„Die Lage ist echt Sch***e“

Kabul: Übersetzer Zalmai A. weiß nicht, wie er sich und seine vier Kinder vor den Taliban retten soll

17. August 2021 - 15:12 Uhr

Afghanistan: Tochter des Bundeswehr-Helfers weint vor Angst

"Hören Sie, wie meine Tochter weint?", fragt Zalmai A. in einer Sprachnachricht, die er aus Kabul an RTL schickt. Im Hintergrund schluchzt ein Kind verzweifelt. "Sie hat Angst wegen der Schießerei. Es gibt gerade Schießereien bei uns in der Nähe." Der Familienvater hat jahrelang für die deutschen Soldaten in Afghanistan als Übersetzer gearbeitet. Jetzt fürchtet er um sein Leben und das seiner Familie. Die Taliban sind in die Hauptstadt Kabul eingedrungen.

Menschen in Kabul geraten in Panik, als die Taliban vorrücken

Der Vater wollte am Sonntag noch neue Pässe für sich, seine Frau und seine vier Kinder beantragen. Am Morgen hatte er noch die Hoffnung, dass ihnen Zeit bliebe das Land zu verlassen. Doch dann rückten die Taliban vor und fielen in die Stadt ein. Als er die Nachricht bekam stand er mit Tausenden Menschen vor dem Ausweis-Büro an. Er sei dann sofort nach Hause gegangen. "Auf der Straße waren richtig viele Menschen, die sind in Panik geraten", erzählt der Familienvater.

"Jeder wollte schnell nach Hause kommen", erzählt er. Er sei mit seiner Familie drei Stunden lang durch die Stadt gelaufen, bis sie das Haus eines Freundes erreicht hätten. "Keiner wollte uns mitnehmen", berichtet er. Taxis hätten nicht angehalten, in der Stadt sei völliges Chaos ausgebrochen. "Die Lage ist echt Sch***e", so Zalmai A.

Zalmai A.s Tochter
Zalmai A.s Tochter weint vor Angst, weil die Taliban immer näher rücken und Schüsse zu hören sind. © Privat

Ortskräften bleibt nicht mehr viel Zeit für die Flucht aus Afghanistan

Er habe es schließlich in eins der Safe-Häuser geschafft, die für Bundeswehr-Helfer eingerichtet wurden. Seine Kinder habe er vorerst bei einem Freund in der Nähe untergebracht. Der Besitzer des Safe-Hauses habe Sturmgewehre besorgt. Zalmai A. berichtet, dass er nun dabei helfe, die Ortskräfte zu bewachen. Sie hoffen, dass die Bundeswehr die Safe-Häuser in der Stadt noch evakuiert.

"Ich denke, bis morgen Mittag haben wir Zeit, es zum Flughafen zu schaffen", schreibt er in einer Whatsapp-Nachricht. Er fürchtet, dass die Menschen, die später kommen nicht mehr ausgeflogen werden können. Noch ist der Flughafen in der Stadt von ausländischen Soldaten gesichert. Aber wie viel Zeit bleibt, um Zivilisten in Sicherheit zu bringen?

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Afghanistan-Veteran: "Wir hätten alle Menschen retten können"

RTL hat dem Auswärtigen Amt die Nummer von Zalmai A. gegeben und darum gebeten, dass die Behörden Kontakt zu dem Familienvater aufnehmen. Denn bisher stand er nur mit Marcus Grotian in Verbindung, der selbst als Bundeswehrsoldat in Afghanistan stationiert war und sich nun ehrenamtlich für die Rettung der Ortskräfte einsetzt.

Er ist entsetzt, über das, was gerade in Afghanistan passiert. "Wir hätten nur Geld gebraucht und dann hätten wir alle Menschen retten können. Seit drei Monaten versuchen wir das und man hat uns daran gehindert", klagt er. Jetzt befürchtet der Bundeswehrsoldat, würden Menschen sterben. Er schätzt, dass rund 7.000 Menschen, Ortskräfte und ihre Familien, nun in die Hände der Taliban fallen könnten.

Taliban-Kämpfer in Afghanistan
Die Taliban in Kabul die Kontrolle zu übernommen.
© imago images/Xinhua, Xinhua via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Grotian wirft der Bundesregierung Versagen in Afghanistan vor

"Ich weiß nicht, wie man Ortskräften jetzt noch helfen will. Wir haben die Männer und Frauen ihrem Schicksal überlassen", sagt er. Allein am Sonntag habe er Kontakt zu 400 Menschen vor Ort gehabt. "Die sind alle in höchstem Stress", berichtet der Afghanistan-Veteran. Sie würden jetzt auf eigene Faust versuchen, sich in Sicherheit zu bringen, weil niemand wüsste, ob die Hilfe aus Deutschland schnell genug komme. "Ich bin es leid, die Arbeit der Regierung zu machen", sagt Grotian. "Wo sind die Helfer und was passiert jetzt mit unseren Ortskräften?", fragt er im RTL-Interview.

Viel Hoffnung gibt es nicht mehr für die Menschen vor Ort. Das Zeitfenster für die Rettung wird immer kleiner. "Der Weg zum Flughafen ist schon ein Problem. Wer mit Auto unterwegs ist, dem wird das Auto weggenommen", berichtet Grotian. Außerdem herrscht seit 21 Uhr eine nächtliche Ausgangssperre. "Das Blut der Ortskräfte klebt an den Händen der Politikern in Verantwortung, die das zugelassen haben und auch an die Bürokraten, die das unterstützt haben", meint der Afghanistan-Veteran.

Zalmai A. weiß nicht, was er noch tun soll, um sich vor Taliban zu retten

Auch Zalmai A. weiß nicht mehr, was er jetzt tun soll. "Wenn sie uns nicht evakuieren wollen, sollen sie uns das sagen, damit wir die Stadt zu Fuß verlassen, aber wir können auch nicht irgendwo anders hin", erklärt er in einer Sprachnachricht. Am Abend sei auch der Strom ausgefallen und es sei stockdunkel. "Wie sollen wir evakuiert werden, wenn wir nicht rausgehen dürfen?", fragt der Übersetzer. Vor einem Monat hätte er mit seiner Familie noch nach Pakistan oder in den Iran fliehen können, sagt er. Weil er auf die Hilfe der deutschen Regierung hoffte, blieb er aber. Jetzt kann er nur noch hoffen, dass diese Entscheidung ihn nicht sein Leben kosten wird. (jgr)