Im Rollstuhl durchs Katastrophengebiet

Danke, Malu Dreyer! MS-Betroffene loben mutigen Auftritt der Politikerin

21. Juli 2021 - 15:47 Uhr

Mit dem Rollstuhl durch die Trümmern

Am Sonntagabend (18. Juli) machten sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer ein Bild über die Lage im stark vom Hochwasser zerstörten Ort Schuld in der Eifel. Dabei fiel auch auf: Die Bundeskanzlerin musste ihre Kollegin auf den zerstörten Straßen beim Gehen stützen. Teilweise fuhr die Ministerpräsidentin auf einer Art elektrischem Roller durch die zerstörten Straßen. Der Grund dafür: Malu Dreyer leidet seit 26 Jahren an Multipler Sklerose – und geht damit ganz offen um. Zwei MS-Betroffene erzählen uns: Sie sind Malu Dreyer dankbar dafür, dass sie ihre Krankheitssymptome nicht versteckt.

"Erst fassungslos und dann liefen mir die Tränen"

Sandra Heiden bekam ihre MS-Diagnose vor 20 Jahren.
Sandra Heiden bekam ihre MS-Diagnose vor 20 Jahren.
© Sandra Heiden

Sandra Heiden lebt seit 20 Jahren mit Multipler Sklerose, einer chronisch-entzündlichen Erkrankung des zentralen Nervensystems. Die 40-Jährige hat starke Probleme beim Laufen auf längeren Strecken, ist teilweise auf den Rollstuhl angewiesen. Es waren vor allem die Bilder der Ministerin am Arm der Bundeskanzlerin, die Sandra Heiden zutiefst berührten, wie sie uns erzählt: "Zurzeit bin ich in Reha in Bad Oeynhausen und ein Thema war, Hilfe anzunehmen. Ich sagte dann, dass es mir unheimlich peinlich ist Hilfe anzunehmen", gibt die Cloppenburgerin zu. Dabei hilft Sandra Heiden selbst anderen nur zu gerne. Sie setzt sich für die Jugendlichen in Cloppenburg ein, engagiert sich dafür, dass ihnen mehr sportliche Aktivitäten zur Verfügung stehen. Aber selbst Hilfe annehmen? Für die 40-Jährige fast ein No-Go! "Gerade in der Öffentlichkeit verstelle ich mich." Zwar stehe sie zu ihrer MS-Erkrankung, aber draußen spiele sie lieber den Clown und überspiele ihre MS-Symptome durch Humor. In einer Therapiestunde habe sie vor wenigen Tagen beschlossen zu versuchen, die MS mehr als einen Teil von zu akzeptieren und nicht mehr so streng zu sich selbst zu sein.

Lese-Tipp: Multiple Sklerose: Das sind die Symptome

"Am gleichen Tag liefen die Bilder und ich war erst fassungslos und dann liefen mir die Tränen. Da stand eine Frau Merkel in den Trümmern und half einer Malu Dreyer durch die Trümmer. Und es wirkte so selbstverständlich, so natürlich. Frau Dreyer nahm die Hilfe sofort an, ohne zu zögern. Für Frau Merkel war es selbstverständlich, zu helfen", sagt Sandra Heiden. Die Bilder hätten sich in ihr Gehirn eingebrannt und etwas in ihr verändert, so die MS-Betroffene. "Ich versuche ab sofort mehr Hilfe anzunehmen. Vielleicht war das der letzte Baustein, um mit meiner Krankheit zurechtzukommen."

Malu Dreyer zeigt: MS-Erkrankte brauchen sich nicht vor Rollstuhl & Co. fürchten

Martina Scholl hat seit etwa 30 Jahren Multiple Sklerose.
Martina Scholl hat seit etwa 30 Jahren Multiple Sklerose.
© Martina Scholl

RTL-Mitarbeiterin Martina Scholl ist 55 Jahre alt und hat seit ungefähr 30 Jahren Multiple Sklerose. Seit etwa fünf Jahren beeinträchtigt sie die Krankheit stark beim Gehen. Die Leverkusenerin weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig es für Betroffene sein kann, auf Hilfsmittel wie einen Rollstuhl zurückzugreifen. "Ich habe von meinem Arbeitgeber einen Scooter zur Verfügung gestellt bekommen, weil bei uns die Wege sehr, sehr lang sind. Und seitdem ich diesen Scooter habe, bin ich wieder genauso mobil und genauso aktiv wie vorher." Martina Scholl findet: Die Ministerin zeigt durch ihren Auftritt, dass niemand sich vor dem Rollstuhl zu fürchten braucht, sondern dieser im Gegenteil eine große Hilfe sein könne. Denn gerade eine so stressige Situation wie eine Hochwasserlage könne bei MS-Betroffenen zu Krankheitsschüben führen. "Wenn sie sich so ein Hilfsmittel nimmt und ihr das das Leben erleichtert, ist sie viel länger belastbar und viel länger im Einsatz – und das finde ich toll!", schwärmt Martina Scholl.

Dass die Ministerin mit ihrer Erkrankung - und auch mit ihren Schüben - so an die Öffentlichkeit gehe, sorge zudem für ein besseres Verständnis der Krankheit. "Man denkt immer, diese Personen seien generell nicht so belastbar", sagt Martina Scholl über die öffentliche Meinung zu MS-Erkrankten. "Aber das ist nicht so. Und Malu Dreyer zeigt das." (dhe)

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