Kritik an verspäteter Booster-Impfung wächst

Dritter Corona-Pieks: STIKO-Chef Thomas Mertens räumt erstmals Fehler ein

Thomas Mertens ist Vorsitzender der Ständigen Impfkommission.
Thomas Mertens ist Vorsitzender der Ständigen Impfkommission.
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02. Dezember 2021 - 8:24 Uhr

Verspätete Booster-Impfung in Deutschland

Die Kritik an der verspäteten Booster-Impfung inmitten der vierten Corona-Welle wächst. Im ARD-Politikmagazin "Panorama" räumt der STIKO-Vorsitzende Thomas Mertens erstmals Versäumnisse ein.

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Mertens: Früheres Boostern wäre "wahrscheinlich günstiger gewesen"

Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission hat im Gespräch mit dem ARD-Politikmagazin "Panorama" erstmals eingeräumt, dass bestimmte Entscheidungen der Kommission "aus der heutigen Perspektive" zu spät erfolgt sind. So wäre es laut Mertens "wahrscheinlich günstiger gewesen, mit dem Boostern früher anzufangen".

Warum die STIKO so lange für ihre Entscheidung brauchte, erklärte Mertens in "Panorama" damit, "dass wir erst definieren, welche Daten brauchen wir, um zu einer Empfehlung kommen zu können. Und wenn das festgelegt ist, dann müssen diese Daten erhoben, erarbeitet werden. Und wenn diese Daten vorliegen, dann fängt die STIKO an, diese Daten zu diskutieren."

Israelischer Experte kritisiert STIKO: "Das war einfach total falsch"

Der ehemalige Leiter des israelischen Impfprogrammes, Ronnie Gamzu, zeigt sich gegenüber "Panorama" schockiert über die Langsamkeit der deutschen Kollegen: "Das war einfach total falsch. Wir hatten klare Beweise, wir haben die Daten. Es gab keine wissenschaftliche Basis dafür zu sagen, die Auffrischungsimpfung bringe nur den Über-65- oder Über-70-Jährigen etwas. Wir haben gesehen, dass die Zahl der Antikörper auch bei 40-Jährigen zurückgeht. Was für Beweise braucht man denn noch?"

Mertens entgegnete, man habe die "israelischen Daten und die Evidenz erst aufarbeiten" müssen. "Der Vergleich mit Israel ist an vielen Punkten nicht möglich", so Mertens. Die Evidenz in einem anderen Land sei eben nicht einfach übertragbar. Für den Israeli Gamzu nicht nachvollziehbar: Deutschland habe die einmalige Chance verpasst, anhand der israelischen Daten in die Zukunft zu blicken. Diese hatten erkennen lassen, was in Deutschland drei Monate später tatsächlich auch passiere.

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Mertens macht schlechte Infrastruktur in Deutschland mitverantwortlich

Im Interview mit "Panorama" erklärte der STIKO-Vorsitzende auch, es sei nicht Aufgabe der STIKO, die "Umsetzung der Impfung" zu organisieren oder darüber zu befinden, "wie die Impfstoffe beschafft werden, wie die Impfstoffe verteilt werden. Das sind alles Dinge, die die STIKO überhaupt nicht betreffen."

Gleichzeitig räumte er allerdings ein, dass genau solche Faktoren Einfluss auf die STIKO hätten: "Das sehen Sie an der Frage der Empfehlung der Über-70-Jährigen", so Mertens. "Da nicht absehbar war, dass wir in unserer Bevölkerung so schnell wie in Israel eine Durchimpfung vornehmen können, musste man auf jeden Fall zunächst die Menschen schützen, die auch ein hohes Risiko für schwere Erkrankung haben. Und das war der Hauptgrund für diese Empfehlung."

Demnach hat die STIKO allerdings nicht aufgrund der reinen Datenlage zugunsten der Über-70-Jährigen entschieden, sondern auch aufgrund der schlechten deutschen Impf-Infrastruktur. Diese wurde während der vergangenen Monate durch die bundesweite Schließung der Impfzentren sogar weiter abgebaut - ohne, dass die Kommission öffentlich dagegen protestiert hätte.

STIKO: Späte Entscheidungen in Serie

Schon seit Beginn des Jahres hatte die STIKO für ihre Entscheidungen in der Pandemie länger als andere gebraucht: So empfahl die Kommission noch bis zum 10. September keine Impfung von Schwangeren, während die USA und Israel bereits seit Juli 2021 dringend dazu rieten. Das Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf hatte bereits am 3. Mai dringend zur Schwangeren-Impfung geraten, weil Schwangere ein viel höheres Risiko eines schweren Corona-Verlaufs hätten.

Auch bei der Impfempfehlung für Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren ließ sich die STIKO Zeit. Dabei hätte die rechtzeitige Impfung wohl auch weitere Lockdowns von Schulen verhindern können. Für den als "Impfluencer" bekannt gewordenen Ulmer Hausarzt Christian Kröner völlig unverständlich: "Meiner Meinung nach hätte die STIKO schneller in den Pandemiemodus schalten müssen, was sie bis heute nicht getan hat."

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