Dr. Bodo Schiffmann im Faktencheck

Tote Kinder? Dieser Arzt verbreitet Fake-News über Corona-Masken

13. Oktober 2020 - 12:47 Uhr

Im Video: RTL-Reporter konfrontiert Bodo Schiffmann mit seinen Behauptungen

Seit einigen Tagen verbreitet sich in den sozialen Medien die Falschmeldung, ein oder sogar mehrere Kinder seien wegen des Tragens einer Maske verstorben. Belege oder über Hörensagen hinausgehende Quellen werden allerdings nicht genannt. Einer der prominentesten Verbreiter dieser Fake-News ist Dr. Bodo Schiffmann, ein HNO-Arzt aus Sinsheim. In Hamburg wurden mehrere Briefe an Schulen geschickt, die vor den angeblichen Gefahren von Masken für Kinder warnen – und sich auf ihn beziehen. RTL-Reporter Jürgen Weichert hat Schiffmann auf einer Veranstaltung in Stuttgart am Mittwoch getroffen und ihn gefragt, warum er die Fake News weiterverbreitet – die Aussagen des Arztes im Faktencheck.​

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Schiffmann entlarvt sich selbst - für seine Behauptungen gibt es keinerlei Beweise

​Im Raum München sei Mitte September ein Kind verstorben, erklärt Schiffmann seine Version der Ereignisse im Interview. Zunächst hatte er in sozialen Medien behauptet, das Kind sei aus Schweinfurt gewesen – diese Behauptung nimmt er im Gespräch mit RTL zurück. Doch der Fall sei bestätigt, ein Kind sei gestorben – "der Ort ist völlig egal", so Schiffmann. Die Polizei wolle dazu keine weiteren Auskünfte geben, außer, dass das Kind eines natürlichen Todes gestorben sei. Ein natürlicher Tod bei einem sechsjährigen Kind sei jedoch "eine Sache, die sich in sich widerspricht" sagt Schiffmann. Das Kind sei nicht obduziert worden, damit "haben wir zumindest nicht ausgeschlossen, dass ein Zusammenhang zur Maske besteht", so der Arzt. "Ich brauche die Todesursache nicht zu kennen, wenn ich weiß, dass dieses Kind Maske trägt und normalerweise Kinder in diesem Alter nicht umfallen", meint er.

Bereits an diesem Punkt entlarvt Schiffmann sich selbst. Ohne jegliche Faktenbasis oder Kenntnisse über Vorerkrankungen des Kindes steht für ihn fest: Es muss an der Maske liegen. Beweise hat er keine.

Das sagt die Polizei aus München

Die Polizei München selbst sagt auf RTL-Nachfrage Folgendes zum Fall: Es sei zwar eine Sechsjährige aus dem Raum Oberbayern in München gestorben – doch der Tod des Kindes habe eine natürliche Ursache. Der Tod des Kindes sei zwar tragisch, aber polizeilich nicht relevant. Es sei im Krankenhaus gestorben, vermutlich an einer Krankheit, da gebe es weder eine Obduktion, noch werde die Polizei informiert, teilt die Behörde mit.

Auf Nachfrage möchte Schiffmann keine Quellen nennen

Doch Schiffmann belässt es nicht bei dem angeblichen Fall aus München. Er habe am gestrigen Tag noch mehrere Mitteilungen über bewusstlose und zusammengebrochene Kinder bekommen. Die Notärzte hätten sich selbst bei ihm gemeldet, behauptet Schiffmann. Quellen, konkrete Fakten oder Belege dafür nennt er nicht. Immer wieder nennt Schiffmann neue, angeblich gemeldete Fälle von Kindern, die durch das Tragen einer Maske geschädigt worden seien. Wo und vom wem diese angeblichen Fälle gemeldet worden sein sollen, sagt er nicht. Als unser Reporter nach konkreten Quellen für diese Fälle fragt, entgegnet Schiffmann, dass er selbst recherchieren solle – das sei schließlich Aufgabe eines Journalisten. Dass auch dieses Interview Teil einer Recherche ist, scheint Schiffmann nicht klar zu sein.

