RTL-Reporter kennt das Leben in der "12 Stämme"-Gemeinschaft

Shalomah (11) zurück bei Sekten-Eltern: "Das Schlimmste, was ihr passieren konnte"

20. Oktober 2021 - 11:19 Uhr

Von Wolfram Kuhnigk und Timo Steinhaus

Am Wochenende verschwand die elfjährige Shalomah Hennigfeld aus dem schwäbischen Holzheim-Eppisburg bei Augsburg beim Joggen. Hunderte Einsatzkräfte suchten nach dem Mädchen. Jetzt kam heraus: Shalomah soll zu ihren leiblichen Eltern zurückgekehrt sein, die der Sekte "12 Stämme" angehören. Das teilte ein Mitglied den Pflegeeltern per E-Mail mit. RTL-Reporter Wolfram Kuhnigk konnte bereits 2013 aufdecken, dass die Mitglieder ihre Kinder zur Züchtigung schlagen. Wie geht es jetzt für Shalomah weiter?

RTL-Reporter schleuste sich in Sekte "12 Stämme" ein

"Für sie ist es das Schlimmste, was passieren konnte", sagt Kuhnigk. Ihm war es gelungen, sich in die Sekte einzuschleusen und mit Aussteigern zu sprechen. Mit versteckter Kamera filmte er, wie die Mitglieder ihre Kinder schlagen. Durch den Einsatz wurde die Gemeinschaft in Deutschland gesprengt. Aus der Veröffentlichung der Aufnahmen resultierten zahlreiche Sorgerechtsverfahren. "Endlich wurden die Behörden überhaupt tätig, obwohl sie von den Vorwürfen schon lange wussten. Jetzt konnten sie nicht mehr anders", sagt Kuhnigk.

Die Einsatzkräfte durchsuchten das Gut Klosterzimmern im Landkreis Donau-Ries, wo die Mitglieder lebten. Das Amtsgericht Nördlingen ordnete einen vorläufigen Sorgerechtsentzug für die Kinder der Gemeinschaft an. Ein Großteil von ihnen kam in Pflegefamilien, so auch Shalomah. Den Mitgliedern der Sekte wurde es zu ungemütlich in Deutschland, sie zogen nach Skalna in Tschechien, wo sich auch Shalomah jetzt aufhalten soll.

Mitglieder der "12 Stämme" lehnen staatlichen Schulunterricht ab

RTL-Reporter Wolfram Kuhnigk konnte mit Videoaufnahmen beweisen, dass Kinder innerhalb der Sekte "12 Stämme" geschlagen werden.
Videoaufnahmen beweisen, dass Kinder innerhalb der Sekte "12 Stämme" geschlagen werden.
© RTL

Kuhnigk vermutet, dass das Mädchen jetzt große Probleme haben dürfte, sich in die Sekte einzugliedern. Die "12 Stämme" verstehen sich als fundamentalistische urchristliche Gemeinschaft, für die das Alte Testament gilt. Ihre Mitglieder richten sich streng nach der Bibel und nach Geboten, die ihr Gründer Elbert Spriggs angeblich als Offenbarung von Gott empfangen hat. Über die Zahl ihrer Mitglieder gibt es keine genauen Angaben, Schätzungen zufolge gehören weltweit rund 2.000 Menschen zu den "12 Stämmen", in Deutschland sollen bis zu 150 gewesen sein.

Das Leben ist streng hierarchisch organisiert, Frauen sind den Männern untergeordnet, Kinder sollen "unbeeinflusst von modernen Strömungen" strikt nach biblischen Grundsätzen aufwachsen. In ihrem Erziehungshandbuch wird das Alte Testament zitiert. "Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn, wer ihn liebt, nimmt ihn früh in die Zucht." Staatlichen Schulunterricht lehnen die Mitglieder ab, unter anderem wegen des Sexualkundeunterrichts und der Evolutionslehre, was in der Vergangenheit mehrfach zu Gerichtsverfahren führte. Auch bei Shalomah dürfte die Sekte keine Ausnahmen machen. "Sie glaubt ihren leiblichen Eltern, hat aber im Gegensatz zu den anderen Mitgliedern gelernt, Nein zu sagen. Sie muss da schnell raus. In der Sekte wird ihr psychische Gewalt angetan", befürchtet Kuhnigk.

Der RTL-Reporter hat mit vielen Aussteigern gesprochen und weiß, wie groß die Diskrepanz zwischen dem Alltag in der Sekte und einem selbstbestimmten Leben ist. "Viele Ex-Mitglieder haben bis heute große Probleme, in unserer Gesellschaft klarzukommen. Es gibt einen Ältestenrat, der nur aus Männern besteht und alles für die Frauen und die Kinder und Jugendlichen bestimmt. Es ist ein komplett anderes System als bei uns", so Kuhnigk. Für die Kinder, die innerhalb der Gemeinschaft geboren werden, sei die Situation fatal. Individualität existiert in der Sekte nicht, durch den psychischen und körperlichen Drill wird Kindern die Fähigkeit genommen, eine eigene Meinung zu entwickeln. "Sie haben nie Gelegenheit, mit unseren Werten groß zu werten, selbstbestimmt zu leben und zu wissen, dass sie auch 'Nein' sagen dürfen. Für die Sekte sind sie vor allem Arbeiter, Züchtigungen sind an der Tagesordnung." In Tschechien sind diese anders als in Deutschland nicht ausnahmslos verboten.

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© RTL

Die Polizei hat die Suche nach der Elfjährigen mittlerweile eingestellt, ermittelt aber weiterhin. "Um das deliktisch einzuordnen, müssen wir natürlich die ganzen Hintergründe ermitteln. Die Entziehung Minderjähriger ist ein Delikt, bei dem wir prüfen müssen, ob das einschlägig ist", sagt Markus Trieb der Polizei Schwaben Nord im RTL-Interview. "Wir müssen herausfinden, wie genau die Umstände sind. Wir gehen der E-Mail nach, wir verifizieren den Inhalt und den Absender." Jetzt muss die Polizei herausfinden, ob Shalomah freiwillig oder gegen ihren Willen bei ihren leiblichen Eltern ist.