Im Juni standen 2 Charterflüge für 300 Menschen bereit

Hat die Bundesregierung zu spät gehandelt?

19. August 2021 - 9:08 Uhr

Charterflüge sollten bereits im Juni organisiert gewesen sein

Noch unzählige Menschen sitzen in Afghanistan fest und warten auf Rettung. Nun kommt die Frage auf: Warum hat die Bundesregierung nicht vorher gehandelt? Laut eines Medienberichts hätten bereits im Juni 300 Menschen gerettet werden können, was offenbar am Streit der Berliner Ministerien scheiterte. Nun soll heute in Berlin geklärt werden, warum die Bundesregierung so spät mit der Evakuierung aus Afghanistan begann.

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Kritik am Handeln der Bundesregierung wächst

Die Taliban lassen sie nicht raus - Tausende Ortskräfte und ihre Familien fürchten weiter in Afghanistan um ihr Leben. Dabei könnten 300 von ihnen schon längst in Deutschland sein: Das Verteidigungsministerium soll bereits Ende Juni zwei Charterflugzeuge organisiert haben, berichtet die Süddeutsche Zeitung. Aber: Das Innenministerium stellte sich offenbar quer. Bürokratische Hürden sollen der Grund gewesen sein.

"Zu dem geplanten Durchführungszeitpunkt konnten die Voraussetzungen wie Pass und Visa für die sichere Abfertigung der möglichen Passagiere vor Ort nicht mehr erfüllt werden", soll ein Sprecher des Verteidigungsministeriums gegenüber der Süddeutschen Zeitung ausgeführt haben.

Mittlerweile kommt immer mehr Kritik am späten Handeln der Regierung auf. Die Bundesregierung habe es zu verantworten, dass selbst Übersetzer in der deutschen Botschaft kein Visum bekommen hätten, sagte der Außenexperte der Grünen, Jürgen Trittin. Auch CDU-Politiker und Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses, Norbert Röttgen, bezeichnet die Situation als politische Katastrophe und Scheitern des Westens.

Für Ortskräfte schwer an den Flughafen in Kabul zu kommen

Die Situation in Afghanistan bleibt weiter angespannt. In der Hauptstadt Kabul haben einheimische Helfer von deutschen Organisationen Schwierigkeiten, zu Evakuierungsflüge auf den Flughafen zu kommen. Das berichteten zwei Ortskräfte am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur. Einerseits seien die Straßen zu den Flughafen-Eingängen völlig verstopft und teils unpassierbar. Andererseits ließen US-Soldaten sie dann direkt bei den Eingängen nicht vor. "Die amerikanischen Soldaten lassen nur ihre Leute durch", sagte eine Ortskraft. Es habe zu der Zeit, als die Person zum Flughafen gerufen wurde, von deutscher Seite niemanden am Eingang gegeben. Eine andere Ortskraft berichtete, sie habe von 20.00 Uhr bis 2.00 Uhr morgenfrüh versucht, in den Flughafen zu gelangen. Ein US-Soldat habe gesagt, jemand müsse herkommen und überprüfen, ob er wirklich eine Ortskraft der Deutschen sei. Immer wieder seien Schüsse in die Luft gefeuert worden. Auch Tränengas sei eingesetzt worden. Zudem blockierten Afghanen, die keine Dokumente hätten, den Zugang.

Am Flughafengelände von Kabul gibt es verschiedene Eingänge. Viele Menschen befinden sich beim Zugang zum zivilen Teil, der am südlichen Ende des Flughafens liegt. Von dort aus werden kommerzielle Flüge abgewickelt, die allerdings aktuell eingestellt sind. Am nördlichen Ende gibt es einen Zugang zum militärischen Teil. Ein weiterer Eingang liegt rund ein Kilometer östlich vom Eingang zum zivilen Teil. Rund um diese Eingänge - aber auch entlang der Sprengschutzwände, die das Gelände umgeben - harren Tausende Menschen aus oder versuchen irgendwie, auf das Gelände zu gelangen. Seit der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban versuchen viele Menschen, das Land zu verlassen. Westliche Länder haben Evakuierungsflüge gestartet, um ihre Staatsbürger außer Landes zu bringen sowie Ortskräfte, an denen Racheaktionen der Taliban befürchtet werden. Allein die Bundeswehr hat nach Angaben des Verteidigungsministeriums aus Kabul inzwischen mehr als 900 Menschen ausgeflogen. (dpa/lwe)