Dr. Bodo Schiffmann ist ein prominenter Gegner der Corona-Maßnahmen

Bodo Schiffmann ist kein Unbekannter. Er betreibt in Sinsheim eine Praxis, die sich auf Schwindel- und Gleichgewichtserkrankungen spezialisiert hat – die so genannte "Schwindelambulanz". Bereits im Mai stellte der Arzt in den sozialen Medien klar, was er von den Corona-Maßnahmen der Bundesregierung hält und machte durch die Mitbegründung der Corona-Protestbewegung "Widerstand 2020" auf sich aufmerksam. Regelmäßig ist er auf Veranstaltungen von "Querdenken 711" zu finden. Er betreibt zudem mehrere YouTube-Kanäle, einer davon hat 109.000 Abonnenten (Stand 8. Oktober 2020). Schiffmann tritt regelmäßig selbst vor die Kamera. Angeblicher Impfzwang, sogenannte "Gedankendiktatur" oder Zweifel an der Pandemie - beliebte Verschwörungstheorien finden hier alle ihren Platz.

Bodo Schiffmann und Samuel Eckert - Demonstranten verschiedener Gruppierungen wie etwa der Initiative Querdenken 711 protestierten mit einer Großdemonstration in Berlin gegen die bestehenden Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie.
Bodo Schiffmann zusammen mit Samuel Eckert, einem führenden Kopf der "Querdenken"-Bewegung.
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Maske tragen führt nicht zu verringerter Sauerstoffkonzentration im Blut

Während der HNO-Arzt zu Beginn des Interviews RTL-Reporter Jürgen Weichert bereitwillig Rede und Antwort steht, redet Schiffmann sich im Laufe des Gesprächs in Rage. "Wir haben keine Evidenz dafür, dass die Masken Menschen nutzen, wir haben viel Evidenz dafür, dass sie Menschen schaden, und dass sie niemandem helfen", betont er. Auch das ist eine Falschbehauptung, die Schiffmann mehrfach wiederholt.

Bereits in mehreren Studien wurde nachgewiesen, dass auch Alltagsmasken die Verteilung von Tröpfchen und Aerosolen beim Sprechen oder Husten deutlich verringern. Auch der zweite Teilsatz stimmt nicht: Eine zu hohe CO2-Konzentration im Blut beim Tragen einer Maske konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Kinderärztin Barbara Mühlfeld erklärt im RTL-Gespräch: "Wir sehen keine Gefahr, dass Kohlendioxid nicht richtig abgeatmet wird oder dass zu viel Kohlendioxid und nicht genug Sauerstoff eingeatmet werden kann. Nach jetzigem Kenntnisstand kann das durch Masken nicht eintreten, weil das Gas (CO2) abgeatmet wird und durch den Stoff der Maske diffundiert und deswegen verschwindet. Es gibt aus unserer Sicht keinen medizinischen Aspekt, dass Kinder die Maske nicht tragen sollten." Mehrere Mediziner, darunter der Berliner Mediziner und Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Jakob Maske, unterstützen diese Aussagen.

Polizei warnt vor den Fake-News über tote Kinder

Dass sich die falsche Geschichte vom Masken-Tod eines Mädchens trotzdem so schnell verbreitet hat, liegt wohl vor allem daran, dass sie die Ur-Angst einiger Eltern vor dem Tod des eigenen Kindes weckt. Und das ist auch die Masche der Verschwörungstheoretiker: Das Spiel mit der Angst der Menschen.

In diesem Fall geht diese Angst so weit, dass sich sogar die Polizei dazu genötigt sah, einzugreifen. Die Polizeidirektion Schweinfurt warnt auf Facebook vor der Verbreitung der Falschmeldung. Auch im Gespräch mit RTL erklärt Polizeisprecher Enrico Ball von der Polizei Unterfranken, sie als Behörde seien aufgefordert worden zu beweisen, dass kein Kind gestorben sei. Es sei allerdings "schier unmöglich, etwas zu beweisen, dass nie passiert ist", so Ball. Deshalb warnt er weiter: "Unser Appell ist, Videos kritisch zu sehen, kritisch zu hinterfragen und dann auch zweite, dritte Quellen zu prüfen. Sollte ich bei dieser Prüfung feststellen, es gibt einfach keine Bestätigung, dann wäre unsere Große Bitte, sich mit dem Teilen solcher Nachrichten zurückzuhalten."

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