Martin Wichmann wurde als Kind vom „Maskenmann” missbraucht„Wäre dann wohl auch ein Mordopfer geworden“
Ein Interview, das unter die Haut geht.
Über Jahrzehnte verbreitete der sogenannte „Maskenmann” Angst. Jetzt ist Martin N. auch in Frankreich wegen Mordes verurteilt worden. Für einen Überlebenden kommen damit grausame Erinnerungen zurück. Im Video spricht Martin Wichmann über eine Stimme, die er nie vergessen konnte. Eine Nacht, die sein ganzes Leben verändert hat. Und eine Schwester, die ihm vermutlich das Leben rettete.
Wie sich der „Maskenmann” in Martin Wichmanns Elternhaus schlich
Ein Gericht in Nantes hat den bereits in Deutschland verurteilten Serienmörder Martin N. kürzlich auch wegen des Mordes an dem zehnjährigen Jonathan aus Frankreich schuldig gesprochen. Der Junge war 2004 aus einem Schullandheim in Saint-Brevin-les-Pins verschwunden. Wenige Wochen später fanden Ermittler seine Leiche in einem Teich. Martin N. hatte die Tat im Prozess bestritten. Seine Verteidigung forderte einen Freispruch. Das Gericht sah ihn dennoch als schuldig an und verurteilte ihn zu lebenslanger Haft.
In Deutschland hatte der „Maskenmann” während fast 20 Jahren kleine Jungen missbraucht und drei von ihnen im Alter von acht, neun und 13 Jahren ermordet. Zwischen 1992 und 2001 schlich der Pädagoge sich in Norddeutschland nachts maskiert an die Betten Dutzender Opfer. Einer von ihnen ist Martin Wichmann aus Bremen. Er kehrt mit dem Team von „stern TV am Sonntag” an den Ort zurück, an dem er als Kind angegriffen wurde: zu seinem Elternhaus. Mit zehn Jahren wird er dort selbst Opfer des Mannes, den später ganz Deutschland als „Maskenmann” kennt.
Damals schläft er mit seiner älteren Schwester in einem Zimmer im ersten Stock. Plötzlich steht ein Mann über ihm und vergeht sich an dem Jungen. „Ich habe versucht zu schreien, aber es kam kein Ton raus“, erinnert sich Wichmann. In seiner Panik kneift er seine Schwester. Sie wird wach, hört die Stimme, sieht einen Umriss und schreit. Daraufhin flieht der Täter. „Das werde ich nie vergessen. Das hat sich so in meinem Kopf eingebrannt, dadurch, dass das so ein schlimmes Erlebnis war, werde ich das nie vergessen können”, erklärt Martin Wichmann heute im Interview.
Nach 16 Jahren liefert Martin Wichmann den entscheidenden Hinweis auf den „Maskenmann”
Nach dem Missbrauch verändert sich der Junge. Er wird aggressiv, greift seine Familie an und gibt sich selbst die Schuld: „Ich konnte es nicht verarbeiten, weil wie will man das als Zehnjähriger verstehen? Man versucht das irgendwie zu verdrängen und dadurch kamen Aggressionen hoch.” Mit zwölfeinhalb Jahren kommt er für siebeneinhalb Monate in die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dort lernt er, dass nicht er verantwortlich ist.
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Erst viele Jahre später begreift Martin Wichmann dann, dass er den Angreifer tatsächlich kennt. Einige Wochen vor der Tat war er mit Martin N. auf einer Jugendfreizeit gewesen. Dort war der spätere Täter sein Betreuer. Die Stimme des Täters lässt ihn nicht los. Erst 16 Jahre später, mit 26, fügt sich die Erinnerung zusammen. Wichmann geht zur Polizei und nennt den Namen. Dieser Hinweis wird entscheidend. Die Ermittler nehmen Martin N. fest. Später gesteht er in Deutschland die Morde an drei Jungen.
Dank seiner Schwester lebt „Maskenmann”-Opfer Martin Wichmann heute noch
Wirklich abschließen konnte Martin Wichmann nie. Vor einigen Jahren schreibt er dem Täter sogar einen Brief ins Gefängnis. Die Antwort trifft ihn hart. Martin N. habe ihm klipp und klar gesagt, dass er ohne seine Schwester heute nicht mehr leben würde. Für Wichmann steht deshalb fest, wie knapp er dem Tod entkommen ist. „Ich wäre dann wohl auch ein Mordopfer geworden“, sagt er.
In Deutschland sitzt der sogenannte Maskenmann bereits seit 2012 lebenslang in Haft. Über Jahre hatte er nachts maskiert Kinder angegriffen, während er tagsüber als Betreuer mit Jungen arbeitete. Dass nun auch der Fall Jonathan juristisch aufgearbeitet ist, bringt für die Angehörigen und Überlebenden keine echte Heilung. Aber es ist ein weiteres Stück Wahrheit in einer Tatserie, die bis heute kaum zu ertragen ist.
Verwendete Quellen: stern TV am Sonntag, dpa



