Shalomah (11) zurück bei Sekten-Eltern

Psychodrill und Rutenhiebe: Wie die Sekte "Zwölf Stämme" ihre Kinder bricht

RTL-Reporter Wolfram Kuhnigk konnte mit Videoaufnahmen beweisen, dass Kinder innerhalb der Sekte "12 Stämme" geschlagen werden.
RTL-Reporter Wolfram Kuhnigk konnte mit Videoaufnahmen beweisen, dass Kinder innerhalb der Sekte "12 Stämme" geschlagen werden.
© RTL

25. Oktober 2021 - 8:42 Uhr

"12 Stämme": Frieden predigen, Kinder quälen

Die elfjährige Shalomah aus dem schwäbischen Holzheim-Eppisburg bei Augsburg verschwindet beim Joggen, kurz darauf führt die Spur nach Tschechien zur Sekte "12 Stämme". Die umstrittene Gemeinschaft war schon öfter in den Schlagzeilen: Die Mitglieder züchtigen ihre Kinder im Namen Gottes mit Rutenhieben und brechen ihren Willen.

Schläge als Erziehungsmethode

Robert Pleyer lebte mit seinen Kindern 20 Jahre lang in der Sekte "12 Stämme".
Robert Pleyer lebte mit seinen Kindern 20 Jahre lang in der Sekte "12 Stämme".
© Privatarchiv Robert Pleyer

Auf den ersten Blick schien die Welt im bayerischen Donauried idyllisch. Auf dem Gut Klosterzimmern in Deiningen lebten rund 150 Mitglieder der Glaubensgemeinschaft "12 Stämme" mit ihren Kindern. Die Männer trugen lange Haare und Bart, die Frauen Kleider. Sie lebten nach der Bibel, feierten Hoffeste, betrieben Landwirtschaft. Für Robert Pleyer war es genau das, was er mit Anfang 20 suchte. Der damalige Student will einen neuen Sinn im Leben. Es soll nicht nur um materielle Werte, sondern um Freundschaft, Liebe und Spiritualität gehen. Pleyer fühlt sich in der Sekte geborgen und geliebt. Er ist Lehrer und Bäcker. Doch was als Sinnsuche beginnt, wird für Pleyer irgendwann zur Qual.

Die Mitglieder der "12 Stämme" richten sich streng nach der Bibel und nach Geboten, die ihr Gründer Elbert Spriggs angeblich als Offenbarung von Gott empfangen hat. Die Sekte, die ursprünglich aus Amerika stammt und in vielen Ländern aktiv ist, verabscheut alles Moderne. In dem Erziehungshandbuch wird das Alte Testament zitiert. "Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn, wer ihn liebt, nimmt ihn früh in die Zucht." Menschen, die gegen Kindsdisziplinierung mit der Rute sind, bezeichnen die Sektenmitglieder als Gottlose. Die Anhänger sehen die Schläge nicht als Misshandlungen an, sondern als Züchtigungen aus Liebe entsprechend ihren Erziehungsmethoden. RTL-Reporter Wolfram Kuhnigk konnte sich 2013 in die Sekte einschleusen und die Misshandlungen dokumentieren.

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Mit dem "Restraining" werden Babys gebrochen

Robert Pleyer und seine damalige Frau bei den "12 Stämmen"
Robert Pleyer und seine damalige Frau bei den "12 Stämmen"
© Privatarchiv Robert Pleyer

Auch Pleyer folgt den Glaubensregeln. Als Lehrer muss er seine Schüler in eigens dafür vorgesehenen Räumen züchtigen. Wer im Unterricht lacht oder nicht zuhört, bekommt mit dünnen Weidenruten Schläge auf den Po. "Diese Momente, wenn das Kind einen anschaut, bevor man es züchtigt, das tut mir immer noch weh", sagt er RTL 2014 in einem Interview. Das wichtigste Ziel ist es, die Kontrolle aufrechtzuerhalten. Es zählt nur der Wir-Gedanke. Individualität existiert in der Sekte nicht, durch den psychischen und körperlichen Drill wird Kindern die Fähigkeit genommen, eine eigene Meinung zu entwickeln. Angstszenarien, Prügel und soziale Isolation sind keine Ausnahmen, sondern an der Tagesordnung. Das bekommt auch Pleyer zu spüren.

Er heiratet die Tochter des Dorfältesten, wird Vater und muss die brutalen Vorgaben der Sekte an seiner eigenen Tochter anwenden. Nach Ansicht der "12 Stämme" entwickelt ein Kind mit acht bis neun Monaten ein Eigenleben, sagt Pleyer. Um das zu verhindern, werden Babys in diesem Alter mit der "Restraining" genannten Methode festgehalten, bis sie ruhig werden. Pleyers Tochter wehrt sich, sie beugt sich nach hinten, schreit eineinhalb Stunden lang. Dann verlassen sie ihre Kräfte. Ihr Vater hat sie niedergerungen und ihren Willen gebrochen. "Das quält mich heute noch", sagt er.

"12 Stämme"-Aussteiger Robert Pleyer: Frau kehrte zur Sekte zurück

Es dauert lange, doch schließlich begreift Pleyer, dass der bedingungslose Gehorsam den Kindern nicht hilft, sondern das Gegenteil bewirkt. Ihnen wird die Fähigkeit genommen, eigene Entscheidungen zu treffen. "Ich hatte es satt, Kinder zu schlagen", sagt er. Vielen Aussteigern fällt das selbstbestimmte Leben in unserer Gesellschaft auch nach Jahren noch schwer. Nach 20 Jahren steigen Pleyer und seine Frau aus, doch sie kehrt kurz darauf zurück. Pleyer schreibt ein Buch über seine Erlebnisse bei den "12 Stämmen": "Der Satan schläft nie"*.

Wie erklärt er heute seinen Kindern, was damals vorgefallen ist? "Ich habe versucht, deutlich zu machen, dass es ein bestimmter Einfluss war, unter dem ich stand. So versuche ich ihnen auch die Situation mit ihrer Mutter klarzumachen: Dass sie sie nicht verlassen hat, weil sie sie nicht liebt, sondern sie glaubt, das Richtige zu tun." Auch bei ihm sei es so gewesen. "Man denkt, man macht das Richtige, es ist der Wille Gottes, bekommt ganz viel Feedback, wie toll die Kinder parieren." Erst mit Abstand sei es möglich zu sehen, was wirklich passiere. Pleyer hat heute eine neue Frau gefunden und lebt mit seinen Kindern im Bayerischen Wald. (mst)

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