25 Jahre nach dem Mord an Süleyman TasköprüNSU-Nazis töten Gemüsehändler kaltblütig – warum Hamburg noch immer um Aufklärung ringt

Ein Mord, mitten am Tag, mitten in Hamburg.
Süleyman Tasköprü wird in seinem Gemüseladen erschossen und stirbt in den Armen seines Vaters. Doch statt bei Rechtsextremisten suchen Ermittler jahrelang im Umfeld des Opfers nach Antworten. Heute steht fest: Der Hamburger wurde vom rechtsterroristischen NSU ermordet. Warum die Ermittlungen so lange in die falsche Richtung liefen, soll ein Forschungsteam aufklären. Doch ausgerechnet wichtige Polizeiakten bleiben ihm bislang verschlossen.
Ein ganz normaler Vormittag – bis der Vater zurückkommt
Hamburg-Bahrenfeld, 27. Juni 2001. In der Schützenstraße arbeitet der 31-jährige Süleyman Tasköprü mit seinem Vater Ali im gemeinsamen Obst- und Gemüseladen. Ein Familienbetrieb, ein Vormittag wie viele andere. Dann gehen die Oliven aus, Ali Tasköprü macht sich auf den Weg, um neue zu besorgen. Seinen Sohn lässt er für kurze Zeit allein zurück. Als der Vater etwa eine halbe Stunde später wiederkommt, liegt Süleyman blutüberströmt auf dem Boden. Er wurde aus nächster Nähe angeschossen. Der Notarzt kann ihn nicht mehr retten. Süleyman Tasköprü stirbt in den Armen seines Vaters. „Da ist nicht nur der Süleyman Tasköprü ermordet worden, sondern auch das Leben von einer Reihe von Menschen fundamental zerstört worden“, sagt Christiane Schneider. Die ehemalige Hamburger Bürgerschaftsabgeordnete der Linken beschäftigt sich seit Jahren mit dem Fall.
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Ein Hinweis des Vaters – und eine Familie unter Verdacht
Ali Tasköprü berichtet der Polizei von einer Beobachtung: Auf dem Rückweg zum Laden seien ihm zwei Männer entgegengekommen. Schlank, etwa 25 bis 30 Jahre alt und nach seiner Einschätzung Deutsche. Ein möglicher Hinweis. Doch ein Phantombild der Männer wird nicht erstellt. Stattdessen beschäftigen sich die Ermittler vor allem mit anderen Fragen: Gibt es Verbindungen zur organisierten Kriminalität? Zum Drogenhandel? Ins Rotlichtmilieu? Die Familie, die gerade ihren Sohn und Bruder verloren hat, gerät selbst in den Fokus.
Für die Angehörigen bedeutet das: Sie müssen nicht nur mit ihrem Verlust leben, sondern auch mit Verdächtigungen. Erst 2011, mit der Enttarnung des „Nationalsozialistischen Untergrunds“, wird klar: Auch Süleyman Tasköprü wurde vom NSU ermordet.
Hamburg entscheidet sich für einen Sonderweg
In den anderen Bundesländern, in denen der NSU mordete, untersuchten parlamentarische Untersuchungsausschüsse den Komplex. Ein Vorgehen, dass auch die Familie bis heute fordert. Hamburg entscheidet sich jedoch gegen einen solchen Ausschuss und setzt stattdessen auf eine wissenschaftliche Aufarbeitung. Ein Team aus vier Forschenden soll untersuchen, warum die Ermittlungen in Hamburg so lange in die falsche Richtung liefen. Für das Projekt wurden 900.000 Euro bewilligt. Beteiligt sind Fachleute aus Geschichte, Polizeiforschung, Strafrecht und Verwaltungswissenschaft.
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80.000 Seiten gelesen – doch wichtige Akten fehlen
Das Forschungsteam hat nach eigenen Angaben bereits rund 80.000 Aktenseiten gesichtet. Doch zentrale Unterlagen des Hamburger Landeskriminalamts fehlen weiterhin: Der Generalbundesanwalt hat den Antrag auf Einsicht abgelehnt. Die Bundesanwaltschaft äußert sich auf RTL-Anfrage nicht näher und verweist auf das laufende Verfahren. Auch die Hamburger Polizei und die Staatsanwaltschaft stellen uns keinen Interviewpartner zur Verfügung.
Jetzt soll ein Gericht über den Zugang entscheiden
Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit von der SPD unterstützt eine erneute Prüfung der Einsicht und verteidigt Hamburgs Entscheidung für die wissenschaftliche Untersuchung. „Sie haben einen klaren Auftrag, alles herauszufinden, was schiefgegangen ist. Und vor allen Dingen, warum“, sagt Veit. Doch wie weit kann eine Untersuchung kommen, wenn ihr wesentliche Unterlagen fehlen? Veit geht davon aus, dass die Akten endlich zugänglich gemacht werden.
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Bei allen Meinungsverschiedenheiten über den richtigen Weg, haben die verschiedenen Seiten ein gemeinsames Ziel: Verstehen, was damals schief gelaufen ist und daraus die richtigen Konsequenzen ziehen .„Es muss eine Aufklärung geben“, fasst Christiane Schneider den Auftrag zusammen. Dies sei man der Familie schuldig – und auch sich selbst.
Verwendete Quellen: Eigene RTL-Recherche



