Besuch bei einer „Hygiene-Demonstration“ in Berlin

„Widerstand 2020“: Was steckt hinter der Anti-Corona-Partei mit dem Querdenker-Bommel?

Berlin
© RTL

06. Mai 2020 - 15:57 Uhr

Von RTL-Reporter Daniel Spliethoff

Eines vorweg: Diese Frage lässt sich noch überhaupt nicht beantworten, denn der kleinste gemeinsame Nenner dieser Gruppe ist tatsächlich ein sehr kleiner und der Kern findet sich im Namen: Widerstand! Widerstand gegen alles und jeden, alles soll anders sein, wie genau weiß man nicht, aber jedenfalls nicht so wie im Augenblick. Das klingt so wirr, wie es ist. Ich habe mich auf der "Hygiene-Demonstration" in Berlin umgesehen und mit Neumitgliedern und Sympathisanten der neuen Partei "Widerstand 2020" gesprochen. Was wollen sie?

Bodo Schiffmann und die „Querdenker-Bommel“

Sie überhaupt ausfindig zu machen ist ein leichtes, denn sie tragen allesamt offen Kugeln aus Alufolie mit sich herum, an Bändern, auf Mützen, immer gut sichtbar. So sollen sie sich gegenseitig erkennen und austauschen können – das hat ihnen Partei-Mitbegründer Dr. Bodo Schiffmann aus Sinsheim in Baden-Württemberg geraten. "Querdenker-Bommel", nennt das eine Demonstrantin.

Schiffmann ist ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt und seiner Meinung nach ist COVID-19 nicht mehr als ein großer Schwindel, nicht gefährlicher als die Grippe. Auf dieser Welle surfen auch die Menschen, die ihm in die Partei gefolgt sind – laut eigenen Angaben sollen das mittlerweile mehr als 100.000 Menschen sein – drei Wochen nach ihrer Gründung. Die Zahl darf angezweifelt werden, wäre sie doch so nach den beiden Unionsparteien und der SPD die viertgrößte Partei des Landes – in der Kürze der Zeit unwahrscheinlich, zumal die Zahl nicht nachprüfbar ist.

Basisdemokratischer Wunschbrunnen?

02.05.2020, Berlin: Ein Demonstrant wird in der nähe des Rosa-Luxemburg-Platz bei einer Kundgebung gegen die Corona-Einschränkungen von Polizisten abgeführt. Verschiedene Kundgebungen finden auf dem Rosa-Luxemburg-Platz statt. Zu einer der Kundgebung
Demonstration gegen Kontaktbeschränkungen: Polizisten führen Demonstranten ab
© dpa, Christoph Soeder

Dass es aber viele sind, die sich von ihr repräsentiert fühlen, ist belegbar: Rund 30.000 Menschen haben die Partei auf Facebook geliked und auch in Berlin sind die Männer und Frauen mit den silbernen Kugeln überall zu sehen. "Die freie Meinungsäußerung ist inzwischen eine Straftat", erklärt mir einer, während er neben einem Polizisten stehend frei seine Meinung äußert und ergänzt: "Der Kern ist natürlich Widerstand gegen die aktuellen Maßnahmen und natürlich das Grundgesetz verteidigen und alles andere ist derzeit noch im Prozess."

Die Partei entwickelt gerade eine App, mit deren Hilfe die Parteimitglieder das Programm bestimmen dürfen. Klingt nach einem basisdemokratischen Wunschbrunnen und so dürfte auch eine Meinungsfindung schwerfallen. Andere Mitglieder fordern auf der Demo Dinge wie "eine andere Kommunikationskultur" und dass man sich wieder mehr zuhört und "absolute Gewaltenlosigkeit". Und alle fordern sie ein Ende der Kontaktsperre. Kampf gegen eine Impfpflicht, gegen die großen Pharma-Unternehmen, den Kapitalismus und soziale Ungerechtigkeiten. Und alle gegen "den Mainstream".

Keine gemeinsame Richtung, Gefahr aus rechtsextremem Spektrum

Unter dem Dach von "Widerstand 2020" sammeln sich gerade sehr viele Unzufriedene aus unterschiedlichen Richtungen. Interessanterweise scheint die AfD diese Menschen nicht für sich gewinnen zu können. Fast alle beziehen ihre Informationen aus verschwörungstheoretischen Blogs und YouTube-Kanälen. Für die klassischen Medien, auch für RTL, sind sie verloren. Diese Menschen sind oft nicht rechtsradikal, oft sogar eher linksalternativ oder esoterisch.

Trotzdem sehen Rechtsradikale wie der Chef der Identitären Bewegung aus Österreich, Martin Sellner, die Partei als Chance, neue Anhänger zu finden. Auf YouTube ruft er dazu auf, bei "Widerstand 2020" stilles Mitglied zu werden und dann nach und nach Mitglieder für rechtsextreme Bewegungen zu gewinnen.

Denn er weiß auch: Die hohen Erwartungen an so eine Bewegungspartei können nur enttäuscht werden. Die vielen verschiedenen Strömungen der Partei werden nicht in eine Richtung gehen können, sollte denn überhaupt irgendwann mal eine Richtung vorhanden sein. Dann gibt es nicht nur eine große Menge Unzufriedener, sondern auch noch Unzufriedene, die von etwas enttäuscht werden, das viele als größte Hoffnung bezeichnen. Für Rechtsextreme sind diese Menschen ein gefundenes Fressen.

Dokumentation "Corona-Denunzianten - Blockwarte oder Lebensretter?"

Wie verändert die Krise das soziale Miteinander? Viele Menschen sind hilfsbereit und rücksichtsvoll. Andere kontrollieren ihre Mitmenschen. Sehen Sie hierzu "Corona-Denunzianten - Blockwarte oder Lebensretter?"