Weltkrebstag

Die Tumor-Tasterin: So rettet Jenny (31) mit ihrer Sehbehinderung Leben

08. Februar 2021 - 11:26 Uhr

Die Behinderung wird zur Gabe

Vor sieben Jahren wird bei Jennifer Bruns aus dem niedersächsischen Uplengen eine seltene Erbkrankheit festgestellt. "Retinitis Pigmentosa" lässt ihre Netzhaut langsam degenerieren. Inzwischen sieht sie nur noch Schemen, irgendwann wird sie vollständig erblinden. Doch die junge Frau macht ihre Sehbehinderung zur Gabe. Mit ihrem ausgeprägten Tastsinn kann sie Brustkrebs schon im frühen Stadium ertasten.

Wie genau das funktioniert, zeigt Jenny im Video.

Jenny: "Ich werde 'nur' blind"

Als sie mit 24 Jahren die Diagnose bekommt, fällt Jenny in ein Loch. "Mir ist der Boden unter den Füßen weggezogen worden", erinnert sie sich im RTL Nord-Interview. "Aber mittlerweile denke ich, ich habe keine unheilbare Krankheit, wo ich weiß, ich habe nicht mehr lange zu leben. Ich werde 'nur" blind." Ihren Job als Restaurantfachfrau muss Jenny aufgeben. Über einen Blinden-Verein hört sie dann zum ersten Mal von "Discovering Hands". Die Initiative bildet sehbehinderte und blinde Frauen zu 'Medizinisch-taktilen Untersucherinnen' (MTU) aus. "Ich wusste damals gar nichts damit anzufangen. Dann habe ich mich schlau gemacht und war sofort hin und weg", erzählt die 31-Jährige.

MTUs ertasten schon winzige Knoten

In einer neunmonatigen Ausbildung lernt sie, Brustkrebs zu ertasten. Weil der Tastsinn bei Sehbehinderten deutlich ausgeprägter als bei sehenden Menschen ist, können sie Knoten in der Brust schon ab einem halben Zentimeter ertasten. Zum Vergleich: Frauen können in der eigenen Brust Knoten erst ab zwei Zentimetern ertasten. Die Tastuntersuchung von MTUs kann ein Ultraschall und die von vielen Frauen als schmerzhaft empfundene Mammographie nicht ersetzen. Sie bildet aber eine wichtige Ergänzung.

Rund eine Stunde dauert die Untersuchung bei einer MTU. Damit sie keinen Zentimeter der Brust vergessen, orientieren die Frauen sich an Streifen mit Blindenschrift, die auf die Brust geklebt werden.

Nicht jeder Knoten bedeutet Brustkrebs

Nicht jede spürbare Erhebung bedeutet eine Krebserkrankung. Auch Zysten und Lipome können Knoten bilden. "Zysten tasten sich meistens sehr weich. Man muss sich das vorstellen wie einen Ballon, der mit Wasser gefüllt ist", erklärt Jenny. "Ein Karzinom tastet sich meistens sehr hart, ist unregelmäßig geformt und tut in erster Linie auf jeden Fall nicht weh." Wenn Jenny einen verdächtigen Knoten ertastet, übergibt sie den Befund an den zuständigen Arzt. Als MTU darf sie keine eigene Diagnose stellen. Der zuständige Arzt untersucht die Frauen dann per Ultraschall.

Inzwischen hilft Jenny als MTU Frauen in ganz Norddeutschland. Sie arbeitet in verschiedenen gynäkologischen Praxen und Kliniken, unter anderem in Bremen, Hannover, Aurich und Uplengen.

Früherkennung kann Leben retten

Jede achte Frau in Deutschland erkrankt in ihrem Leben an Brustkrebs. Damit ist es die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Ab 20 Jahren sollten sie deshalb einmal im Jahr zu einer Tastuntersuchung gehen. Ab 50 Jahren empfehlen Ärzte außerdem ein jährliches Mammografie-Screening, das vorsorgliche Röntgen der Brust.

"Je früher Sie Brustkrebs erkennen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er metastasiert ist und desto besser ist die Prognose", erklärt Dr. Felix Diekmann. Er ist Chefarzt der Radiologie am Bremer St. Joseph-Stift, wo Jenny einmal pro Woche arbeitet. "Deswegen versuchen wir in allen Verfahren, Tumore zu finden, die wir nicht tasten können." So können MTUs wie Jenny mit ihrem ausgeprägten Tastsinn Leben retten.

Lesen Sie auch: Neue Forschungen machen Mut – Kann Aspirin Leberkrebs verhindern?