja aus einem Brief der Angeklagten wussten, dass sie sich dem Verfahren eigentlich nicht stellen will", erzählt er. Rückelt vertritt fünf Mandaten aus dem Ausland, darunter auch einen 83-Jährigen aus Österreich, der mit 6 Jahren im KZ Auschwitz und danach im KZ Stutthof war.

Im Brief ans Gericht soll Irmgard F. handschriftlich verkündet haben, dass es entwürdigend sei, dass sie sich dem Verfahren stellen müsse. "Und das finden unsere Mandanten entsetzlich", so Rückel unserer RTL-Reporterin gegenüber. "Wir haben den Brief als Anwälte so verstanden, dass sie maximal sich hinsetzten und schweigen wird, wenn sie überhaupt da ist." Man könne aus dem Brief auch den Schluss ziehen, dass sie nicht erscheinen wollte.

Was wusste die ehemalige Sekretärin über die Morde?

KZ Stutthof bei Danzig
Das KZ Stutthof bei Danzig.
© RTL Nord

76 Jahre nach Kriegsende beschäftigt sich die Justiz erneut mit den Nazi-Verbrechen im KZ Stutthof. Angeklagt ist die aktuell flüchtige Irmgard F., eine ehemalige Schreibkraft in der Kommandantur. Der Prozess ist von großem internationalem Interesse und es soll die Frage geklärt werden, in wieweit die heute 96-Jährige damals an mehr als 11 000 Morden mitwirkte.

Im KZ Stutthof bei Danzig und seinen Nebenlagern sowie auf den sogenannten Todesmärschen zu Kriegsende starben nach Angaben der für die Aufklärung von NS-Verbrechen zuständigen Zentralstelle in Ludwigsburg etwa 65 000 Menschen.

Ehemaliger Wachmann im Juli verurteilt

Bereits im Juli 2020 hatte das Landgericht Hamburg einen ehemaligen Wachmann in Stutthof zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Das Gericht sprach den 93-jährigen Bruno D. wegen Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen schuldig - mindestens so viele Gefangene wurden nach Überzeugung der Strafkammer während der Dienstzeit des Angeklagten 1944/45 in Stutthof ermordet.

Angeklagte war zur Tatzeit 18 Jahre alt

Wie der Prozess gegen den ehemaligen Wachmann wird auch das Verfahren gegen die ehemaligen Sekretärin vor einer Jugendkammer stattfinden, weil die Angeklagte zur Tatzeit erst 18 beziehungsweise 19 Jahre alt war. Die Strafkammer hat insgesamt 27 Verhandlungstermine bis Anfang Juni nächsten Jahres angesetzt. (nid)