Wirbel in Gemeinde in Bad Bocklet

Priester wegen Missbrauch an Messdienerin verurteilt - Gläubige wollen ihn trotzdem behalten

Mitglieder einer bayerischen Pfarreiengemeinschaft haben Unterschriftenaktionen für ihren ehemaligen Priester gestartet (Symbolbild).
Mitglieder einer bayerischen Pfarreiengemeinschaft haben Unterschriftenaktionen für ihren ehemaligen Priester gestartet (Symbolbild).
© dpa, Friso Gentsch, fg_htf jai

17. März 2021 - 16:04 Uhr

Geistlicher missbrauchte Ministrantin (12) sexuell

Er hat eine Messdienerin (12) sexuell missbraucht, das Urteil ist rechtskräftig. Dennoch setzen sich Mitglieder der Pfarreiengemeinschaft Heiliges Kreuz Bad Bocklet (Landkreis Bad Kissingen/Bayern) für ihren ehemaligen Priester (43) ein und haben Unterschriftenaktionen gestartet, wie der Bayerische Rundfunk (BR) berichtet. Eine Unterstützerin will, dass der Geistliche in die Gemeinde zurückkehrt. Und ein Gemeindereferent erklärt gegenüber RTL sogar: Es geht bei der Aktion nicht primär um den Missbrauch – sondern darum, die Kirche zum Nachdenken über das Zölibat zu bewegen.

Ein Jahr und vier Monate auf Bewährung für Priester

Das Amtsgericht in Bad Kissingen sah es als erwiesen an, dass sich der 43-Jährige vor rund zehn Jahren an der damals Zwölfjährigen verging – er war zu dem Zeitpunkt noch Kaplan. Es soll mindestens einmal zu einem Zungenkuss und in einem Wald zu sexuellen Handlungen gekommen sein.

Der Priester räumte laut BR eine Beziehung der beiden ein. Allerdings hätten sie erst ab dem 18. Geburtstag der Frau Sex gehabt, seit Februar 2019 seien sie getrennt. Einen Kindesmissbrauch bestritt er. Die heute 23-Jährige erklärte im Prozess mehrmals, die Zärtlichkeiten seien einvernehmlich gewesen – was bei Unter-14-Jährigen laut Gesetz aber keine Rolle spielt. Das Gericht verurteilte den Priester wegen Missbrauchs der Ministrantin zu einem Jahr und vier Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung.

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Unterstützerin glaubt an Unschuld

Den 43-Jährigen erwartet ein weiteres kirchliches Verfahren, seinen Dienst darf er zurzeit nicht ausüben. Was Gemeindemitglied Ulla Dempsey aus Steinach nicht hinnehmen will: Sie fordert dem BR zufolge, dass der Priester in die Pfarreiengemeinschaft zurückkehrt. Er sei unschuldig, die Entscheidung des Gerichts ein Fehlurteil. Deshalb sammelt sie Unterschriften – mit Hunderten rechnet sie, auf Tausende hofft sie. Ziel der Aktion: Der Würzburger Bischof Franz Jung soll sich für den Verurteilten einsetzen.

Wie sie darauf kommt, dass der Priester die Taten gar nicht begangen habe? In ihrer Begründung lässt Dempsey die juristischen Fakten außer Acht und glaubt, der Geistliche sei "aufgrund einer zweifelhaften Aussage der Betroffenen" vorverurteilt worden. Die intime Beziehung der beiden habe erst begonnen, als die Ministrantin schon volljährig war. "So hat es der Priester zu mir gesagt", erklärte Dempsey gegenüber dem BR – und nennt ihn einen "äußerst lieben, netten und hilfreichen Menschen".

Bad Bocklet: Weitere Unterschriftenaktionen in Pfarreiengemeinschaft

Und es gibt weitere Unterschriftenlisten. Eine davon stammt laut BR von Bernd-Theo Hansen, dem Pfarrgemeinderatsvorsitzenden aus Bad Bocklet. Im Gegensatz zu Ulla Dempsey respektiere er das Gerichtsurteil. "Auch von Frau Dempseys Forderung, den Priester wieder als Pfarrer von Bad Bocklet einzusetzen, distanziere ich mich, weil ich vermute, dies würde zu einer Spaltung der Gemeinde führen", sagte er dem Sender.

Hansen will erreichen, dass sich der Priester wieder kirchlich engagieren darf, etwa als Notfallseelsorger. Denn auch wenn er sich strafbar gemacht habe, sei das Vergehen des 43-Jährigen nicht mit anderen Missbrauchsfällen in der Kirche vergleichbar, glaubt er.

Gemeindereferent: Beim Protest geht's ums Zölibat

Ein Gemeindereferent, der namentlich nicht genannt werden möchte, geht deutlich weiter. Keiner in der Gemeinde glaube an einen Missbrauch, behauptet er auf RTL-Anfrage. Als das Mädchen zwölf Jahre alt war, sei vielleicht "ein Fehler" passiert. Was wirklich geschah, sei aber auch vor Gericht nicht geklärt worden. Derzeit führten die beiden keine Liebesbeziehung, hätten aber weiterhin Kontakt, will der Referent wissen.

Bei dem Protest gehe es auch nicht nur um den Missbrauchsfall: Tatsächlich tobe kirchenintern ein "Kampf der Generationen", sagt der Gemeindereferent. Man wolle den Fall nutzen, um bei den Kirchenoberhäuptern ein Umdenken zu erzwingen. Dahingehend, das Zölibat abzuschaffen und Priestern zu erlauben, eine Liebesbeziehung zu führen.

Priester legte Amt nach Urteil nieder

Nachdem das Urteil gegen ihn im Februar rechtskräftig geworden war, verzichtete der Priester laut Bistum Würzburg auf sein Amt. Die Stelle ist neu ausgeschrieben. "Dieses Urteil und das Leid der Betroffenen gilt es vor Ort zu akzeptieren und die Fakten anzuerkennen", erklärte das Bistum in einer Stellungnahme. Der Priester selbst wollte sich auf RTL-Anfrage nicht äußern.

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