Am Ende hilft nur flächendeckendes 2G

KBV-Chef Gassen: „Impfpflicht ändert nichts mehr an der 4. Welle“

Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) glaubt nicht, dass eine Impfpflicht noch etwas an der 4. Welle ändert
Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) glaubt nicht, dass eine Impfpflicht noch etwas an der 4. Welle ändert
© deutsche presse agentur

24. November 2021 - 20:54 Uhr

Wer soll denn jetzt boostern?

Die Zahl der Infizierten bei der Polizei Köln stieg zuletzt täglich bedenklich an - über 60 Infizierte, dazu kommen die Kollegen, die als Kontaktpersonen in Quarantäne müssen. Deswegen der Beschluss: 1800 Beamte und Beamtinnen sollen so schnell geboostert werden. Ein Kraftakt! Aber: Ist die Booster-Impfung nicht erst einmal den älteren und vorerkrankten Menschen zu verabreichen? Über das Boostern und eine allgemeine Impfpflicht haben wir mit dem Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. Andreas Gassen, gesprochen.

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Impfschutz nicht innerhalb eines Tages weg

Der Andrang im Veranstaltungssaal des Präsidiums in Köln-Kalk muss groß gewesen sein. Bis zum Dienstagmittag hatten dort schon mehr als 500 Polizistinnen und Polizisten ihre Booster-Ration Biontech erhalten, berichtet der Kölner Stadt Anzeiger. Aber werden da die richtigen Menschen geboostert? "Grundsätzlich muss man sagen, die Booster-Impfung macht ja ohnehin in der Regel erst Sinn, wenn Sie mindestens sechs Monate nach der zweiten Impfung hinter sich haben", sagt uns KBV-Chef Andreas Gassen.

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Es sei nicht so, dass der Impfschutz mit sechs Monaten innerhalb eines Tages ganz weg sei. Dass man bei der Polizei in Köln sichergehen wolle, dass die Kollegen gut geschützt seien, sei aber verständlich. "Trotzdem muss die Botschaft sein: Ein junger gesunder Feuerwehrmann wird, wenn er voll geimpft ist, kein erhöhtes Risiko haben", wenn seine zweite Impfung sechs oder sieben Monate zurückliege, sagt Gassen.

Boostern wird 4. Welle nicht beeinflussen

Deswegen hat die KBV sich immer dafür ausgesprochen, dass nach Alter und besonderen Bedürfnissen priorisiert wird. Denn bekannt ist: Auf den Intensivstationen befinden sich vor allem ungeimpfte Menschen und alte, bei denen der Immunschutz nachgelassen hat. "Da werden sie keinen doppelt geimpften gesunden Menschen mittleren Alters finden", sagt der Mediziner. "Von daher macht das Boostern natürlich prioritär für die Alten und Vorerkrankten Sinn."

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Doch seit der politischen Werbung für eine Booster-Impfung ab 18 Jahren sei das Kind in den Brunnen gefallen: "Es geht jetzt nach der Devise 'First come first serve'", so Gassen. "Wir haben eine endliche Menge an Impfstoffen bis Ende des Jahres und er wird, wenn wir keine Alterspriorisierung vornehmen, natürlich zuerst denen gegeben, die da sind." Das sei für die Arztpraxen auch gar nicht anders darstellbar, so der KBV-Vorsitzende. Am Verlauf der vierten Welle wird das Boostern in den Augen des Mediziners nichts mehr ändern.

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Einziger Ausweg: Flächendeckendes 2G

Sowohl in der Bevölkerung als auch in der Politik wird deswegen immer intensiver über eine Impfpflicht debattiert. Aber auch hier gilt für den Mediziner: "Eine jetzt eingeführte Impfpflicht wird die vierte Welle in keiner Weise mehr beeinflussen." Er hat, wie andere Experten auch, Schwierigkeiten sich vorzustellen, wie eine solche Impfpflicht umgesetzt werden soll: "Wir wissen zum Teil gar nicht, wer von den Erwachsenen nicht geimpft ist, wie die dann identifiziert und dann im Zweifel zwangsvorgeführt werden sollen – dazu fehlt mir die Fantasie."

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Wäre eine solche Pflicht aus epidemiologischer Sicht im nächsten Jahr dennoch sinnvoll? "Das ist eine ganz andere Frage", sagt Gassen. "Wir haben es in Deutschland einfach nicht geschafft, die relativ große Zahl von Erwachsenen, die sich nicht impfen lassen wollen, zu überzeugen." Jetzt sei die Frage: Wie geht man mit denen um? "Grundsätzlich wird es nicht funktionieren, ohne die Ungeimpften entweder zu impfen oder weitgehend aus den Kontakten rauszunehmen", so der Mediziner. "Das ist nichts anderes als flächendeckendes 2G, und ich glaube, dass das kommen wird, damit wir über den Winter zu kommen." (ija)

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