Nach Mord-Urteil in Frankreich„Wie wäre Stefan heute?“ Bruder von Maskenmann-Opfer stellt sich immer wieder diese Frage

Vergessen hat Oliver seinen Bruder auch nach 34 Jahren nicht.
Der deutsche Serienmörder Martin N. wird am Donnerstag (4. Juni) in Frankreich erneut zu lebenslanger Haft verurteilt. Damit kommen auch Erinnerungen zurück. Oliver Tessnows Bruder Stefan wurde 1992 im Alter von 13 Jahren das erste bekannte Mordopfer des später als „Maskenmann” berüchtigten Killers. Im Gespräch mit RTL spricht Oliver über einen Verlust, der ihn bis heute begleitet.
„Stefan kommt wirklich nicht wieder“
Im Haus seiner Eltern in der Nähe von Hamburg erinnert noch vieles an die gemeinsame Kindheit. Hier wächst Oliver mit seinem großen Bruder auf. Die beiden sind eng verbunden. „Meine Mutter hat immer gesagt, er hat mich abgöttisch geliebt als kleinen Bruder”, erzählt Oliver Tessnow im Gespräch mit RTL.
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Doch dann verändert eine Nachricht alles. Stefan wird aus einem Internat im niedersächsischen Scheeßel entführt und ermordet. Oliver ist damals noch ein Kind. „Ich habe natürlich erst mich geweigert, das zu glauben, und wollte das nicht akzeptieren. Aber dann kam auch ganz schnell die Erkenntnis: Nein, Stefan kommt wirklich nicht wieder“, sagt er. Bis heute beschäftigt ihn, wie das Leben seines Bruders hätte verlaufen können. „Wie wäre Stefan heute, wenn er noch leben würde? Was würde er so machen? Hätte er Familie gegründet?”

Der „Maskenmann” verbreitet jahrelang Angst
Stefan gehört zum ersten bekannten Opfer des Mannes, der später als „Maskenmann” bundesweit bekannt wird. Martin N. dringt nachts in Internate und Schullandheime in, missbraucht zahlreiche Kinder und Jugendliche, entführt und tötet drei Jungen. Die Polizei sucht fast zwei Jahrzehnte nach dem Täter. Auch Stefans Vater Ulrich gibt nicht auf und macht die Suche nach dem Mörder seines Sohnes zu seiner Lebensaufgabe. Er verfolgt Hinweise, engagiert Privatdetektive und kämpft unermüdlich um Aufklärung.
Martin N. wird schließlich gefasst und 2012 wegen Mordes und schweren sexuellen Missbrauchs zu lebenslanger Haft verurteilt. Ulrich erlebt die Verurteilung noch, kurz danach stirbt er an einem Herzinfarkt.
In Gedanken bei den Angehörigen von Jonathan
Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Mord verfolgt Oliver Tessnow auch den Prozess gegen Martin N. in Frankreich. Dort wird der deutsche Serienmörder am Donnerstag (4. Juni) wegen des Mordes am zehnjährigen Jonathan Coulom zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Junge war 2004 während eines Sommercamps verschwunden. Wochen später wurde seine Leiche in einem Teich gefunden.

Für Tessnow passt der Fall ins bekannte Muster des Täters. „Das Alter des Opfers. Das passt genau in sein Beuteschema”, meint er. Auch die Art, wie die Tat anschließend vertuscht worden sein soll, erinnere ihn an den Mord an seinem Bruder. Vor einigen Jahren versucht Martin N. sogar, Kontakt zu den Familien seiner Opfer aufzunehmen. Über seinen Anwalt bittet er um persönliche Gespräche. Für Oliver kommt das nicht infrage. „Das haben sowohl meine Mutter als auch ich abgelehnt, weil wir uns davon nichts erwarten und auch nichts erhoffen“, sagt er im RTL-Interview. „Vielleicht möchte er Reue zeigen, vielleicht möchte er sich erklären. Ich weiß es nicht. Und es interessiert mich ehrlich gesagt auch gar nicht.“
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Fast 20 Jahre mussten Oliver Tessnow und dessen Eltern warten, bis der Mörder ihres Sohnes und Bruders gefasst wurde. Die Fragen und die Leere bleiben. Deshalb hofft er jetzt vor allem auf eines: Frieden für Jonathans Familie. „Mein Wunsch ist vor allem, dass die Familie von Jonathan endlich Aufklärung bekommt, dass sie damit abschließen können.“ Vergessen wird Oliver seinen Bruder nie. Doch nach all den Jahren hat er gelernt, mit dem Schmerz zu leben. Die Frage, die ihn seit 34 Jahren begleitet, bleibt trotzdem: Wie wäre Stefan heute?
Verwendete Quellen: eigene RTL-Recherche



