Nahm Dr. Claudia H. den Tod des Jungen billigend in Kauf?

34 Jahre nach dem Tod des kleinen Jan (†4): Plädoyers im Prozess gegen seine eigene Sekten-Mutter

Jans Mutter Dr. Claudia H. verbirgt beim Prozessauftakt ihr Gesicht hinter einem Aktenordner.
Jans Mutter Dr. Claudia H. verbirgt beim Prozessauftakt ihr Gesicht hinter einem Aktenordner (Archivbild).
RTL

Dieser Gerichtsprozess sorgt wohl nicht nur bei Eltern für Gänsehaut, so grausam sind die Details des Falls: Der kleine Jan wurde nur vier Jahre alt. Er erstickte an seinem eigenen Erbrochenen. Hilflos war er über einen längeren Zeitraum den grausamen Machenschaften einer Sekte ausgeliefert. Laut Staatsanwaltschaft wurde Jan „als die Reinkarnation Hitlers gesehen.“ Im religiösen Wahn wurde der Junge 1988 getötet: Er erstickte qualvoll in einem Leinensack. Seit September 2021 steht die Mutter des Vierjährigen, Dr. Claudia D., vor Gericht. Sie habe seinen Tod billigend in Kauf genommen, so der Vorwurf. Am Donnerstag, 08.09.2022, werden vor dem Landgericht Hanau die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung erwartet.

Mutmaßliche Sekten-Chefin Sylvia D. vor Jans Tod: "Du kannst mit dem Schaubrüllen aufhören"

Jans Mutter ist heute 61 Jahre alt, eine gepflegte Frau mit kurzen Haaren. Beim Prozessauftakt im September 2021 verfolgte sie weitgehend regungslos den Sitzungsverlauf, lauschte nur den Vorwürfen, denen sie sich stellen muss, verbarg aber ihr Gesicht hinter einem Aktenordner. Aus Scham?

Dr. Claudia H. wird vorgeworfen, ihren Sohn Jan am 17. August 1988 in einen verschnürten Sack gesteckt und dann zum Mittagsschlaf gelegt haben. Dabei gab sie den Kleinen in die Obhut der mutmaßlichen Sekten-Chefin Sylvia D.. "Du kannst mit dem Schaubrüllen aufhören. Es ist keiner mehr da und ich gehe jetzt in den Garten", soll Sylvia D. zu dem hilflosen Kind vor seinem Tod gesagt haben.

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Sekte überzeugt: Kleiner Junge sei "Reinkarnation Hitlers"

Claudia H. habe gewusst, dass die andere Frau nach dem Leben ihres Kindes getrachtet haben soll. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft hatte Sylvia D. auf Jans Mutter eingeredet und sie davon überzeugt, dass ihr Sohn die „Reinkarnation Hitlers, ein Machtsadist und von dem Dunklen besessen“ sei.

Die Gruppe soll von psychischer und physischer Gewalt geprägt gewesen sein. Neben dem gestorbenen Vierjährigen lebten laut Recherchen der Frankfurter Rundschau die leiblichen Kinder Sylvia D.s sowie Adoptiv- und Pflegekinder in der Gemeinschaft. Der vierjährige Jan soll extrem unterernährt gewesen, misshandelt und erniedrigt worden sein. Ermittler hatten den Tod des Jungen lange Jahre für einen Unfall gehalten, erst 2015 war der Fall nach Hinweisen von Sekten-Aussteigern wieder aufgerollt worden.

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Die mutmaßliche Sekten-Chefin Sylvia D. vor Gericht (Archivbild).
brx, dpa, Jörn Perske

Bereits vor rund zwei Jahren war in dem Fall die mutmaßliche Sekten-Chefin wegen Mordes verurteilt worden, doch hob der Bundesgerichtshof diese Entscheidung im Mai dieses Jahres auf und verwies das Verfahren zur erneuten Verhandlung und Entscheidung an eine Schwurgerichtskammer des Landgerichts Frankfurt.

Aus Sicht der Bundesrichter hätte sich das Landgericht Hanau eingehender mit der Frage auseinandersetzen müssen, ob es sich „um eine Tötungshandlung durch aktives Tun oder eine solche durch Unterlassen handelte“, hieß es seinerzeit unter anderem zur Begründung. Zudem hatten die Bundesrichter gefordert, die Sylvia D.s Schuldfähigkeit müsse erneut überprüft werden.

Prozess gegen Claudia H.: Plädoyers vor dem Landgericht Hanau

Angeklagt ist Dr. Claudia H., die Mutter des toten Vierjährigen, wegen Mordes. Ein Haftbefehl gegen sie war vor einigen Monaten jedoch außer Vollzug gesetzt worden, da nach aktuellem Stand des bereits seit rund einem Jahr laufenden Prozesses „kein dringender Tatverdacht mehr“ bestehe für einen gemeinschaftlichen Mord. Auch für eine Beihilfe zum Mord gebe es „keine gewichtigen Anhaltspunkte“.

Am Donnerstag, 08.09.2022, steht der Prozess um Jans Tod kurz vor seinem Ende. Staatsanwaltschaft und Verteidigung werden in ihren Schlussplädoyers alles, was sie rund um den Tod des kleinen Jungen zusammentragen konnten, zusammen fassen. Sie werden erneut die grausigen Details erwähnen, die schrecklichen Umstände, unter denen der Jan sterben musste. Dann wird das Gericht ein Urteil gegen Claudia H. fällen. (lha, mit dpa)