„Wir haben gemerkt, hier stimmt etwas nicht“Zwei Gespräche – dann der Anschlag: Der Pädagoge von Abdul Ballout im RTL-Interview
Warum schlug niemand Alarm?
Nur zwei Gespräche – dann raste Abdul Ballout (21) mit einem Transporter in die Menschenmenge am Berliner Christopher Street Day. Eine 65-jährige Frau starb, zahlreiche weitere Menschen wurden verletzt. Jetzt rückt auch die Frage in den Fokus, ob der Anschlag hätte verhindert werden können. Besonders brisant: Der Pädagoge, der den mutmaßlichen Attentäter im Rahmen eines Deradikalisierungsprogramms betreute, hatte bereits vor der Tat Zweifel – informierte die Behörden aber nicht.
„Wir haben gemerkt, hier stimmt etwas nicht“
Vom Amtsgericht Tiergarten war Abdul Ballout im Mai wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat zu einem Jahr und zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Zu den Bewährungsauflagen gehörten ein Bewährungshelfer und die Teilnahme an einem Deradikalisierungsprogramm des öffentlich geförderten Vereins Violence Prevention Network (VPN).
VPN-Geschäftsführer und Diplom-Pädagoge Thomas Mücke traf den 21-Jährigen am 17. Juni und am 8. Juli. Ein drittes Gespräch war für den 27. Juli angesetzt – zwei Tage nach dem Anschlag. Im Gespräch mit RTL beschreibt Mücke Abdul Ballout als „sehr freundlich, sehr höflich. Er hat darauf geachtet, die Termine pünktlich wahrzunehmen.“
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Gleichzeitig habe er den jungen Mann als schwer einschätzbar erlebt, hinter dieser Fassade habe sich der 21-Jährige kaum blicken lassen. „Wir haben gemerkt, dass seine Antworten sehr kontrolliert und zurückhaltend waren. Das macht die Arbeit schwierig, weil wir den Eindruck hatten, dass er sich nicht wirklich zeigen will.“ Mücke zieht daraus heute ein ernüchterndes Fazit: „Wir haben gemerkt, hier stimmt etwas nicht.“
Warum die Behörden zunächst keine Information erhielten
Trotz dieses Eindrucks informierte der Pädagoge weder Polizei noch Justiz. Gegenüber RTL erklärt Mücke, dass dies den Abläufen des Programms entspreche. Erst nach einem dritten Gespräch werde eine Einschätzung erstellt und an die zuständigen Stellen übermittelt. Das habe auch im Fall Abdul B. gegolten. Das dritte Gespräch sei jedoch nie zustande gekommen.
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Nach den ersten beiden Gesprächen sei außerdem deutlich geworden, dass Abdul Ballout die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Deradikalisierung kaum erfüllte. „Dazu brauchen wir eine gewisse eigene Motivation und auch eine Problemeinsicht. Das haben wir bei ihm nicht gesehen.“ Der Pädagoge beschreibt den mutmaßlichen Attentäter deshalb als „nicht durchschaubar“. Für Fachkräfte sei genau das eine der größten Herausforderungen: Wer seine eigentliche Haltung konsequent verberge, lasse sich nur schwer einschätzen.
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Was Deradikalisierung leisten kann – und was nicht
Seit Jahren arbeitet Thomas Mücke mit Menschen aus der extremistischen Szene. Ziel sei es nicht, sie zu belehren, sondern Denkprozesse anzustoßen. „Was wir machen in der Arbeit ist, dass wir wieder anregen, eigenständig zu denken, Fragen zu stellen, zu hinterfragen. Und so lösen sich langsam auch menschenverachtende ideologische Versatzstücke”, sagt Mücke.
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Im Fall Abdul Ballout kam dieser Prozess offenbar nie in Gang. Stattdessen bleiben nach dem Anschlag viele offene Fragen. Auch die, ob Warnsignale früher hätten weitergegeben werden müssen und ob dadurch möglicherweise Schlimmeres hätte verhindert werden können.
Verwendete Quellen: eigene RTL-Recherchen, bild.de
































