Drama in KiewHolocaust-Überlebende erfriert im Ukraine-Krieg

Kiew im Schnee (Symbolfoto)
Kiew im Schnee (Symbolfoto)
AP Photo/Efrem Lukatsky

Den Holocaust hat sie überlebt, die Folgen des russischen Angriffskrieges nicht.
1941 entgeht Jewgenia Besfamilnaja dem Massaker von Babyn Jar. Nun wird sie tot aufgefunden. Die systematischen russischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur der Ukraine wurden ihr zum Verhängnis.

Nachbarn nannten sie liebevoll „Baba Zhenja”

Die andauernden russischen Angriffe auf die Wärme- und Stromversorgung der Ukraine haben eine Frau das Leben gekostet, die den Nationalsozialismus überlebt hatte. Klempner fanden Jewgenia Besfamilnaja am 13. Januar erfroren in ihrer Wohnung im Kiewer Stadtviertel Podil, wie unter anderem die „Euromaidan Press” berichtete. Wann Besfamilnaja, die von ihren Nachbarn liebevoll „Baba Zhenja” genannt wurde, genau starb, ist nicht bekannt. Dem Bericht zufolge sahen die Nachbarn sie zuletzt Anfang Januar.

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Als Kleinkind war Jewgenia Besfamilnaja demnach 1941 den Deportationen nach Babyn Jar entgangen. In der Schlucht auf dem heutigen Gebiet der ukrainischen Hauptstadt erschossen die Nationalsozialisten am 29. und 30. September 1941 mehr als 33.000 Jüdinnen und Juden. Die Erschießungen waren das größte Einzelmassaker im Zweiten Weltkrieg in Europa. Besfamilnaja wuchs laut dem Artikel nach dem Massaker in einem Waisenhaus auf.

Selenskyj kritisiert Kiews Verwaltung

Die Ukraine erlebt derzeit den härtesten Winter seit Beginn der russischen Vollinvasion vor fast vier Jahren. Die russischen Streitkräfte greifen seit Monaten gezielt Kraftwerke und Stromleitungen mit Drohnen und Raketen an. Aufgrund der Energieknappheit haben Ukrainer oft nur stundenweise Strom. Auch fließendes Wasser fehlt in vielen Haushalten zeitweise. Im Oktober fiel der Strom in der links des Flusses Dnipro liegenden Hälfte von Kiew komplett aus. Auch andere Regionen des Landes sind immer wieder betroffen.

Wärmezelte, in denen Betroffene Schutz suchen können, wurden vielerorts errichtet. Nicht alle Menschen in der Ukraine können ihre Wohnung jedoch verlassen, etwa weil sie bettlägerig sind oder der Aufzug ausgefallen ist. Daher ist die Gefahr eines Kältetodes gerade bei alten Menschen hoch. Die Temperaturen in der Ukraine erreichen zweistellige Minusgrade. Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko riet Anfang des Monats Zehntausenden Einwohnern, die Stadt vorübergehend zu verlassen.

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Am Mittwochabend kritisierte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Kiewer Stadtverwaltung nach Blackouts. „Die Ausrüstung hätte schon vor dem Winter besorgt und gekauft werden müssen, und die Stadtverwaltung von Kiew sollte jetzt um ein Vielfaches schneller agieren, um den Menschen wenigstens im Februar das Leben zu erleichtern”, sagte er in seiner Videoansprache.

Nach Angaben Selenskyjs gibt es Hinweise darauf, dass Moskau eine neue schwere Angriffswelle plant. Bereits vor fast zwei Wochen hatte Selenskyj Bürgermeister Klitscko eine mangelnde Vorbereitung auf eine Notlage in Kiew vorgeworfen. Klitschko, der als politischer Gegner Selenskykjs gilt, wies die Anschuldigung damals zurück. (lar)

Dieser Text erschien zuerst bei ntv.de