Corona in Frankreich

"Bei einer zweiten Welle können wir alle dicht machen"

Coronavirus - Frankreich
© dpa, Michel Spingler, MS wal kde

24. Juni 2020 - 10:06 Uhr

von Alexander Oetker

In Frankreich hoffen sie auf eine coronafreie Sommersaison. Das Land war von der Epidemie schwer getroffen, Präsident Macron strauchelt und es ist nur die letzte in einer Abfolge von Krisen. Als Urlauber findet man sich in unserem Nachbarland derzeit in einer ungewohnten Rolle wieder: Man ist so alleine.

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In der Stadt der Liebe sind nur Franzosen - kaum Touristen

24.05.2020, Frankreich, Paris: Pariser fahren mit dem Fahrrad entlang der Seine. Frankreich lockert schrittweise die Corona-Auflagen. Foto: Francois Mori/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Als Urlauber findet man sich in unserem Nachbarland Frankreich derzeit in einer ungewohnten Rolle wieder: Man ist so alleine, findet Autor Alexander Oetker.
© dpa, Francois Mori, mka nwi

​​Wenn man irgendwo auf der Welt derzeit kein Gastronom sein möchte, dann doch bitte in Paris: Zuerst war da die Finanzkrise, in der die Franzosen wie kaum eine andere Nation an verfügbarem Einkommen verloren haben. Dann kamen die Terroranschläge, nach denen die Amerikaner, die Israelis, die Europäer aus Angst wegblieben. Dann folgten die Gelbwesten mit ihren Demos und Krawallen, die an jedem – sonst so umsatzstarken – Samstag die Innenstadt lahmlegten. Und dann: Corona. Mit einer Regierung, die keine halbe Sachen machte, sondern den Laden einfach dichtmachte – oder besser: alle Läden. Keine Restaurants, keine Bars, nicht mal To-Go-Geschäft. Umsatz: Null.

"Drei Monate", murmelt der Kellner in meinem Stammrestaurant "Fontaine de Mars" in Sichtweite des Eiffelturms auf die Frage, wie lange denn hier zugesperrt war. Drei Monate war er in Kurzarbeit, wobei die in Frankreich die Wirte längst nicht so ausfallsicher schützt wie in Deutschland. "Und die anderen Restaurants meiner Chefin sind immer noch geschlossen." Es lohnt sich schlicht nicht, alle Köche, Kellner, Conferenciers aufzufahren, weil die Kunden fehlen.

Hatte Paris wegen der hohen Infektionszahlen anfangs nur die Terrassen geöffnet, dürfen nun auch die Säle der Restaurants wieder öffnen. Doch längst nicht alle machen mit. Das legendäre Train Bleu im Bahnhof Gare de Lyon etwa bleibt auf unbestimmte Zeit geschlossen. Auch viele Sternelokale sind zu, manche sogar für immer – die Krise hat einfach zu lange gedauert für zu wenig Rücklagen.

Tatsächlich ist das ein merkwürdiger Abend in Paris. Die Stadt der Liebe, in der sonst die Touristen noch an der letzten Bude Schlange stehen, die schlechtes Essen als französische Tradition verkauft.

Doch diesmal fühlt es sich anders an, seit ich am Gare de l'Est angekommen bin: ich sehe nur Franzosen. Beim Schlendern durch die Stadt, beim Apéro in der Rue Cler, beim Abendessen in ebenjener Institution eines Pariser Bistrots. Es ist, als sei gerade mal Urlaub von den Urlaubern und nur die Pariser wären übriggeblieben. An den lachenden Gesichtern ist abzulesen: So richtig schlecht finden die das nicht. Nur die Wirte darf man eben nicht fragen.

"Wir fühlten uns betrogen um die lukrativen Osterferien"

Und die Hoteliers. "Zwei Monate waren wir geschlossen. Das Hotel und das Restaurant, es war schrecklich. Wir fühlten uns eingesperrt. Und betrogen, um die lukrativen Osterferien", sagt die Besitzerin eines Hotels im siebten Arrondissement unweit des Invalidendoms. Jetzt ist das confinement, wie sie in Frankreich den Lockdown nennen, zwar beendet, doch die Touristen kehren einfach nicht wieder. Zwei Zimmer hat sie an diesem Abend vermietet, zwei von 25. Die Menschen würden nicht gern reisen, nicht mit dem Flugzeug, nicht mit dem Zug, nicht nach Paris. Konferenzen und Messen gebe es auch nicht. Und im Sommer ist die Hauptstadt ja ohnehin wie ausgestorben, weil Franzosen und Touristen dann an die Meere strömten und nicht in den Beton der Stadt, eine Besserung ist also nicht in Sicht.

Wo Reisen in Europa wieder möglich sind? Hier die Übersicht.

Die Innenstadt ist bei all meinen Streifzügen im Vergleich zu früher ziemlich leer. Nicht ausgestorben, nein, aber der Mindestabstand lässt sich derzeit auch auf den engen Pariser Bürgersteigen zumeist einhalten. Die zu dieser Jahreszeit sonst mit Touristen proppevollen Seine-Quais sind dieser Tage den einheimischen Joggern und Fahrradfahrern vorbehalten. Klingt paradiesisch. Hat aber Nebenwirkungen: Die Ladenbesitzer stehen in ihren Schaufenstern und warten sehnsüchtig auf Kunden. Die Bouquinisten, die traditionellen Buchhändler am Ufer des Flusses, lassen ihre grünen Verschläge entweder gleich ganz verschlossen oder halten unter den Platanen ein ausgiebiges Mittagsschläfchen, aus Mangel an Kunden. Es ist deprimierend und wird sich als schwere Nach-Corona-Wirtschaftskrise auf das ohnehin gelähmte Land legen.

Macron hatte eine Devise: Der Sommerurlaub ist sicher

Dabei hatten Premier Philippe und Präsident Macron die eine Devise ausgegeben, die den Abschwung abwenden und die Moral der Franzosen heben sollte: Der Sommerurlaub ist sicher. Die heiligen zwei Monate für alle Franzosen. Längst sind die Ferienhäuser und Hotels zwischen Nizza und Biarritz ausgebucht, seit mehr als einer Woche dürfen auch die Deutschen wieder einreisen. Im Zugverkehr wird an den Grenzen nicht einmal mehr kontrolliert.

Dabei fehlt eines ganz besonders, was in Deutschland längst an den Nerven zerrt: Niemand hier schwatzt von Verschwörungstheorien, niemand vergleicht Corona mit einer Grippe, niemand stellt die Maßnahmen der Regierung infrage. Dazu hat das Virus das Land zu schwer getroffen. Egal, mit wem man spricht: Jeder kennt jemanden, der Angehörige verloren hat oder selber krank war, das Gefühl von Glasscherben in der Lunge ist zu einem geflügelten Wort geworden.

Doch mittlerweile sind die Zahlen so weit gesunken, dass es sich ganz entspannt leben lässt im Land des Genusses und der Gaumenfreuden – und ganz entspannt urlauben. Jetzt müssen nur noch die Touristen wiederkommen. Das Problem wird dadurch verschärft, dass besonders Billigflieger wie easyjet immer noch reihenweise Flüge von Deutschland nach Frankreich stornieren, die Anreise wird also schwierig.

"Wenn eine zweite Welle kommt, können wir alle zumachen", sagt die Hotelbesitzerin aus dem siebten Arrondissement. Irgendwann kann auch die berühmteste Stadt der Welt keine neue Krise mehr ertragen.

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